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„lit.Cologne“ : Das tollste aller Lesefeste

Terminkollision mit Sprengkraft

Die Terminkollision mit Leipzig hat keine Methode, aber Sprengkraft. Leipzig sei „keine Messe, sondern ein Politikum“, sagt Köhler selbstbewußt. Was unter der Schirmherrschaft des Bertelsmann Buchclubs nach der Wende begann, nämlich das Programm „Leipzig liest“, ist mittlerweile auf 1800 Lesungen angeschwollen. Köhler provokant: „Das Konzept von Leipzig ist, daß es kein Konzept hat. Jeder, der will, kann dort lesen. Klar, die großen Namen ziehen in Leipzig auch, aber viele kleine Lesungen sind knackenleer.“ Dabei hat er gar nichts gegen Überangebot, im Gegenteil, das sei gerade das Geheimnis eines jeden erfolgreichen Festivals, weil es jenen Sog erst erzeuge, der dem Publikum suggeriere, unbedingt dabeisein zu müssen. Dosieren aber müsse man das Überangebot sehr wohl.

Auch in Köln gibt es Kritik an der „lit.Cologne“, Kritik etwa an einer zu großen Nähe zum Verlag Kiepenheuer&Witsch, wenngleich die öffentliche Schelte zunehmend verstummt. Als Neider will man keineswegs dastehen - nützt der Auflauf doch den Aufmerksamkeitswerten für das Medium Buch. Sie empfinde „Mißbehagen“, daß da „Konkurrenz aufgebaut wird“, sagt Bettina Fischer, Geschäftsführerin des Kölner Literaturhauses. Während des Festes macht sie keine Veranstaltungen, das entspräche nicht dem Stil des Hauses, habe aber nichts mit Elitismus zu tun. „Hier wird mit einem sehr großen Klöppel auf ein sehr großes Blech geschlagen“, sagt Fischer - und beharrt auf eigener Entdeckungsarbeit. Das Literaturhaus setze auch auf entlegene Autoren, auf Themen, die nicht von vornherein Beachtung fänden.

Ein kurioses Kölner Phänomen

Es sei ein kurioses Kölner Phänomen, daß „alle immer meinen, man müsse immer zusammenarbeiten“. Daß ihr Haus etwa unfreiwillig monatelang als Auskunftsstelle für „lit.Cologne“-Veranstaltungen mißbraucht wird, daran hat sie sich gewöhnen müssen: Das Festivalprogramm verzeichnet tatsächlich keine Telefonnummer - man sei dem Ansturm personell nicht gewachsen, heißt es dort. Auch im Wettlauf um Sponsoren, deutet Bettina Fischer an, habe das Festival nicht mit den elegantesten Mitteln operiert.

Ohne Zweifel hat es die „lit.Cologne“ verstanden, potente Geldgeber zu gewinnen; obendrein gibt das Land Nordrhein-Westfalen dreißigtausend Euro dazu, aber „nicht aus Literaturtöpfen“, wie eine Presseprecherin in Düsseldorf versichert. Die Kunststiftung NRW, die in den ersten Jahr projektbezogen gefördert hat, wurde diesmal gar nicht erst bemüht, die Stadt Köln hilft mir geldwertem Wohlwollen, etwa in Form von kostenlosen Werbeflächen.

In Kirchen, Museen und Kinos

Was den einen als Superlativismus aufstößt, ist den anderen die Schaffung eines neuen Event-Formats. Regina Schilling, Programmarbeiterin der „lit.Cologne“, erklärt den Effekt so: „Unser Angebot kommt nicht intellektuell daher. Wir setzen auf ungewöhnliche Gespanne, Kombinationen, die es so noch nicht gegeben hat. Außerdem nehmen wir den Leuten die Schwellenangst vor der Buchhandlung, indem wir in Theaterräume gehen, wo Akustik, Licht und Sicht stimmen.“ Und außerdem in Kirchen, Museen, Hotels, Kinos und sogar ins Polizeipräsidium.

Für unbekannte Autoren werden bekannte Schauspieler als Zugpferde verpflichtet, und die kämen „nicht wegen der lächerlichen Gagen“ (Werner Köhler), sondern weil sich herumgesprochen hat, was für ein grandioser Stimmungsmagnet die „lit.Cologne“ ist. Im Geschirr sind diesmal Maria Schrader, Suzanne von Borsody, Jan Josef Liefers, Gottfried John. Köln im Literaturtaumel: „Der Kelch“, wie Werner Köhler die Auslastungsgrenze nennt, „ist noch lange nicht ausgelotet. Die Grenze ist weiter draußen, als wir gedacht haben.“

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