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Literarisches Leben : Autorenförderung? Hungert sie aus!

  • -Aktualisiert am
Hungern hilft: Spitzwegs „Armer Poet” beim Dichten
          5 Min.

          Gäbe es einen Preis für Preismelder: Jedes Jahr heimste ihn ein Literaturredakteur ein. Hunderte von öffentlichen und privaten Literaturpreisen nämlich sind auf die deutschsprachige Literatur niedergegangen, haben sie sanft unter sich begraben. Meldung um Meldung sendet ein Literaturredakteur in den Orbit, manchmal fünf am Tag. Sie verstopfen nicht nur den Stehsatz.

          Nichts gegen große, echte Anerkennung ausdrückende Auszeichnungen wie den Büchner-, Kleist-, Breitbach-, Heine- oder Goethe-Preis, auch wenn das bereits ziemlich viele sind. Der Großteil der Literaturpreise aber ist mit lediglich fünf- bis fünfzehntausend Euro dotiert: preiswert in jedem Sinne. Weil das ungleich höhere symbolische Kapital für die auslobende Instanz bei hochtrabender Benennung sogar doppelt zu Buche schlägt, heißen die Auszeichnungen, wie sie heißen. Um nur einige bekanntere zu nennen: Johann-Peter-Hebel-, Peter-Huchel-, Marie-Luise-Kaschnitz-, Wilhelm-Raabe-, Hermann-Lenz-, Friedrich-Hölderlin-, Friedrich-Hebbel-, Mörike-, Nicolas-Born-, Heinrich-Böll-, Georg-K.-Glaser-, Carl-von-Ossietzky-, Heimito-von-Doderer-, Hilde-Domin-, Georg-Kaiser-, Hugo-Ball-, Wolfgang-Koeppen-, Adelbert-von-Chamisso-, Walter-Kempowski-, Nelly-Sachs-, Uwe-Johnson- oder Jean-Paul-Preis.

          Der eigentliche Skandal ist die herablassende Prämisse

          Natürlich haben weiters alle literarisch engagierten Festivals und Messen Auszeichnungen im Angebot, ebenso unzählige Regionen, Städte und Käffer. Je kaffiger, desto preisender. Wieder nur Beispiele: der Annalise-Wagner-Preis der Region Mecklenburg-Strelitz, der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, der Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth, der „Ripper Award“ der Stadt Unna, der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen, der Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim und so endlos fort.

          Gewährsmann in Sachen detonativer Poetik: Alfred Döblin
          Gewährsmann in Sachen detonativer Poetik: Alfred Döblin : Bild: picture-alliance / dpa

          Hinzu kommen säckeweise private Literaturpreise. Zu den ansehnlicheren gehören die Preise der Konrad-Adenauer- oder der Jürgen-Ponto-Stiftung, auch der ver.di-Literaturpreis oder der d.lit-Preis der Stadtsparkasse Düsseldorf. Der aspekte-Literaturpreis wiederum würdigt wie der Mara-Cassens-Preis schriftstellerische Debüts, auch wenn gute Debüts ohnehin mit Preisen überhäuft werden und die nicht so guten nicht unbedingt noch eine eigene Lobanstalt brauchten.

          Kurz: Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller, und die meisten werden auch noch jährlich vergeben. Das Ergebnis ist ein Wanderzirkus: Literaten auf Lorbeersammeltour durch die Republik. Die Kehrseite dieser Inflation ist die Entwertung der Währung Schriftstellerlob. Wie kam es dazu? Wie meistens: durch einen Systemfehler. Die Preisschwemme nämlich stellt nur den sicht- und meldbaren Teil einer viel gewaltigeren Subventionsverschwörung dar. Diese beruht, das ist der eigentliche Skandal, auf einer herablassenden Prämisse: Literatur gilt als Pflegefall. Man versüßt der tatterigen Tante den Lebensabend.

          Maßlose Literaturförderung

          Den Weg eines Schriftstellers, hat er einmal Geniebefall an sich festgestellt, pflastern heute private und öffentliche Stipendien (mit und ohne Villenaufenthalte). Allein der Deutsche Literaturfonds wendet jährlich mehr als eine Million Euro für die Förderung literarischer Werke auf. Arbeits- und Jahresstipendien für Autoren sind im Kulturetat aller Länder fest verankert. Gastprofessuren, Stadtschreiberstellen: Geldtöpfe überall. Einen solchen Subventionsschub hat bislang nur die Steinkohle erfahren.

          Warum aber erlebt die Literatur unter diesen paradiesischen Umständen keine ungekannte Blüte? Warum im Gegenteil diese Verschnarchtheit? Warum so viel Historisches und Unentschiedenes, so viel Impressionismus und Selbstbeschau? Weil ein Hindernis jeden Zug ins Große verhindert: die Subventionsmaschinerie selbst. Zutraulich geworden durch regelmäßige Fütterung, scheint der Literatur sogar das Bewusstsein dafür abhandengekommen zu sein, dass ihre innere Natur nicht die des Haustiers ist, sondern die der Bestie.

          Jens Jessen hat im Jahrbuch der Schillergesellschaft jüngst eine Debatte eröffnet, wobei er gegen die reflexhafte Ablehnung des Literaturbetriebs Stellung bezieht, aber auch die Künstler warnt, „sich diesem Milieu anzupassen, bevor es sich von selbst öffnet“. Als wäre mit Abwarten die Misere schon behoben. Tatsächlich ist oft zu hören, es sei ungerecht, dass einigen Autoren mehr Aufmerksamkeit zuteil würde als anderen. Doch hat Gerechtigkeit der Literatur je gute Dienste erwiesen? Ist es nicht vielmehr die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die den Menschen in seiner Qual verstummen, aber den Autor zur Feder greifen lässt?

          Eingelullt von der öffentlichen Heiligsprechung

          Nur notwendige Literatur ist große Literatur. Nur das, was ohne alle Rücksicht geschrieben werden muss, schreibt sich ein in den Lauf der Geschichte. Natürlich steht dem die heilige Kunstautonomie entgegen. „L'art pour l'art“ aber gilt entweder ganz oder gar nicht: Kunst als Solipsismus oder Instrument, Ars meditativa oder Ars militans. Genau da, wo Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch. Aus den dunkelsten Epochen leuchten uns die überragendsten Dichtungen entgegen; im Finstern wohnen die Adler. Nichts spricht gegen die historische Einkleidung des Gedankens, aber gefährlich aktuell muss er sein, dieser Gedanke, soll kein Stillleben entstehen.

          Alfred Döblin, unser Gewährsmann in Sachen detonativer Poetik, hat im Fieberjahr 1929 ein heute wieder aktuelles Pamphlet verfasst: „Kunst ist nicht frei, sondern wirksam: Ars Militans“. Die Literatur, so Döblin, habe sich einlullen lassen von der öffentlichen Heiligsprechung. Ein Verbotsverzicht bedeute nämlich „praktisch nichts weiter als: Der Künstler ist ein Idiot, man lasse ihn ruhig reden.“ Dass sich Döblin gegen diese Tendenz stemmt, versteht sich: „Wir wollen ernst genommen sein. Wir wollen wirken, und darum haben wir - ein Recht auf Strafe.“ Der Text mündet in eine Apotheose des manichäischen Kampfes Künstler contra Staat.

          Kunst hat ein Recht auf Gegner

          Der Staat hat seine Gestalt verändert, gewiss, ist Gesellschaft geworden, die Gesellschaft ist Medienverbund geworden. Aber ändert das etwas für die Künstler? Ist die vorauseilende Umarmung heute nicht ebenso beleidigend wie zu Zeiten der Weimarer Republik? Als traute man der Literatur einen aufrührerischen Gedanken gar nicht mehr zu, als sei sie so tot wie Steinkohle. Dabei ist Literatur, schon weil sie Kommunikation ist, eminent politisch: das der Realität gefährlich werdende Gegenteil ihrer selbst, das, was es nicht geben kann, das richtig Falsche im falsch Richtigen. Was sie aber absolut niemals ist: unschuldig. Unerklärlich, warum sie heute unentwegt mit den Augen rollt und kindlich tut. Unerklärlich auch, warum sie in allen wichtigen Fragen der Wissenschaft das Feld überlässt. Warum hat sie keine Meinung?

          Natürlich kann niemand im Ernst die Zensur zurücksehnen, aber etwas weniger kunstselige Duselei wäre an der Zeit. Schließlich ist das Ziel der Literatur entgegen verbreiteter Ansicht weder die Adelung zum Hörbuch noch die Leseandacht im örtlichen Literaturhaus. Noch würdeloser wirkt allerdings der Dressurtanz im Preiszirkus. Gibt es einen Filter für große Literatur? Dass sich Schriftsteller auf eigene Verantwortung durchs Leben schlagen, wäre ein Anfang; Kafka jedenfalls hat es nicht geschadet.

          Sie schlafen bloß: Das erste Magenknurren weckt sie auf

          Für die Orientierung ist die Verwechslung von Leuchttürmen mit Fördertürmen eine Katastrophe. Das Leuchten hat seinen Grund darin, dass im Innern der Laterne ein Feuer lodert. „Die Kunst ist wirksam und hat Aufgaben“, schließt Döblin, „es heißt diesen Satz nach allen Seiten, gegen den Künstler, den Staat, das Publikum, hart durchzukämpfen. Da ist Opportunismus und Taktik schon ein halbes Steckenbleiben.“ Künstler, Staat und Publikum, diese drei, damals wie heute: Sie lieben die Kunst in den Ruin.

          Wenn der Literatur nutzt, was den Schriftstellern schadet, dann, liebe Förderfunktionäre und kuchenverdrückendes Literaturhauspublikum: Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend! Was entsteht, wenn unsere brillantesten Autoren auf ihre Worte zurückgeworfen sind, wenn sie Sätze, Bücher, Plots als Waffen im Diskurskrieg begreifen, wenn sie gegen die kaum weniger gewordenen Verlogenheiten des heutigen Staates anschreiben, ungebunden, ungesichert, im Geist des Partisanen - was dann entsteht, das ist es, was wir lesen wollen und was das Zeug hat, die Zeiten zu überdauern. Der Schriftsteller als spürbares Gegengewicht, nicht als Pokalentsorgungscontainer an der Autobahn nach Bad Gandersheim.

          Angriff also, nicht Verteidigung: Prometheus ist schließlich Dichters Pate, nicht Epimetheus, der Übertölpelte. Die Literatur weiß das natürlich alles selbst am besten. Einer der sprachgewaltigen literarischen (und medizinischen) Nachfahren Döblins hat in seiner wuterfülltesten Zeit das Heftigkeitsprogramm gepredigt: „Lieber geil angreifen, kühn totalitär kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt.“ Inzwischen hat auch Rainald Goetz einige Preise im Schrank und seine Wut ordentlich rückwärts ins Tagebuch eingeparkt. Tigert heftig durch Belanglosigkeiten, Käfigkoller. Aber er schläft bloß, wie so viele andere auch. Das erste Magenknurren weckt sie auf.

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