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Literatur : Der Zauberer von Leipzig-Ost

Schließlich haben sie ihm den Strom abgestellt, weil er seine Rechnungen nicht bezahlen konnte. Die erste Plombe riß Meyer einfach ab, kaum daß der Elektriker verschwunden war. Beim zweiten Mal trug er den Wasserkocher in den Keller und suchte dort eine funktionierende Steckdose, um Tee und Tütensuppe zu kochen. Bei Aldi erstand er Billigbatterien; abends, bei Kerzenlicht, hörte er Hörbücher. „Das ist ein Jahr her, da saß ich hier im Dunkeln“, sagt Meyer. „Und jetzt hab' ich hier einen Stapel Rezensionen liegen.“

Die Ideale der Romanhelden

Wenn Clemens Meyer ins Erzählen kommt, ist er gut. Die Handlung ist anschaulich, das Timing stimmt, und wenn das Publikum mitgeht, muß er oft genug selbst lachen. Kein Wunder, daß die Freunde ihn ständig um Geschichten anbetteln. Aus dem „Eastside“ zum Beispiel. Von dem Morgen, an dem jeder von ihnen zweihundert Mark verdient hatte, Meyer noch betrunken direkt zur Kirche ging, seinen Part im Posaunenchor absolvierte, hinterher die Hälfte der Einnahmen verfraß und versoff, um anschließend bis zum Schulbeginn am Montag durchzuschlafen. Von jener Nacht, als die Polizei kam und Meyer verhandeln mußte, damit sie nicht den Laden räumte. „Die Musik war schon aus. Die Bullen standen rum, und ich bin hin und hörte von links und rechts die Leute flüstern: ,Das isser. Der macht das hier.' Keiner konnte sich vorstellen, daß ich der Mann bin, der das alles organisiert und am Leben erhält. Das war ein großer Moment im Leben, muß ich sagen, größer vielleicht . . .“ Meyer bricht ab. Nein, nicht größer. „Aber mindestens genauso groß wie ein literarischer Erfolg.“

Manchmal ist Meyer den Idealen seiner Romanhelden verräterisch nah. Wenn er von ihnen schreibt jedoch, wird seine respektvolle, einfühlsame Sicht zur Stärke. Seine Sprache ist genau, die Dramaturgie komplex. Eine strenge Ästhetik macht aus Elend Kunst.

Gedächtnistag im „Immerglück“

Meyer sitzt mittlerweile in der Gaststätte „Immerglück“ in der Nähe der Stadtgrenze, dort, wo in seinem Roman die Kneipe „Grüne Aue“ liegt, in der sich Danie und die Übriggebliebenen von ihrem drogentoten Freund verabschieden. Der Besitzer hat gewechselt, seit Meyer und seine Freunde hier regelmäßig tranken, weil das Bier nur schlappe zwei Mark kostete. Jetzt kommen sie nur noch einmal im Jahr, wenn sie einen „Gedächtnistag“ haben, wie Meyer erwähnt. Man denkt sich seinen Teil. Der Billardtisch ist verschwunden, die Dekoration besteht aus Fanartikeln von Bayern München, nicht von Sachsen Leipzig, aber wenigstens klopft man zur Begrüßung noch auf den Tisch, selbst wenn man die anderen Gäste nicht kennt.

Meyer bestellt Schwarzbier und Kräuterlikör, gegen den Husten, der ihn ausgerechnet seit der Buchmesse plagt. Kürzlich hat er seinen alten Sportlehrer wiedergetroffen. „Daß aus Ihnen mal was wird . . .“, habe der Mann verwundert gesagt. Clemens Meyer reibt sich die Hände. Seine bleichen Wangen sind gerötet. Das Lächeln steht im gut.

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