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Literatur : Dichterinnen in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Sylvia Plath: Gasvergiftung mit 30 Bild: AP

Depressionen, Selbstmorde, Überarbeitung - der Blick in die Literatur läßt nur einen Schluß zu: Frauen, die schreiben, leben gefährlich. Warum verzweifeln gerade die schöpferischsten Frauen so häufig? Ein Essay von Elke Heidenreich.

          „Wir geistigen Frauen enden als Verliererinnen in Liebesgeschäften“, schreibt die argentinische Lyrikerin Alfonsina Storni, ehe sie sich - mit 46 Jahren - ins Meer stürzt. Auch die früheste aller Dichterinnen, Sappho, soll ihr Leben im Meer beendet haben. Sie war sich ganz sicher, daß Frauen genauso schreiben können wie die Männer, und hinterließ Verse wie diesen: „Sich erinnern an uns/wird, wie ich mein',/mancher in spätrer Zeit.“

          Für Ingeborg Bachmann war das Schreiben die schmerzlichste aller „Todesarten“; die Gedichte von Sylvia Plath und Anne Sexton entstanden aus den Beschädigungen, die ihnen die Realitäten der fünfziger und sechziger Jahre in Amerika (die Mütter! die Männer!) zugefügt hatten. Beide starben durch Selbstmord - Sylvia Plath steckte, dreißigjährig, den Kopf in den Gasofen, vorher schnitt sie sich zur Vorsicht auch noch die Pulsadern auf. Anne Sexton machte ihren ersten Selbstmordversuch mit 29 Jahren, es folgten noch viele weitere Versuche und Jahre der Therapie, in denen sie immer vom Selbstmord sprach und ihn „den Ausweg für Frauen“ nannte. Mit 45 Jahren zog sie den Pelzmantel ihrer Mutter an, trank ein Glas Wodka, ging in die Garage und vergiftete sich mit Autoabgasen. „Wenn der Tod einen nimmt und durch die Mangel dreht, ist es ein Mann. Aber wenn man sich selbst umbringt, ist es eine Frau“, schrieb sie.

          Mit Steinen in den Fluß

          Die romantische Dichterin Karoline von Günderrode veröffentlichte ihre Lyrik zunächst unter dem Männernamen Tian, verzweifelte dann an der Unmöglichkeit, als Frau ein freies, kreatives, künstlerisches Leben zu führen, und stach sich 1806 einen Dolch ins Herz: Sie war 26 Jahre alt. Carson McCullers' großer Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ erschien 1940, sie hatte ihn mit nur 23 Jahren geschrieben. Der Erfolg ruinierte ihre Ehe mit einem erfolglosen Schriftsteller, Schlaganfälle und ein rastloses Leben ruinierten ihre Gesundheit - sie wurde keine fünfzig Jahre alt. Virginia Woolf steckte sich Steine in die Jackentaschen und ertränkte sich, gerade fünfzig, in einem Fluß.

          Virginia Woolf: Selbstmord mit 50

          Die Reihe ließe sich noch lange fortführen. „Frauen schreiben nicht, und wenn sie schreiben, bringen sie sich um“, zitiert die uruguayische Lyrikerin Cristina Peri Rossi ihren Onkel in einem Nachruf auf ihre argentinische Kollegin Marta Lynch, die sich 1985 erschossen hatte.

          Wo sind die Musen der Frauen?

          Was geschieht hier? Warum verzweifeln gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben, daß sie es nicht mehr aushalten können? Das, was Männer beflügelt, zerstört offenbar Frauen: die Gleichzeitigkeit, eine Liebe zu leben und sich künstlerisch zu etablieren. Dazu kommt etwas ganz Einfaches, etwas ganz und gar Unerträgliches: Frauen regeln den Alltag von Männern, damit diese schreiben (oder was auch immer tun) können. Wer regelt eigentlich den Alltag von Frauen? Frauen werden gern als die Musen der Männer bezeichnet. Wer und wo sind denn aber die Musen der Frauen? Die Frau muß sich selbst Muse sein. Ingeborg Bachmann spottete über Männer und Musen: „Ihr mit euren Musen und euren Tragtieren und euren gelehrten, verständigen Gefährtinnen, die ihr zum Reden zulaßt!“

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