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„Literarisches Quartett“ : In den Ruhm oder ins Grab?

Brechts Gedichte schmeckten ihm: Peter Rühmkorf Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Geschlürfte Gedichte, würgende Kritiker, große Frauen ohne Unterleib und volle Samenblasen: Das Literarische Quartett trat zum allerletzten Mal zusammen, um das Werk Bertolt Brechts zu debattieren.

          Die Oberen sagen: Es geht in den Ruhm. Die Unteren sagen: Es geht ins Grab. Brecht. Aus den „Svendborger Gedichten“. Mag sein, daß Peter Rühmkorf sie dabei hatte, in dem zettelgespickten roten Band, mit dem er in der Sendung herumfuchtelte. Doch er verbot sich selbst den Mund, wenn es ums Rezitieren ging. Dabei wurde viel rezitiert im „Literarischen Quartett“ aus Anlaß des fünfzigsten Todestags von Bertolt Brecht, in diesem „allerletzten Quartett“, wie Marcel Reich-Ranicki zu Beginn der Sendung nebenbei bemerkte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es wurde rezitiert aus „Erinnerung an die Marie A.“, dem frühen Liebesgedicht des Zweiundzwanzigjährigen. Aus „Der Radwechsel“ und dem „Choral vom großen Baal“. Aus „Mutter Courage und ihre Kinder“ und aus „Leben des Galilei“. Aus der „Dreigroschenoper“ und aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Aus den achtundvierzig Stücken also und den mehr als zweitausend Gedichten, für deren genaue Anzahl Iris Radisch Szenenapplaus vom Publikum bekam. „Sein Werk“, so stellte Reich-Ranicki fest, „das ist vor allem das Drama und die Lyrik.“

          Furioses Comeback

          Drama und Lyrik waren auch am Freitag abend am Werk, als Peter Rühmkorf als Gast der üblichen Dreierrunde aus Reich-Ranicki, Radisch und Hellmuth Karasek eine gute halbe Stunde lang nicht mehr zu Wort kam, ehe er dann mit seiner Flüsterstimme ein furioses Comeback erlebte und die „drogistische Note“ der Brechtschen Gedichte lobte, ja später sogar wagte, den Begriff „Dialektik“ fallen- zulassen. Das Lob rief Reich-Ranicki auf den Plan, der eine Lanze für die Verständlichkeit von Brechts Lyrik brach, die Rede von der Dialektik erzürnte Karasek: Gewürgt habe er bei diesem Wort. Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.

          Oder als Reich-Ranicki die Frage aufwarf, ob Brecht ein politischer Dichter gewesen sei, und sie sogleich selbst abtat: „Ich glaube nicht.“ Um dann einen Seitenblick auf Iris Radisch zu werfen und sardonisch eine neue Frage in den Raum zu stellen: Wie war das eigentlich mit Brecht und den Frauen? Deren Beantwortung er dann füglich Frau Radisch überließ, die dabei mit der Rede vom „proletarischen Harem“ glänzen durfte und die tollen Frauengestalten in Brechts Dramen pries. „Alles Frauen ohne Unterleib“, höhnte darauf Karasek, um sich eine Minute später wieder zu korrigieren: „Große Frauenfiguren!“ Aber vielleicht schließt sich das nicht aus für einen Mann, der Brechts Tagebuchnotiz über die genieförderliche Wirkung einer vollen Samenblase so beachtlich fand.

          Ins Nichts mit ihm

          Als Brecht 1951 noch einmal sein 1940 geschriebenes Radiostück „Das Verhör des Lukullus“ überarbeitete - „der 25. Versuch“ spottete er selbst -, da war in der Verurteilung des römischen Helden durch eine gnadenlose Nachwelt auch eine Vorausahnung der Rezeption des eigenen Werks spürbar. Endete die erste Fassung noch mit dem Satz: „Der Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück“, brechen elf Jahre später alle im Stück in die Forderung aus: „Ah ja, ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit allen wie er!“ Und der Gerichtshof berät nicht mehr.

          Im „Literarischen Quartett“, das sich nach seinem offiziellen Ende vor fünf Jahren nur noch zu Ehren von Marcel Reich-Ranickis Lieblingsdichtern versammelt hat - Thomas Mann, Friedrich Schiller und Heinrich Heine gingen Brecht voraus -, wurde auch nicht mehr beraten, sondern nur noch dekretiert. Was an Brecht Berg war, hat Iris Radisch geschleift, die von den Dramen nur drei standhalten sah. Und Brechts Tal schüttete man zu, als Hellmuth Karasek es zu dessen größter Leistung erklärte, Kitsch und Kunst so unnachahmlich amalgamiert zu haben. „Über dich führt ein bequemer Weg“, heißt es in Brechts Berg-Gedicht.

          Wir haben die Gedichte aufgeschlürft

          Und doch erfolgte noch eine Wahl des Fürsprechers, und mit Rühmkorf und Reich-Ranicki wurde diese Rolle sogar zweifach besetzt. Der Dichter sah im toten Kollegen „einen ganz starken Gemeindeautor“, und aus dem kollektivistischen Geist der fünfziger Jahre heraus, an die Rühmkorf sich hier erinnerte, konnte das Lob kaum größer ausfallen: „Wir haben diese Gedichte aufgeschlürft, weil sie so gut schmeckten.“ Es spricht für die unverminderte Scharfzüngigkeit von Marcel Reich-Ranicki, daß er replizierte: „Je länger Sie den Lyriker Brecht für uns formen, desto ähnlicher wird er dem Lyriker Rühmkorf.“ Wer Reich-Ranickis Verehrung für beide kennt, konnte diese Spitze schwerlich als verletzend empfinden.

          Am Schluß rezitierte Rühmkorf doch noch zwei Zeilen aus dem „Leben des Galilei“: „Groß ist nicht alles, was ein großer Mann tut. Und Galileo aß gern gut.“ Er hätte auch aus dem Gedicht „Von den großen Männern“ zitieren können: „Der große Bert Brecht verstand nicht die einfachsten Dinge / Und dachte nach über die schwierigsten, wie zum Beispiel das Gras / Und lobte den großen Napoleon / Weil er auch aß.“ Darauf lief es am Ende hinaus: Man hat sich an etlichem delektieren können, was das große Quartett über die schwierigsten und einfachsten Dinge nachgedacht und verstanden zu haben glaubte.

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