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„Limassol“ von Yishai Sarid : Wollen alle immerzu explodieren?

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Als ich das Buch ausgelesen hatte, tat ich etwas, das ich noch nie gemacht hatte: Ich begann sofort wieder von vorne. Dem gelernten Rechtsanwalt Yishai Sarid ist es gelungen, ein Milieu zu schildern und Figuren zu zeichnen, die ...

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          Als ich das Buch ausgelesen hatte, tat ich etwas, das ich noch nie gemacht hatte: Ich begann sofort wieder von vorne.

          Dem gelernten Rechtsanwalt Yishai Sarid ist es gelungen, ein Milieu zu schildern und Figuren zu zeichnen, die man nicht verlassen möchte, obwohl ihre Geschichte immer bedrückender wird. Das Buch begleitet seine Protagonisten einen Sommer lang von Jerusalem über Tel Aviv nach Limassol auf Zypern und dann noch weiter, aber es sei hier nicht zu viel verraten.

          Am Ende ist es kühl, und alle warten auf den Oktoberregen. Seltsamerweise möchte man als Leser aber in die Hitze des Anfangs zurück, in den Wahn. Wohl weil das Buch eine so gute Begleitung ist in einer Gegenwart, die uns täglich Nachrichten aus dem Nahostkonflikt bringt, die immer schwerer zu kapieren und so deprimierend sind. Vielleicht vermag man das mit diesem literarischen Resonanzboden besser auszuhalten?

          In einigen Berichten wurde "Limassol" mit Dubai in Beziehung gesetzt, denn auch im Buch spielt ein durch israelische Behörden geplanter Mordanschlag auf einen Terroristen in einem Hotel eine wichtige Rolle. Doch die Differenz zwischen Aktualität und Literatur ist letztlich wichtiger als die Gemeinsamkeit der Geschichte: In den Nachrichten sind solche Aktionen immer fern und kühl, sie gruseln und lassen einen ratlos zurück. Im Roman aber hat der Tag des Anschlags ein gewisses Wetter, die Hotellobby einen Stil und einen Geruch, die Beteiligten ein Alter, eine Laune. Es geht den Leser an. Darum kann man das Buch bald gar nicht mehr mit den aktuellen Ereignissen übereinbringen, vor allem nicht mit den sie begleitenden, ewig gleichen Meinungen und Gedankenprothesen.

          Das hängt unter anderem mit dem Alter des Autors zusammen. Den Anschlag auf das israelische Team bei den Olympischen Spielen in München erlebte er als Siebenjähriger. Die von Steven Spielberg in "Munich" so eindringlich verfilmte israelische Reaktion darauf, nämlich einen Apparat zur Ermordung von Terroristen aufzubauen, sie ist in den Zeiten des Romans längst alte Geschichte. Diese Programme sind israelische Normalität, ebenso wie die dreckigen Verhöre, die der Protagonist des Buches in den Kellern des Inlandgeheimdienstes durchzuführen hat. Das berühmte "Szenario der tickenden Bombe", das früher als kuriose Ausnahme die Folterdebatte in juristischen Hörsälen animieren musste, das hat da längst einen ganz anderen Namen: Alltag.

          Das weiß niemand besser als die Frau des Ermittlers. Mal um Mal verabschiedet sich ihr Mann vom Familienleben, um in heller Panik zu einem Verhör zu rasen und das Schlimmste zu verhindern, indem er schlimm ausflippt. Er schlägt einem Araber in den Bauch, aber was ist das, fragt er sich, gegen die nach einer Explosion aufplatzenden Bauchdecken? Er scheitert damit, ihm Angst einzujagen, also bedroht er dessen Frau und Kinder. Und zugleich steigt der Selbstekel, der wiederum zu noch mehr Aggression führt: "Wir sind genau solche Schweine geworden wie ihr", schreit er den Palästinenser an, für den das nicht gut ausgehen wird. "Tragen alle Bomben? Wollen alle immerzu explodieren?", fragt die von der Paranoia ihres Mannes zermürbte Ehefrau.

          Die Vorstellung, alle Handlungen seien von der Möglichkeit eines unmittelbar bevorstehenden Bombenanschlags her zu denken, dominiert alles andere, macht die bevorzugt nachts und in Kellern arbeitenden Wächter über die Gesellschaft krank.

          Tagsüber spielt der Ermittler eine ganz andere Rolle. Da meldet er sich bei der attraktiven, etwas älteren Schriftstellerin Daphna an, um bei ihr Stunden in Literatur zu nehmen. Er gibt sich als Investmentbanker aus, der sich seit Kindheitstagen wünscht, einmal einen Roman zu veröffentlichen. So entwickelt sich eine literarische Nebenhandlung, ein Roman im Roman. Dabei gibt Daphnas Mahnung einen wichtigen Schlüssel: Auf das Detail müsse der Literat achten. Du kannst Alexanders Schlachten nicht malen, wenn du kein einzelnes Pferd zeichnen kannst.

          Nach diesem Prinzip schafft es "Limassol", beim Leser den unerträglichen Schinken vom "Großen Spiel", welches seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Nahen und Mittleren Osten inszeniert wird, durch ein Set von Zeichnungen zu überlagern. Da ist die Wohnung von Daphna, die auf die Krone eines Feigenbaums geht. In ihr finden ihr drogensüchtiger Sohn und später Hani, ein krebskranker Dichter aus Gaza, ihr Refugium. Der als Schriftsteller getarnte Geheimdienstler braucht diese Personen zu einem ganz bestimmten Zweck, aber je mehr ihm sein eigenes Leben abhandenkommt, desto mehr verliert er die Distanz zu ihnen.

          Die Strukturen, die nötig sind, um targeted killings durchzuführen, werden als eine Art Staat im Staate geschildert, der offenbar gewaltige Ressourcen verschlingt. Die Raffinesse des Auslandsgeheimdiensts ist allerdings den Verhörern vom Schabak in ihren Kellern völlig fremd. Um die Araber zum Reden zu bewegen, gebrauchen sie Gewalt, Ekel oder primitive Drohungen. Mit solchen pornographischen Geschichten scheitern sie aber regelmäßig. Und wenn sie einen israelischen Gangsterboss zur Zusammenarbeit gewinnen wollen? Da geht die harte Tour gar nicht, denn: "Für Juden gelten die Menschenrechte."

          Mit dem muss der Ermittler dann in die Sauna, Kebab essen.

          Der Terrorismus, das ist eine der Botschaften des Romans, hat seinen Bekämpfern seine Logik aufgezwungen. Frühere Zeiten, in denen Israelis nach Gaza an den Strand fahren konnten oder palästinensische Dichter auf den Terrassen von Tel Aviv Hof hielten, werden im Buch auch geschildert und von Daphna beschworen.

          Es gelingt dem Ermittler, sich das Vertrauen des alten Palästinensers zu erschleichen. Dessen Telefon wird natürlich abgehört, und als der kranke Dichter seinem Sohn vorschwärmt, endlich habe er einen Juden kennengelernt, dem man vertrauen könne, brechen die israelischen Geheimdienstleute in herzhaftes Lachen aus. Aber wessen Urteil erweist sich als das wahre?

          Die perfekte Anverwandlung zwischen Juden und Arabern ist hier ein Mittel zum Kampf, aber es ist auch ein anderer Weg möglich. Daphna sagt: "Eines Tages fallen die Zäune, und wir werden vereint sein."

          "Limassol" ist ein spannendes, ehrliches, vor allem aber ein schönes Buch. Nach all den Informationen über die Maschinenräume des Nahostkonflikts bleiben wunderbare, suggestive Szenen im Gedächtnis, wie Daphnas Versuch, am Rande eines Schwimmbeckens den Staat Israel zu erpressen.

          Solche schwarzen Krimis sind paradoxe Zeugnisse einer schonungslosen Demokratie und einer vital herumwirbelnden Kultur. Der Grad an Korruptheit, Verzweiflung und Gewalt, der hier geschildert wird, ist auch nicht höher als im Kalifornien Dashiell Hammetts oder im Schweden von Per Sjöwall und Stieg Larsson.

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