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„Literarischer Antisemitismus“ : Die Nachleser

  • -Aktualisiert am

Günter Grass: Vorwurf der „Schuldabwehr” Bild: AP

Über „Literarischen Antisemitismus nach Auschwitz“ diskutierten Historiker und Literaturwissenschaftler im Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung. Günter Grass wird im Nachhinein für eine 1967 in Israel gehaltene Rede „Schuldabwehr“ vorgeworfen.

          Im März 1967 besuchte Günter Grass Israel. In seiner dort vorgetragenen „Rede über Gewöhnung“ erzählt er eine Geschichte über zwei siebzehnjährige Jungen, Dieter und Ben, die sich im Sommer 1945 begegnen. Ben ist Jude, er hat „das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt“, Dieter wiederum hat, „ohne es recht zu begreifen, Rundstedts Ardennenoffensive überlebt“. Die beiden kommen sich über einen amerikanischen Kulturoffizier näher, einen emigrierten Wiener Juden, der weiß, „welchen Verbrechen Sechzehn- bis Siebzehnjährige in den letzten Kriegstagen zum Opfer gefallen waren“.

          Der israelische Historiker Gilad Margalit (Haifa), der auf einer Tagung am Bielefelder „Zentrum für interdisziplinäre Forschung“ über „Literarischen Antisemitismus nach Auschwitz“ an die Grass-Rede erinnerte, wunderte sich, dass es bei den damaligen Zuhörern, unter denen sich zahlreiche Überlebende der Schoa befunden haben mussten, keine Empörung gab - ist die Gleichsetzung von deutschen und jüdischen Opfern doch ein typischer Fall von „Schuldabwehr“, einer Hauptwurzel des „sekundären Antisemitismus“ nicht trotz, sondern wegen Auschwitz, der der eigenen Entlastung dient. Im Falle von Grass hat dieses Muster durch die verschwiegene Waffen-SS-Mitgliedschaft nachträglich besondere Plausibilität gewonnen.

          Soziologische Kriterien für sekundären Antisemitismus

          Muss man Grass also nun Antisemitismus vorwerfen? An Margalits Vortrag, dem vorletzten der Tagung, zeigte sich noch einmal exemplarisch das Problem einer Forschungsperspektive, deren Hauptinstrument eine Art moralischer Geigerzähler ist: Mit soziologischen Kriterien für sekundären Antisemitismus - die von der schlichten Holocaustleugnung über die Aufrechnung mit anderen Kriegsverbrechen bis zum Vorwurf reicht, „die Juden“ würden selbst aus dem Holocaust noch Kapital schlagen - kommt man zu Befunden, deren moralische Wertung auf der Hand liegt und somit jede spezifisch literaturwissenschaftliche Lektüre unter ein Vorzeichen stellt: Solche zur Ungeisteraustreibung bestellte Wissenschaft fällt dann leicht in einen exorzistischen Gestus, der mehr verstellt als sichtbar macht, weil auf jede Historisierung selbst wieder der Verdacht der Relativierung fällt.

          Autor Schlink: Fordert „Enttraumatisierung” der deutschen Erinnerungskultur

          Yahya Elsaghe (Bern) glaubte allein aus der Darstellung der jüdischen Medizinerfiguren in Thomas Manns Spätwerk auf antisemitisches Ressentiment schließen zu können - selbst das schlichte Fehlen derselben wurde dann zu einer „Damnatio memoriae“, als hätte für Mann eine Pflicht zur Schilderung sympathischer jüdischer Ärzte bestanden. Schon Frisch musste sich für seine abstrahierende Lehrstückästhetik eine Enthistorisierung der Schoa vorwerfen lassen, wie Jan Philipp Reemtsma in einem kurzweiligen Vortrag über Georg Kreislers „Andorra“-Parodie vorführte.

          Nachweis judenfeindlicher Stereotypen ungenügend

          Mona Körte (Berlin) hatte gleich zu Beginn darauf hingewisen, dass die gängigen Methoden zur Diagnose von „literarischem Antisemitismus“ unzureichend seien. Der Nachweis judenfeindlicher Stereotypen allein sage noch nicht viel, da sie - etwa bei jüdischen Autoren - sehr unterschiedliche Funktionen einnehmen können. Auch ein Seitenblick aufs Theater, etwa Peter Zadeks Shylock-Figuren, an die Anat Feinberg (Heidelberg) erinnerte, kann vor Kurzschlüssen bewahren: Nicht jede große Nase ist antisemitisch.

          Die Generation der Kriegsteilnehmer und Flakhelfer droht dabei immer mehr unter Generalverdacht zu geraten. Michael Hofmann (Paderborn) wiederholte die Vorwürfe gegen die Gruppe 47 und zog eine Linie von Hans Werner Richters Gleichsetzung von Vernichtungs- und Kriegsgefangenenlagern in einem Text von 1946 zu Martin Walsers Friedenpreisrede und ihrer Kritik an der „Dauerrepräsentation unserer Schande“. Doch Differenzierung wäre ergiebiger: Was in den Intellektuellenzirkeln der Nachkriegszeit als unbewusster Mechanismus funktioniert haben mag - und auch noch Grass zum Schweigen brachte -, wird in den Debatten der Neunziger zu einer kalkulierten medialen Strategie. Grass' Rede in Israel war ja nicht als Provokation, sondern gerade als Reflexion eigener Verstrickung gedacht, der das Ungeheuerliche der Gleichsetzung von Tätern und Opfern gar nicht auffiel.

          „Enttraumatisierung“ deutscher Erinnerungskultur

          Anders dürfte der Fall bei einem Autor wie Bernhard Schlink liegen, dessen Weltbeststeller „Der Vorleser“ zur Schullektüre geworden ist, obwohl ihm vor allem amerikanische Literaturkritiker vorwarfen, in der Figur der KZ-Aufseherin Hanna die Täter zu entschuldigen. Matthias N. Lorenz, seit seiner vielbeachteten Dissertation über die Judendarstellung bei Martin Walser ein Experte für das Thema und Mitorganisator der Tagung, wies der Erzählung „Die Beschneidung“ aus dem Band „Liebesfluchten“ (2000) nach, wie durch Kritik an vermeintlichen Sprechverboten ein Rollentausch von Tätern und Opfern vollzogen wird. Die Nähe der von Schlink in Essays geforderten „Enttraumatisierung“ deutscher Erinnerungskultur zu Gedankenfiguren Walsers ist dabei unverkennbar.

          Allerdings hielt sich Lorenz in seiner methodisch vorbildlichen Analyse streng an den literaturtheoretischen Topos, zwischen Autor und Texten zu trennen, und vermied einen expliziten Antisemitismusvorwurf. Es ist ein hehrer Anspruch der Wissenschaft, genauer als die Kritik lesen zu wollen; diese wiederum ist im Falle Schlinks nun zu deutlicherem Urteil aufgefordert.

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