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Literarische Brexit-Stimmung : Die Sturheit dieser Figuren ist unübersehbar

Sie sind draußen: Benedict Cumberbatch und Adelaide Clemens in der Ford Madox Ford-Verfilmung „Parade’s End“ Bild: Sunset Box/Allpix/laif

Großbritanniens Ausscheren bedeutet einen Schock für Anglophile, aber ganz überraschend ist die Exzentrik der Inselbewohner auch wieder nicht: Gedanken beim Abschreiten der literarischen Ahnengalerie.

          Der Erzähler in Julian Barnes’ Roman „Flauberts Papagei“ berichtet von der (realen) Flaubert-Biographin Enid Starkie, diese hochmögende Romanistik-Professorin habe in ihren Vorlesungen mit einem scheußlichen Akzent Französisch gesprochen. Doch völlig überraschend sei das nicht, denn bis vor kurzem habe die Universität Oxford „die lebenden Sprachen so behandelt, als wären sie tot“. Als

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Barnes diese Sätze aus seinem späteren Weltbestseller 1983 in dem britischen Literaturmagazin „Granta“ vorabdrucken ließ, war die Welt noch eine andere. Kein Brexit, kein Cameron, kein Boris Johnson. Dennoch könnten die Worte einem nachgehen, denn auch heute noch behandeln die allermeisten Briten die lebenden Sprachen, als wären sie tot: Sie sprechen im Allgemeinen nämlich nur ihre eigene. Ausnahmen – darunter Julian Barnes selbst – bestätigen die Regel.

          Eigensinn und Nicht-ankommen-Wollen

          Wer aber keine Fremdsprache spricht, kann sich mit dem Fremden nicht beschäftigen, es weder verstehen noch respektieren lernen und schon gar nicht die national verengte Sicht der eigenen Medien relativieren. Zu schweigen von einem Minimum an Enthusiasmus für das manchmal nervtötende, im Grunde aber doch inspirierende vielsprachige Geplapper in den Gremien der Europäischen Union. Wir vermuten, dass unter den 51,9 Prozent der Briten, die am 23.Juni für den Austritt gestimmt haben, nur eine winzige Minderheit – darunter Boris Johnson – eine oder mehrere Fremdsprachen beherrscht.

          Gedämpfte Fortschrittserwartung: Szene aus „Gullivers Reisen“ mit Jack Black

          Doch es gibt auch Trost. Die Intellektuellen, so heißt es, und das aufgeklärte London haben unverändert zur Europäischen Union gehalten. In einem offenen Brief forderten dreihundert britische Schriftsteller, Musiker und Schauspieler ihr Land zum Bleiben auf. Das war vor dem Referendum und hat bekanntlich nichts genutzt, zumal es den Kulturschaffenden auch um so profane Dinge wie Verträge, Kooperationen und die Fördermittel der Europäischen Union ging, aber man darf es noch einmal hinschreiben: Jude Law, Helena Bonham Carter, John Le Carré, Hilary Mantel und viele andere wollen nicht weg von uns, sondern reichen uns durch den Eurotunnel hindurch die Hand. Ist die „Leave“-Bewegung also die Antithese jenes gebildeten, kulturell verschwenderisch reichen Großbritanniens, das wir Anglophilen in unseren literarischen Phantasien seit jeher zu bewohnen glaubten? Prüfen wir es.

          Wer zum Beispiel sind die prägenden literarischen Figuren Großbritanniens, was die Modelle, in denen das Land sich wiedererkennt? Man stutzt, murmelt vor sich hin – und stößt vor allem auf Querköpfe, Abweichler, Zauderer und Hofnarren. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass diese insulare Exzentrik mehr ist als eine pittoreske Beigabe. Was, wenn sie konstitutiv für das britische Einzelgängertum wäre? Zum Beispiel Shakespeares Falstaff, der alle Diskurse unterwandert, weil er der dicke Bruder des großen Herrschaftsdiskurszerstörers Don Quijote ist. Falstaff ist nicht nur ein egoistischer Sack, auf den selten Verlass ist, er hat auch den Mut, es sich mit der obersten Macht zu verscherzen. Oder ein Buch wie „Gullivers Reisen“, das unsere Fortschrittserwartungen dämpft, indem es die Menschen als verdreckte, haarige und reichlich beschränkte „Yahoos“ zeichnet, den Sitz der Vernunft aber in den Kopf der Pferde verlegt. Eigensinn und Nicht-ankommen-Wollen sind auch Merkmale des großen Romans „Tristram Shandy“, der auf vielen hundert Seiten seine eigene Geschichte umkreist, ohne sie wirklich zu erzählen, und dessen populärste Figur auf den Namen Onkel Toby hört. Und was tut Onkel Toby? Träumt in naivstem Patriotismus von militärischen Heldentaten.

          Verklemmt und sprachlos

          Alte Kamellen, könnte man einwenden, Bücher des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Aber die Ahnengalerie der Eigenbrötler und Vertreter einer unentzifferbaren Britishness lässt sich im neunzehnten Jahrhundert fortsetzen, nun unter den Vorzeichen des Bürgertums im Frühkapitalismus. Jane Austen hat uns mehr als andere europäische Realisten gelehrt, dass die körperliche Existenz von Wirtschaftsfaktoren wie Jahreseinkommen und Mitgift abhängt, und auch ihre schreibenden englischen Zeitgenossen sagen aufs Pfund genau, was das Leben kostet. Utopische Gesellschaftsentwürfe oder Phantasien über die europäische Integration sind da nicht gefragt. Integration von Migranten? Charlotte Brontë (in deren Heimat Yorkshire die Arbeiterhaushalte klar für den Brexit votiert haben) verbannt die dunkelhäutige Fremde aus den britischen Kolonien in ihrem Roman „Jane Eyre“ zum lebenslangen Hausarrest auf den Speicher, wo sie, als Wahnsinnige deklariert, allen Blicken entzogen ist. Das London von Charles Dickens, um auch das noch zu sagen, mag ein wimmelndes Universum aus Müll, Schwindsucht und Verbrechen sein, doch eines ist es nicht: die Kapitale des Kosmopolitismus.

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