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Literaten : Lübeck 05: Günter Grass lädt ein

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Lädt nach Lübeck: Günter Grass Bild: AP

In einer neuen „Lübecker Gruppe 2005“ - angelehnt an die legendäre „Gruppe 47“ - will Günter Grass seine Schriftstellerkollegen „aus der Verstreuung holen“. Ist das noch zeitgemäß?

          Es ist das Jahr der Großen Koalition, und ein politisch engagierter Literat, der Einfluß nehmen will, bittet einen Kollegen zu einem informellen Treffen von Schriftstellern mit CDU-Abgeordneten: „Ich bin nun einmal für indirekte Einflußnahme, und die CDU liegt augenblicklich vor uns wie ein Mädchen kurz vor der Defloration.“ Das schrieb 1966 Hans Werner Richter, der Organisator der Gruppe 47, an Hans Mayer. Der solle unbedingt dabeisein, weil Richter Sorge hatte wegen seiner „wilden jungen Männer“, darunter Günter Grass und Enzensberger.

          In diesem Herbst mag es manchem Liebhaber so scheinen, als sei eher die SPD in Gefahr, ihre Unschuld zu verlieren. Ausgerechnet jetzt, zur neuen großen Koalition, will Grass Autoren nach dem Modell der Gruppe 47 zu regelmäßigen Werkstattgesprächen versammeln. Die „Lübecker Gruppe 05“ trifft sich Anfang kommender Woche erstmals, um sich auszutauschen und „auch über den literarischen Diskurs hinaus“ zu diskutieren. Eingeladen sind Thomas Brussig, Michael Kumpfmüller, Katja Lange-Müller, Benjamin Lebert, Eva Menasse, Matthias Politycki, Tilman Spengler und Burkhard Spinnen. Einige davon haben sich schon im Wahlkampf mit Grass für Rot-Grün engagiert, nun soll die Debatte jenseits von Kampagnen-Aufgeregtheiten institutionalisiert werden.

          In der Verstreuung

          Grass hat seine Motive gegenüber der Presse präzisiert: Gegenüber der Nachkriegszeit habe sich nämlich eines nicht geändert: „Die deutschen Schriftsteller leben alle in der Verstreuung.“ Auch heute sei Berlin kein Paris; Richter sei es gelungen, „für zweieinhalb Tage lang eine Art literarische Hauptstadt des deutschsprachigen Raums zu suggerieren“. Dieser hat in einer Erinnerung sein Erstaunen darüber festgehalten, daß der zunächst ganz unbekannte Grass „noch unter den widerlichsten Umständen“ angereist sei, „trotz großer Armut, aus Berlin oder auch aus Paris“.

          1964: Grass (l.) mit Dieter Wellershoff bei einer Tagung der „Gruppe 47”

          Nun sollen sich die Verstreuten auf nach Lübeck machen. 1958 hieß die Kulturkapitale Großholzleute. Der überwältigende Erfolg, den Grass dort mit der noch unveröffentlichten „Blechtrommel“ hatte, läutete aber schon den Anfang vom Ende der Gruppe 47 ein. Die Treffen wurden mehr und mehr zu Schauläufen, wo sich Autoren den Verlegern präsentierten. Die Politisierung, die unter anderen Grass und Walser betrieben, tat ein übriges dazu, die ursprüngliche Idee eines offenen Werkstattgesprächs zu verfälschen. Richter träumte noch 1968 von einem „sensiblen Nervennetz“ von Literaten, in dem jedes Wort Kreise bilde - ein künstlerisches Megahirn sozusagen, ein Großrechner zur Bündelung von Dicht- und Denkoperationen.

          Nun soll dieser höhere Organismus also wiederbelebt werden. Doch die räumliche „Verstreuung“ hat längst an Bedeutung verloren. Nicht nur Viva-Zuschauer und Bundeskanzlerinnen dauerkommunizieren per SMS und Mail, auch der Literaturbetrieb ist vollständig vernetzt - so daß eben eine persönliche Mail aus dem Büro Grass weite Kreise ziehen kann. Verstreut erscheint dies nur dem, der nicht mehr im Mittelpunkt steht.

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