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Literatur : Der Zauberer von Leipzig-Ost

Wenn Meyer schreibt, daß ein Schnaps „Zehn vor Drei“ genannt wird, weil die Flasche 14,50 Mark kostete, hat er dieses Detail irgendwo aufgeschnappt. Wenn er schildert, wie die Insassen der Jugendarrestanstalt Monopoly spielen und dabei die Häuser und Hotels zu Puffs, Spielhallen und Zigarettenfabriken umfunktionieren - „drei Puffs waren ein Edelbordell“ -, stammt der Gag von ihm. Meyer hat kaum für sein Buch recherchiert. Mal jemanden angerufen, wie die Augen reagieren, wenn einer Heroin konsumiert. Mal in ein Fußballbuch geguckt, um Hooligan-Krawalle zu rekonstruieren. Den Rest leisteten Erinnerung und Phantasie. „Die Wahrheit ist manchmal voller Klischees“, sagt der Autor. „Erst in der Literatur entscheidet sich, ob etwas authentisch ist.“

Schönheit abseits der Moral

Sein Blick fällt durch die staubigen Lamellen der Jalousie auf die Brücke schräg gegenüber, wo gerade ein Mann im Sweatshirt die Stufen des S-Bahnhofs hinunterschlurft, jeweils links und rechts eine Flasche Bier in der Hand. „Klasse“, entfährt es Meyer. Das ist das Leben, das er kennt, und der Kosmos, in dem er die Geschichten findet, die er schreiben will: packend, etwas tragisch, manchmal komisch. Dabei fühlt sich der Autor weder als Sozialarbeiter noch geht es ihm darum, Ursachenforschung zu betreiben. „Entscheidend ist doch zu zeigen, daß eben auch in solchen Welten Schönheit und eine gewisse Moral abseits der Moral herrschen können. Daß es Hoffnung und Glanz gibt - auch wenn letztlich das Destruktive überwiegt.“ Er bezeichnet seinen 500-Seiten-Roman als „Saga von Freundschaft, Liebe und Verrat“, der auch losgelöst von seiner zeitgeschichtlichen Grundierung allgemeingültige Mechanismen beschreibt wie die Logik der Gewalt und des Scheiterns.

Meyer selbst wäre keine glaubwürdige Figur in seinem Roman. Sein Blick ist sanft, der Händedruck schlaff, die Konturen weich. Vor allem aber sagt der Autor, er habe schon immer Schriftsteller werden wollen. „Ich weiß, woher ich komme. Ich weiß aber auch, wohin ich gehe. Ich wußte es immer, ich wußte, die Literatur ist meins. Wenn ich irgendwo im Dreck lag und halb totgeprügelt wurde, wenn ich vor Gericht stand und es Spitz auf Knopf war, ob ich in den Knast gehe - das hat mich alles nicht interessiert.“ Als Kind verfaßte Meyer Tiergeschichten, mit 17 schrieb er symbolisch verschlüsselt über einen Tankstellenräuber. Seine Kumpels wußten nur, daß er viel las. Der Johnnie-Walker-Man war ein Büchertyp, der Organisator der illegalen Disko zugleich der Schöpfer ihres Namens. Seine uncoole Brille trug Meyer auf eine coole Art.

Zwischen Nadolny und Gabelstapler

Nach dem Abitur arbeitete Meyer dann auf dem Bau, weil das seiner Vorstellung von einem Schriftstellerleben am nächsten kam. Seinen Lohn trug er jeden Abend in sein Lieblingsantiquariat. Zufällig hörte er vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig, bewarb sich und begann 1998 mit dem Studium. Die ersten Seiten zu „Als wir träumten“ entstanden schon ein Jahr später. Da verdiente Meyer sich seinen Lebensunterhalt gerade als Wachmann, mit Piet auf Streife. Der Text wurde 2001 mit dem MDR-Literaturpreis ausgezeichnet. Meyer studierte, schrieb, fand Förderer wie Sten Nadolny und jobbte im Großhandel als Gabelstaplerfahrer. Sein Namensschild von „Metro“ lehnt heute noch auf der Fensterbank. In den vergangenen beiden Jahren, als Meyer nach einem Verlag für sein Manuskript suchte und künstlertypisch zwischen Selbstvergötterung und Zweifeln schwankte, lebte er von Sozialhilfe und Hartz IV.

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