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Literarische Bestenlisten : In Genie hat Goethe achtzehn Punkte

Literarische Prominenz von vorgestern: Auch die Herren Johann Peter Uz und Heinrich Wilhelm Gerstenberg wurden gerankt. Bild: Archiv

Zwischen Buchpreis und Nobelpreis: Eine Studie über den Ursprung des Rankings in der Kunst- und Literaturkritik zeigt, wie komisch es sein kann, alles in Tabellenform zu bringen.

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          Um das Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft prügeln sich normalerweise selbst in den Universitätsbibliotheken nicht die Leser. Seine kommende Ausgabe (Jg. 59, 2014) aber bringt einen Aufsatz, der nicht nur den kleinen Kreis der literaturhistorisch Interessierten beschäftigen dürfte. Eigentlich geht er alle an. Geschrieben hat ihn der Berliner Germanist Carlos Spoerhase, der sich wie kaum ein anderer in der Geschichte des Umgangs mit Literatur auskennt. Er hat nun im achtzehnten Jahrhundert die Ursprünge einer der schlimmsten Moden ausgemacht, von denen wir derzeit heimgesucht werden: der Ranglisten oder, neudeutsch, der Rankings und Ratings.

          Inzwischen wird ja fast alles geranglistet: Universitäten, Zahnärzte, Wohlfahrtsstaaten, Tatorte, Symphonieorchester. Nach wie vor fehlen eigentlich nur Rankings der weltbesten Religionsgemeinschaften. Üblicherweise wird dieser meist auf haarsträubenden Kriterien und absurden Messungen beruhende Unfug entweder, der Tabellen halber, dem Sport oder, der Nützlichkeitsillusion wegen, der Wirtschaft in die Schuhe geschoben.

          Spoerhase jedoch hat herausgefunden, dass die Kunst, genauer: die Kunst- und Literaturkritik daran schuld ist. 1708 nämlich veröffentlicht der französische Künstler und Verfasser ästhetischer Schriften Roger de Piles im Anhang eines Buches seine „Balkenwaage der Maler“. 57 kunsthistorische Berühmtheiten von Albani und Caravaggio über Rubens bis Tizian und Veronese werden dort in vier Kategorien (Komposition, Zeichnung, Farbe, Ausdruck) mit bis zu zwanzig Punkten bewertet. Das Addieren und Gewichten überlässt Roger de Piles dem Leser. Die amerikanische Ökonomin Kathryn Graddy hat aber im vergangenen Jahr ihrerseits nachgemessen und festgestellt, dass die Einschätzungen von de Piles dreihundert Jahre später recht gut die Marktwerte der jeweiligen Künstler treffen.

          Sieger nach Punkten

          Knapp vierzig Jahre nach diesem Ur-Ranking überlegt Louis Racine, der Sohn des berühmten Tragödiendichters, ob sich wohl auch die Literatur auf eine solche Balkenwaage legen lasse. Doch da hat der englische Arzt Mark Akenside schon geliefert. 1746 erscheint seine „Balance of Poets“, die in noch mehr Kategorien prüft (Moral, Geschmack, Pathos et cetera), vor allem aber auch zu einer Gesamtbewertung der Geprüften kommt.

          Sieger: Homer und Shakespeare mit achtzehn Punkten, vor Milton (17), Vergil (16), abgeschlagen Lukrez (10, mit komplettem Punktabzug bei „Moral“, vermutlich wegen Atheismus in Tateinheit mit Obszönität. Luft nach oben gab es für alle Klassiker, zwanzig Punkte werden in keiner Kategorie erzielt. Wie Akenside von seinen Einzelwerten zum Gesamturteil kommt, bleibt unklar, Shakespeare haben die null Punkte bei „Struktur“ - völlig berechtigt, erzählen Sie mal „Hamlet“ korrekt nach! - jedenfalls nicht geschadet.

          Weitere meist anonym publizierte Rankings schließen sich an: für britische Dichter (1758), für tragische Schauspieler und Komödianten (1758), für Musiker (1776). In Deutschland ist, wie bei manchem, Christoph Martin Wieland der Erste. Allerdings lässt er seine großzügige „Balance der großen Poeten“ von 1757 - bei der siebzehn Autoren in mindestens einer Disziplin den Höchstwert erreichen und James Thomson („The Castle of Indolence“, „Rule, Britannia!“) gar in allen, weswegen er vor Pindar liegt - in der Schublade. Hier nun werden erstmals auch Zeitgenossen gewogen, wenngleich es Voltaire für Wieland an Grazie mangelt, was zu starkem Punktabzug führte.

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