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Literatur : Der Weltvermesser

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Schreiben mit Angst, Wut und Mut: Die erstaunliche Erfolgsgeschichte von Daniel Kehlmann, dessen jüngster Roman zum größten internationalen Bucherfolg eines jungen deutschen Autors seit langer Zeit geworden ist.

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          Was für eine schöne Wut! Gegen das Funktionärsdasein der deutschen Gegenwartsautoren hatte er gewütet, gegen die Nettigkeit des ganzen Betriebs, der einen permanent in Jurys sitzen sehen wolle und in Stadtbibliotheken und der dafür verantwortlich sei, daß die deutsche Gegenwartsliteratur sich auf einen Ton vorsichtigen Mittelmaßes eingependelt habe und keine Risiken mehr eingehe. Vortragssaalkompatibel, das war das Wort, das traf. Er wollte damals, in dem Text, der in dieser Zeitung erschien, eigentlich nur die Tagebücher Helmut Kraussers loben. Aber diese Anklage, die mußte erst noch raus.

          Und als er wenig später einen Text über Voltaire schrieb, begann er ihn mit den Worten des Philosophen: „Ich war müde des müßigen und turbulenten Lebens in Paris, der vielen Stutzer, der schlechten Bücher, die mit Erlaubnis und Billigung des Königs gedruckt wurden, der Ränke der Literaten, der Niederträchtigkeiten und Erpressungen jener Elenden, die der Literatur Schande bereiten.“ So zitierte Kehlmann - und fügte selber an: „Überdrüssig also des Literaturbetriebs.“

          Furiose Geschichte

          Wer ist dieser Mann? Wer ist Daniel Kehlmann, der im Alter von zweiundzwanzig Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte, ein Jahr später sein Studium der Germanistik und Philosophie abschloß und einen Erzählungsband erscheinen ließ? Der danach zu Suhrkamp wechselte, drei weitere Romane folgen ließ, von denen der letzte, „Ich und Kaminski“, die furiose Geschichte eines skrupellosen Kulturjournalisten und Biographen, der einen greisen Avantgarde-Künstler mit seinem Lebensbeschreibungsehrgeiz verfolgt, zum größten internationalen Bucherfolg eines jungen deutschen Autors seit langer Zeit geworden ist und in zwölf Sprachen übersetzt wurde.

          Und der jetzt, in seinem neuesten Buch, das in diesen Tagen bei Rowohlt erscheint, sich aus der Gegenwart verabschiedet und das Leben des größten deutschen Mathematikers, Carl Friedrich Gauß, und des größten deutschen Forschungsreisenden, Alexander von Humboldt, als parallele Lebensgeschichten, als parallele Welterforschungsgeschichten neu erzählt. Ein Roman über die deutsche Klassik auf Reisen, über den unbedingten Glauben an die Vernunft, über Obsessionen und Visionen, über die „Vermessung der Welt“, im Geist und in der Wirklichkeit. In neun Sprachen wird der Roman schon jetzt, noch vor dem Erscheinen, übersetzt.

          Angst vor Überfällen

          Daniel Kehlmann ist dreißig Jahre alt. Er wurde in München geboren und lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Wien. Jetzt aber ist er gerade in Madrid. Seine spanische Freundin lebt und arbeitet hier. Er ist oft und lange hier. Wenn ich ihn besuchen komme, hatte er vorher geschrieben, dann sage er es aber lieber gleich, er spreche fast kein Spanisch, es sei ihm sehr unangenehm, und wenn ich darüber in meinem Bericht spöttische Bemerkungen machen wolle, bitte sehr, er habe es verdient. Doch als wir dann in der Cerveceria auf der Plaza Santa Ana im Herzen von Madrid sitzen, bestellt er die Tapas des Tages sehr souverän. Das was er könne, habe er in Mexiko gelernt, sagt er, nicht bei seiner Freundin, die spreche viel zu gut Deutsch. Er war zwei Monate in Mexiko, zu Gast bei der österreichischen Botschaft, und es hieß, die meisten Überfälle in der Stadt passierten im Taxi. Aus Angst vor Überfällen habe er während der Fahrten immer wild auf die Fahrer eingeredet, um die Überlebenschancen im Falle eines Überfalls zu erhöhen.

          In Mexiko kam ihm auch die Idee zu einem Humboldt-Roman. Überall erinnerten Gedenksteine und Straßennamen an den deutschen Weltreisenden. Kehlmann las und forschte, das war lange bevor Hans Magnus Enzensberger mit seiner zentnerschweren Humboldt-Edition den Mann in Deutschland wieder zu einem Massenstar gemacht hatte. Seine Reisen begeisterten ihn und vor allem, daß dieser Mann, der die deutsche Klassik, die Form, die Haltung, die staatsmännische Weltgewißheit der deutschen Klassik wie kaum ein zweiter repräsentierte, sich in die Welt begab. In den Schmutz, zu den Menschenfressern, in die Sümpfe des Amazonas ging, auf menschenunbekannte Höhen stieg, sich in aktive Vulkane abseilen ließ, die Läuse der Ureinwohner zählte, gegen die Sklaverei kämpfte und kein Geheimnis am Wegesrand unerforscht lassen konnte. Ein besessener Wahrheitssucher und Weltvermesser und noch im tiefsten Schlamm und bei größter Hitze in seiner preußischen Uniform. Und der all das aufgeschrieben hat, aber in einer solch stolzen, nicht sehr lesbaren Trockenheit, die von der Wahrheit der Reise, von dem Elend und der Komik des stets um Haltung bemühten preußischen Barons in den Kratern der Vulkane natürlich nichts weiß und nichts zugeben kann.

          Genie auf Gedankenreisen

          Das war der Anfang. Und dann kam ein anderer Charakter dazu. Der Mathematiker Gauß. Kehlmann wollte schon lange über ihn schreiben. Mathematik, die Grenzen der Mathematik und der Zahlenwelt, das hatte schon in seinen frühen Romanen oft eine Rolle gespielt. Und Gauß, das melancholische Genie mit Selbstmordgedanken und dem Willen zur Weltberechnung völlig ohne Reiseehrgeiz, statt dessen nur mit Sternbeobachtung, Formelwissen, Gedankenreisen beschäftigt, das war der zweite Mann, dessen Leben er parallel zu Humboldt erzählen wollte.

          Und das gelingt Kehlmann auf fast traumwandlerisch sichere Art und Weise. Der eine in Göttingen, der andere in der Welt. Und Kehlmann wirbelt die Geschichte umher, erfindet manches frei hinzu, stößt sich von Fakten ab, erläutert hier mal eben kurz und grob die „Disquisitiones Arithmeticae“ von Gauß, läßt Goethe auftreten und verschwinden, Georg Forster, den greisen, senilen Kant, beginnt Geschichten, wirft sie fort.

          Ein echter Erzähler

          Daniel Kehlmann ist ein echter Erzähler. Der Geschichten liebt und der erzählen kann. Dessen Vorbilder Nabokov und Updike heißen und der die großen südamerikanischen Romanciers verehrt. Mit großem Feuer spricht er von den Autoren, die er liebt, auch von den deutschen Klassikern, dem modernen Erzähler Grass, den unmodernen, langweiligen Böll und Walser, von W. G. Sebald und all den anderen Königen der deutschen Nachkriegsliteratur, die jenseits der Gruppe 47 schrieben und spät, zu spät oft, zu anerkannten Größen wurden. Oder die man vergaß. Vom großen österreichischen Erzähler Leo Perutz schwärmt er und sagt, daß er Joseph Roth nur wenig wahrgenommen habe, „weil das der Bereich meines Vaters war“, des Filmemachers Michael Kehlmann, der in den sechziger Jahren verschiedene Roth-Romane verfilmt hatte.

          Kehlmann spricht sehr angenehm mit leichtem österreichischen Singsang. Und wenn man ihn sieht, auf den meisten Fotos und auch hier, wirkt er wie jemand, der nicht ganz zu Hause ist in seinem Körper, immer etwas unsicher, hölzern, sich selbst beobachtend. Erst im Gespräch über Bücher gewinnt er seine wahre Größe, seine Sicherheit.

          Zitternd aufs Urteil gewartet

          Beim Reden über sein eigenes Buch fehlt sie ihm noch. Er tastet sich an eine Sicherheit heran. In einem Essay, der parallel zum Roman erscheint, hat er wortreich den Wert des historischen Romans beschworen, sich gegen dessen Verächter im Vorfeld abgesichert. Er hat das Manuskript des Romans an den Gauß-Experten und Mathematikprofessor Taschner, „der war im letzten Jahr Naturwissenschaftler des Jahres“, geschickt und auf sein Urteil so zitternd gewartet wie noch nie auf ein Prüfungsergebnis. Doch Taschner fand alles tadellos. An den Humboldt-Experten Enzensberger schickte er es. Auch der war sehr einverstanden. Und die größte Angst, sagt Kehlmann, habe er jetzt vor seiner bevorstehenden Lesung in Göttingen. Oh, nein, hat er der Lesungsorganisatorin vom Verlag gesagt: „Göttingen - muß das sein?“ Ja, warum denn nicht? Weil dort die Gauß-Gesellschaft sitze, und die Herren verstünden keinen Spaß.

          Das sind die Ängste des Daniel Kehlmann. Und ein wenig merkt man die Vorsicht dem Roman auch an. Die Wut, die Boshaftigkeit, der Furor von „Ich und Kaminski“ fehlen im neuen Buch. Die Nettigkeit des Betriebs scheint ihn selbst ein wenig gefesselt zu haben. Kehlmann ist ein toller Erzähler, der alle Gefahren des Schreibens kennt. Vielleicht ein bißchen zu gut.

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