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„lit.Cologne“ : Das tollste aller Lesefeste

Warten auf die Lesung: Gäste der Lit.Cologne Bild: Lit.Cologne

Ihr Markenzeichen: begeistertes Publikum, begeisterte Autoren. Am Freitag startet in Köln zum sechsten Mal das Literaturfestival „lit.Cologne“. Sogar die Sportarena ist ausverkauft - für eine Deutschstunde.

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          Kommenden Montag ist die Kölnarena ausverkauft. Nicht mit einem Sportspektakel, sondern mit einer Art überdimensionaler Lesung. Bastian Sick, der Kolumnist von „Spiegel Online“ und Deutschlands derzeit einflußreichster Sprachkritiker, wird „die größte Deutschstunde der Welt“ erteilen. Mit dabei unter anderen Landesvater Jürgen Rüttgers, Schalke-Torwart Frank Rost, Autor Wladimir Kaminer. 14.300 Karten sind vergeben, weitere tausend sind angefragt, man hätte mehr verkaufen können, aber dann hätten die Zuschauer hinter der Leinwand gesessen. Mehr Platz ist nun mal nicht in der Halle.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Die eine Erklärung für dieses Phänomen mag sein, daß Sick von seinem in zwei Bänden vorliegenden Sprachführer „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ mehr als 2,2 Millionen Exemplare verkauft hat; die andere lautet, daß es ein weiteres Mal die „lit.Cologne“ ist, die für solche Überraschungen gut ist. Denn auch alle anderen neun Veranstaltungen, die am kommenden Montag - zum Beispiel mit Magdalen Nabb, Vladimir Sorokin, Zeruya Shalev, Friederike Mayröcker und Otto Sander - stattfinden, sind ausverkauft.

          Eine Institution

          Kein anderes Festival hat sich mit solchem Aplomb im Terminkalender festgesetzt wie das der Kölner, das an diesem Freitag in seine sechste Ausgabe startet. Wir kriegen jeden, und uns kann keiner: Mit dieser Haltung ist die „lit.Cologne“ von Anfang an darangegangen, die ganz dicken Publikumsbretter zu bohren. Nichts lag den Machern ferner, als ihr Kölner Licht unter den Scheffel zu stellen. Daß dieser Auftritt sich in so kurzer Zeit zu einer Institution im literarischen Leben der Bundesrepublik gemausert hat, ist schon bemerkenswert. Denn hoch hinaus wollten schon andere, die Kölner aber sind oben angekommen - und haben das Kunststück gemeistert, dort zu bleiben. Wer es einmal erlebt hat, gleichgültig ob Autor, lesender Schauspieler oder zahlender Zuschauer, schwärmt von der Stimmung, von der Begeisterungsfähigkeit eines überdurchschnittlich jungen Publikums.

          Das wird auch diesmal mit 131 Veranstaltungen nicht anders werden, obwohl das Festival auf neun Tage ausgeweitet wurde und in den letzten Tagen gleichzeitig mit der Leipziger Buchmesse stattfindet. Überschneidungen sind unvermeidlich, teilweise gewollt, weil sie es den Verlagen erlauben, ihre Autoren auf zwei Großereignissen zu präsentieren. Köln wartet diesmal unter vielen anderem mit einem Lyrikabend (Marcel Reich-Ranicki und Robert Gernhardt), einer Gala der großen Gefühle (Roger Willemsen, Iris Berben, Agota Kristof) und einer Opern-Schiffahrt (Elke Heidenreich und Christian Schuller) auf. Als Autoren und Diskutanten seien auszugsweise erwähnt Daniel Kehlmann, Bernhard Schlink, Doris Lessing, Bret Easton Ellis, Frank Schätzing, Andre Glucksmann, Walter Kempowski. Ein Kinderprogramm gibt es ebenfalls.

          Nicht zu klein denken

          Gegründet haben die „lit.Cologne“ Werner Köhler und Rainer Osnowski; der eine war zwei Jahrzehnte lang Geschäftsführer bei der Mayerschen Buchhandlung, der andere mit dem Volksblatt-Verlag und als freier Lektor für Kiepenheuer&Witsch in der Buchbranche verankert. Später kam Edmund Labonte dazu, mit dem man die LKO Verlagsgesellschaft betreibt. Diese produziert für KiWi, aber auch für andere Verlage Bücher und Kalender, vornehmlich auf der regionalen Schiene. „Das ernährt uns“, sagt Werner Köhler, „aber obwohl wir als Hobbyunternehmen gestartet sind, wollten wir gleich groß anfangen. Wer zu klein denkt, geht im Kulturzirkus doch gleich unter.“ Seit letztem Jahr hat das Festival kein Geld mehr verloren, neben den drei Geschäftsführern sind neun Mitarbeiter beschäftigt.

          Die Idee zum Fest entsprang einer Wahrnehmung: Als Buchhändler hat sich Köhler immer sehr darüber geärgert, wie lieblos Autoren behandelt werden: „Keine Abholung vom Bahnhof, schlechtes Hotel, in der Buchhandlung heißt es dann: hinsetzen, lesen! Danach keine Betreuung.“ Das habe die „lit.Cologne“ fundamental geändert: Sie setze ganz auf die Autoren und behandle diese wie Stars. Denn an eine Krise des Buches will Köhler nicht glauben. „Wir orientieren uns voll an Festivals wie der Berlinale. Man muß mit Enthusiasmus daherkommen, nicht, als wolle man sich dafür entschuldigen, daß man Literatur anbietet. Daß die Buchbranche stirbt, das höre ich, seit ich in ihr arbeite.“

          Terminkollision mit Sprengkraft

          Die Terminkollision mit Leipzig hat keine Methode, aber Sprengkraft. Leipzig sei „keine Messe, sondern ein Politikum“, sagt Köhler selbstbewußt. Was unter der Schirmherrschaft des Bertelsmann Buchclubs nach der Wende begann, nämlich das Programm „Leipzig liest“, ist mittlerweile auf 1800 Lesungen angeschwollen. Köhler provokant: „Das Konzept von Leipzig ist, daß es kein Konzept hat. Jeder, der will, kann dort lesen. Klar, die großen Namen ziehen in Leipzig auch, aber viele kleine Lesungen sind knackenleer.“ Dabei hat er gar nichts gegen Überangebot, im Gegenteil, das sei gerade das Geheimnis eines jeden erfolgreichen Festivals, weil es jenen Sog erst erzeuge, der dem Publikum suggeriere, unbedingt dabeisein zu müssen. Dosieren aber müsse man das Überangebot sehr wohl.

          Auch in Köln gibt es Kritik an der „lit.Cologne“, Kritik etwa an einer zu großen Nähe zum Verlag Kiepenheuer&Witsch, wenngleich die öffentliche Schelte zunehmend verstummt. Als Neider will man keineswegs dastehen - nützt der Auflauf doch den Aufmerksamkeitswerten für das Medium Buch. Sie empfinde „Mißbehagen“, daß da „Konkurrenz aufgebaut wird“, sagt Bettina Fischer, Geschäftsführerin des Kölner Literaturhauses. Während des Festes macht sie keine Veranstaltungen, das entspräche nicht dem Stil des Hauses, habe aber nichts mit Elitismus zu tun. „Hier wird mit einem sehr großen Klöppel auf ein sehr großes Blech geschlagen“, sagt Fischer - und beharrt auf eigener Entdeckungsarbeit. Das Literaturhaus setze auch auf entlegene Autoren, auf Themen, die nicht von vornherein Beachtung fänden.

          Ein kurioses Kölner Phänomen

          Es sei ein kurioses Kölner Phänomen, daß „alle immer meinen, man müsse immer zusammenarbeiten“. Daß ihr Haus etwa unfreiwillig monatelang als Auskunftsstelle für „lit.Cologne“-Veranstaltungen mißbraucht wird, daran hat sie sich gewöhnen müssen: Das Festivalprogramm verzeichnet tatsächlich keine Telefonnummer - man sei dem Ansturm personell nicht gewachsen, heißt es dort. Auch im Wettlauf um Sponsoren, deutet Bettina Fischer an, habe das Festival nicht mit den elegantesten Mitteln operiert.

          Ohne Zweifel hat es die „lit.Cologne“ verstanden, potente Geldgeber zu gewinnen; obendrein gibt das Land Nordrhein-Westfalen dreißigtausend Euro dazu, aber „nicht aus Literaturtöpfen“, wie eine Presseprecherin in Düsseldorf versichert. Die Kunststiftung NRW, die in den ersten Jahr projektbezogen gefördert hat, wurde diesmal gar nicht erst bemüht, die Stadt Köln hilft mir geldwertem Wohlwollen, etwa in Form von kostenlosen Werbeflächen.

          In Kirchen, Museen und Kinos

          Was den einen als Superlativismus aufstößt, ist den anderen die Schaffung eines neuen Event-Formats. Regina Schilling, Programmarbeiterin der „lit.Cologne“, erklärt den Effekt so: „Unser Angebot kommt nicht intellektuell daher. Wir setzen auf ungewöhnliche Gespanne, Kombinationen, die es so noch nicht gegeben hat. Außerdem nehmen wir den Leuten die Schwellenangst vor der Buchhandlung, indem wir in Theaterräume gehen, wo Akustik, Licht und Sicht stimmen.“ Und außerdem in Kirchen, Museen, Hotels, Kinos und sogar ins Polizeipräsidium.

          Für unbekannte Autoren werden bekannte Schauspieler als Zugpferde verpflichtet, und die kämen „nicht wegen der lächerlichen Gagen“ (Werner Köhler), sondern weil sich herumgesprochen hat, was für ein grandioser Stimmungsmagnet die „lit.Cologne“ ist. Im Geschirr sind diesmal Maria Schrader, Suzanne von Borsody, Jan Josef Liefers, Gottfried John. Köln im Literaturtaumel: „Der Kelch“, wie Werner Köhler die Auslastungsgrenze nennt, „ist noch lange nicht ausgelotet. Die Grenze ist weiter draußen, als wir gedacht haben.“

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