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Literatur : Aus U mach E

Gefeiert: Charles Lewinsky Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Schweizer Literatur feiert endlich wieder einen Star. Mit „Melnitz“ erreicht Charles Lewinsky höchste Auflagen und Hymnen der Kritiker - denen er zuvor als vernachlässigenswerter „Vielschreiber“ galt.

          „Um es gleich vorwegzusagen: Das ist ein herausragender Roman, von einer Qualität, wie man sie in der Schweizer Literatur nur sehr selten antrifft“: Den Auftakt zu einer konzertierten Rezeption, wie man sie in der Schweiz überhaupt noch nie erlebt hat, schon gar nicht zu den Zeiten von Frisch und Dürrenmatt, machte der Schweizer Kritiker Andreas Isenschmid, der in der „NZZ am Sonntag“ auch gleich die Meßlatte setzte: „Im Vergleich mit Lewinskys ,Melnitz' war Nadolnys ,Entdeckung der Langsamkeit' die reine Hast.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Einen „Jüdischen Schweizer Spiegel“ habe Charles Lewinsky geschrieben, lobt Andreas Isenschmid. Er kann sich „nicht erinnern, in den letzten Jahren je einen so umfangreichen, nämlich 770 Seiten starken Roman so rasch, so leicht und mit so feingefächerter, stets ihre Farbe wechselnder Neugier gelesen zu haben“.

          In der „NZZ“ gab sich Roman Bucheli nicht weniger überschwenglich: „Charles Lewinsky hat nicht nur ein bewegendes Buch geschrieben, sondern eines, das man darum groß nennen möchte, weil es der Fassungslosigkeit vor der Geschichte eine wort- und bildmächtige, eine sinnenfrohe und detailgenaue Sprache zurückgibt.“ Es blieb den Frauen vorbehalten, bei aller hymnischen Zustimmung ein paar Vorbehalte zu formulieren. Claudia Kühner tat es im „Tages-Anzeiger“, Klara Obermüller in der „Weltwoche“. Es dauere eine gewisse Zeit, bis der Roman in Fahrt komme, befindet Klara Obermüller: „Es gibt kaum einen Aspekt jüdischer Existenz, der nicht thematisiert würde, der Roman wirkt bisweilen etwas überladen.“

          Auf Kosten der Charaktere

          Claudia Kühner, Spezialistin des Schweizer Judentums, lobt das „Lokalkolorit vom Aargau bis Zürich-Aussersihl“: „Aber Lewinsky gibt den innerfamiliären Befindlichkeiten detailbesessen viel mehr Raum, als es dem Fortgang des Romans guttut. Das geht auch auf Kosten der Charaktere, die merkwürdig blaß bleiben. Interessante Aspekte der schweizerisch-jüdischen oder auch der Zürcher Geschichte kommen höchstens am Rande vor, wie das Leben der neu zugewanderten Ostjuden, wie die innerjüdisch-religiösen Richtungskämpfe jener Jahre, wie der Antisemitismus in seinen vielen Formen.“ Als „etwas merkwürdig“ empfindet Claudia Kühner ebenfalls den literarischen Kunstgriff um die Figur von Melnitz, nach der Lewinskys Roman benannt ist: Es handelt sich um einen Toten, der im Laufe der Geschichte immer wieder für einen kurzen Moment auftaucht und dann wieder verschwindet.

          In der deutschsprachigen Literatur war Charles Lewinsky bislang ein unbeschriebenes Blatt. Doch unbekannt ist er zumindest in der Schweiz keineswegs. Er hat für das Fernsehen sehr erfolgreiche Sitcoms in Mundart („Fascht e Familie“) geschrieben, außerdem Satiren für den Rundfunk, Bücher, Lieder, Theaterstücke. Er verkörperte den Typus des Vielschreibers und Unterhaltungsschriftstellers - dessen Werk von der Literaturkritik kaum zur Kenntnis genommen wurde.

          Der Big Bang

          Peter Rothenbühler, Chefredakteur einer Boulevardzeitung, spottet in einem offenen Brief an den Texter der „siebenhundert Schlager und tausend TV-Shows“, der für Harald Juhnke Verse „gebrünzelt“ habe: „Wie können Sie nur das Selbstverständnis einer ganzen Schriftstellergeneration zur Sau machen. Denken Sie mal an all die ehemaligen Primarlehrer mit den selbstgestrickten Socken, die irgendwann mal anfingen, Literatur ins Wachsheft zu kritzeln, und sich dabei stets geschworen haben, ein reines Herz zu bewahren.“ Dank „Melnitz“, jubelt Rothenbühler, wird es „eine Zeit vor und eine Zeit nach Lewinsky geben“: „Das ist der Big Bang der Literaturszene.“

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