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Literatur : Der Weltvermesser

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Genie auf Gedankenreisen

Das war der Anfang. Und dann kam ein anderer Charakter dazu. Der Mathematiker Gauß. Kehlmann wollte schon lange über ihn schreiben. Mathematik, die Grenzen der Mathematik und der Zahlenwelt, das hatte schon in seinen frühen Romanen oft eine Rolle gespielt. Und Gauß, das melancholische Genie mit Selbstmordgedanken und dem Willen zur Weltberechnung völlig ohne Reiseehrgeiz, statt dessen nur mit Sternbeobachtung, Formelwissen, Gedankenreisen beschäftigt, das war der zweite Mann, dessen Leben er parallel zu Humboldt erzählen wollte.

Und das gelingt Kehlmann auf fast traumwandlerisch sichere Art und Weise. Der eine in Göttingen, der andere in der Welt. Und Kehlmann wirbelt die Geschichte umher, erfindet manches frei hinzu, stößt sich von Fakten ab, erläutert hier mal eben kurz und grob die „Disquisitiones Arithmeticae“ von Gauß, läßt Goethe auftreten und verschwinden, Georg Forster, den greisen, senilen Kant, beginnt Geschichten, wirft sie fort.

Ein echter Erzähler

Daniel Kehlmann ist ein echter Erzähler. Der Geschichten liebt und der erzählen kann. Dessen Vorbilder Nabokov und Updike heißen und der die großen südamerikanischen Romanciers verehrt. Mit großem Feuer spricht er von den Autoren, die er liebt, auch von den deutschen Klassikern, dem modernen Erzähler Grass, den unmodernen, langweiligen Böll und Walser, von W. G. Sebald und all den anderen Königen der deutschen Nachkriegsliteratur, die jenseits der Gruppe 47 schrieben und spät, zu spät oft, zu anerkannten Größen wurden. Oder die man vergaß. Vom großen österreichischen Erzähler Leo Perutz schwärmt er und sagt, daß er Joseph Roth nur wenig wahrgenommen habe, „weil das der Bereich meines Vaters war“, des Filmemachers Michael Kehlmann, der in den sechziger Jahren verschiedene Roth-Romane verfilmt hatte.

Kehlmann spricht sehr angenehm mit leichtem österreichischen Singsang. Und wenn man ihn sieht, auf den meisten Fotos und auch hier, wirkt er wie jemand, der nicht ganz zu Hause ist in seinem Körper, immer etwas unsicher, hölzern, sich selbst beobachtend. Erst im Gespräch über Bücher gewinnt er seine wahre Größe, seine Sicherheit.

Zitternd aufs Urteil gewartet

Beim Reden über sein eigenes Buch fehlt sie ihm noch. Er tastet sich an eine Sicherheit heran. In einem Essay, der parallel zum Roman erscheint, hat er wortreich den Wert des historischen Romans beschworen, sich gegen dessen Verächter im Vorfeld abgesichert. Er hat das Manuskript des Romans an den Gauß-Experten und Mathematikprofessor Taschner, „der war im letzten Jahr Naturwissenschaftler des Jahres“, geschickt und auf sein Urteil so zitternd gewartet wie noch nie auf ein Prüfungsergebnis. Doch Taschner fand alles tadellos. An den Humboldt-Experten Enzensberger schickte er es. Auch der war sehr einverstanden. Und die größte Angst, sagt Kehlmann, habe er jetzt vor seiner bevorstehenden Lesung in Göttingen. Oh, nein, hat er der Lesungsorganisatorin vom Verlag gesagt: „Göttingen - muß das sein?“ Ja, warum denn nicht? Weil dort die Gauß-Gesellschaft sitze, und die Herren verstünden keinen Spaß.

Das sind die Ängste des Daniel Kehlmann. Und ein wenig merkt man die Vorsicht dem Roman auch an. Die Wut, die Boshaftigkeit, der Furor von „Ich und Kaminski“ fehlen im neuen Buch. Die Nettigkeit des Betriebs scheint ihn selbst ein wenig gefesselt zu haben. Kehlmann ist ein toller Erzähler, der alle Gefahren des Schreibens kennt. Vielleicht ein bißchen zu gut.

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