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Literatur : Auf Silberzunge ist Verlass

  • -Aktualisiert am

Charmant selbstverliebt: Gore Vidal Bild: AFP

Wer eine Schwäche für gehobenen Klatsch hat, wird dieses Buch nicht aus der Hand legen können: Der Schriftsteller Gore Vidal demonstriert auch im zweiten Teil seiner Autobiographie seinen unermüdlichen Willen zu Spott und Stichelei.

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          Einen einfachen „Caesar Salad“ hatte er sich zum Lunch bestellt, dabei aber dem Kellner aufgetragen, die Zutaten separat zu servieren. Als der Teller vor ihm stand, beschränkte er sich darauf, die säuberlich getrennten Bestandteile des Salats hin und her zu schieben. Davon gegessen hat er nichts.

          Damals, vor vielen Jahren im New Yorker Plaza Hotel, wirkte er ungehalten. Das Treffen mit der Modeavantgardistin Vivienne Westwood, die ihn am Tisch auf steilen Plateausohlen erwartete, schien ihn gründlich zu langweilen. All die Komplimente, die sie wie ein aufgeregter Teenager vortrug, überhörte er mit grandseigneuraler Gelassenheit, und auch ihre politisch und philosophisch garnierte Wissbegier konnte ihm bloß ein paar flüchtige Bemerkungen entlocken. Es war eine Vorstellung, mit der Gore Vidal seinen Ruf als Großmeister der Ironie und arroganten Selbstgefälligkeit eindrucksvoll bestätigte. Nur die Pointe beim Abschied blieb aus.

          Gehobener Klatsch

          Ich war damals auserkoren, das Gespräch aufzuzeichnen, durfte mich also in der Rolle des „passing tape recorder“ versuchen. So pflegt Vidal mit unverhohlener Herablassung die Journalisten zu bezeichnen, die ihn seit Jahrzehnten mit ihren Aufnahmegeräten besuchen, hoch droben auf seinem traumhaften Anwesen über der italienischen Mittelmeerküste oder in den Hügeln von Hollywood, wohin er jetzt seinen Alterssitz verlegt hat. Wer der Miniszene im Plaza Hotel nichts abgewinnen kann, braucht Vidals zweiten und letzten autobiographischen Band, den er nun zwölf Jahre nach „Palimpsest“, dem ersten Teil seiner Lebensbeschreibung, vorlegt, gar nicht aufzuschlagen. Wer eine Schwäche für gehobenen Klatsch hat, wird ihn freilich nicht aus der Hand legen können.

          Anekdoten, Begegnungen, bissige Pointen und Beobachtungen unterschiedlicher Intensität, aber mit durchweg allerhöchstem Prominenzwert jagen über die Seiten. „Point to Point Navigation“ umfasst, wie der Autor uns belehrt, die Zeit von 1964 bis 2006, aber da bindet er uns erst einmal einen Bären auf. Nicht nur zurück bis zu seiner Geburt im Jahr 1925 geht die spöttisch organisierte Zeitreise, Vidal nimmt uns noch weiter mit durch die Jahrhunderte zu seinen rätoromanischen Vorfahren väterlicherseits, während mütterlicherseits die Wasps, die White Anglo-Saxon Protestants, und unter ihnen namentlich Großvater Gore, denkwürdige Auftritte feiern.

          Abenteuerlicher Zickzackkurs

          Es sind immer Kurzauftritte. Wie der Titel andeutet, der auf eine Navigationsform ohne Kompass verweist, lässt Vidal sich von seiner Erinnerung auf einem abenteuerlichen Zickzackkurs durch die glorreich vergangenen Jahre schleudern. Personen, Themen und Zeitabschnitte purzeln chaotisch durcheinander, was wahrlich nicht unangebracht ist fürs eingestandenermaßen „nonlineare Leben“ dieses Multitalents, dem als Essayist, Romanschriftsteller, Dramatiker, Drehbuchschreiber, Politiker, Schauspieler, Kommentator und zuverlässigem Espritsprüher und Pointenpräger zu gleichen Teilen Verachtung und Verehrung zuflogen.

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