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Literarische Auszeichnung : Siegfried-Lenz-Preis an Julian Barnes

Auf der Höhe seiner literarischen Schaffenskraft: Autor Julian Barnes. Bild: dpa

Er ist der vielseitigste und eleganteste Romancier, den England heute hat. Und ein Mann des Kontinents. Nun bekommt Julian Barnes den zum zweiten Mal verliehenen Siegfried-Lenz-Preis.

          Was Julian Barnes zum Brexit meint, ist noch unbekannt. Aber das der frankophilste aller zeitgenössischen britischen Autoren, der grenzenlose Bewunderer Flauberts oder Daudets, glücklich über die Entscheidung seiner britischen Landsleute sein dürfte, ist unwahrscheinlich. Womöglich werden wir am 11. November Genaueres dazu hören, wenn Barnes in Hamburg mit dem Siegfried-Lenz-Preis ausgezeichnet wird.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Er ist erst der zweite Preisträger, denn die mit 50.000 Euro so hoch wie der Büchnerpreis dotierte Auszeichnung ist zwar noch von Siegfried Lenz persönlich angeregt worden, aber das nur kurz vor dem Tod des deutsche Schriftstellers im Oktober 2014. Erster Preisträger war dann im selben Jahr Amos Oz, womit sofort der Anspruch deutlich wurde, den bedeutendsten deutschen Literaturpreis für internationale Autoren zu verleihen. Lenz und Oz und Barnes verbindet eine realistische Prosa, die aber jeweils von höchster Eleganz und Kunstfertigkeit  ist. Die Ironie indes, wie sie etliche Werke von Barnes auszeichnet, vor allem sein Frühwerk, hebt den 1946 geborenen Engländer aus der Trias hinaus.

          Ein Kabinettstück auf engstem Raum

          Wobei die jüngsten Bücher von tiefer Ernsthaftigkeit sind, bedingt auch durch den Tod seiner Frau Pat Kavanagh vor acht Jahren, als Barnes gerade „Nothing to be Frightened of“ (auf Deutsch: „Nichts, was man fürchten müsste“) beendet hatte, ein autobiographisches Buch übers Sterben. Der drei Jahre später folgende Roman „Vom Ende einer Geschichte“ war dann eine rabenschwarze Erzählung über eine gescheiterte Liebe, die sich nicht mehr länger auf Flaubertschen Spuren bewegte, sondern auf denen der russischen Meister des Schreibens übers menschliche Schicksal, Tschechow und Dostojewski.

          Und nach fünfjähriger Pause, die nur durch drei Essaybände überbrückt wurde, ist just in diesem Jahr endlich wieder ein Roman erschienen. Er zeigt Barnes auf der Spitze seiner literarischen Leistungskraft. Sein Name: „The Noise of Time“. Auf nicht einmal 180 Seiten erzählt dieses Buch von der Angst des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch vor der Verhaftung durch Stalins Schergen. Es ist ein psychologisches Kabinettstück auf knappstem Raum, in einer Sprache und mit einer Struktur, die den intimen Streichquartetten Schostakowitschs nachgebildet ist, in denen er seinen Blick auf die Welt festhielt. So wie Barnes „The End of Time“ geschrieben hat, qualifiziert ihn das für jeden Literaturpreis.

          Dass sich sein deutscher Verlag bis zum nächsten Jahr Zeit mit der Übersetzung des Romans lassen will, sollte er angesichts der Hamburger Preisverleihung noch einmal überdenken. Es ist nie zu früh für gute Bücher. Dieses ist ein ganz großes. Und die Entscheidung für Barnes eine ganz richtige.

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