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Liao Yiwu liest in Murnau : Massaker vor Alpenkulisse

  • -Aktualisiert am

Autor, Musiker und Poet: Liao Yiwu Bild: Bouchon/Le Figaro/laif

Denen Kraft spenden, die damals Opfer geworden sind: Der chinesische Autor und Poet Liao Yiwu rezitiert dreißig Jahre nach dem Tiananmen-Massaker sein Langgedicht in Murnau.

          Der Mann hält zwei weiße Tüten in Händen. Er steht allein vor einer Phalanx aus anrollenden Panzern auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Noch nach 30 Jahren ist dieser Mann auf Jeff Wideners berühmtem Foto Symbolfigur für die wochenlangen Proteste, als sich in mehreren chinesischen Städten Hunderttausende in Massendemonstrationen und Hungerstreiks für einen „Frühling der Demokratie“ zusammenfanden. Und für das blutige Niederschlagen der Pekinger Demonstranten am 4. Juni 1989.

          Am Vorabend schrieb Liao Yiwu „das Langgedicht, das mein Leben für immer verändert hat“, und nannte es „Massaker“. Das Geschehen von morgen vorwegnehmend, erhob er darin auf radikale Weise seine poetische Stimme. Er nahm es auf, vervielfältigte und verbreitete die Tonbänder. Er wurde festgenommen und vier Jahre lang im Gefängnis festgehalten. Er führte danach fort, wodurch er überlebt hatte: spielte Flöte und ließ in aufgezeichneten Gesprächen die Menschen am Rand der Gesellschaft zu Wort kommen. Um diese Texte zu veröffentlichen, flüchtete er 2011 nach Deutschland, lebt in Berlin, erhielt Auszeichnungen wie den Geschwister-Scholl-Preis 2011 und 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: als Volksschriftsteller, der für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie stehe.

          Am vergangenen Sonntag nun führte Liao Yiwu „Massaker“ ein einziges Mal in Deutschland auf – vor einer selbstgewählten, unwirklich anmutenden Kulisse. Ein paar Tage zuvor war sein neues Buch erschienen, dessen Umschlag den Mann vor der Phalanx zeigt. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ heißt es denn auch; enthalten sind Erinnerungen: eigene Briefe und Schilderungen aus dem Gefängnis.

          Minister: „Richtige Entscheidung gegen politische Unruhen“

          Die unwirklich anmutende Kulisse war ein Sommersonntag in der Villa Riedwies in Murnau, am Fuß blau leuchtender Alpengipfel. Dass Eindrücke von Freiheit, Schönheit, Lebensüppigkeit an diesem Ort an diesem Tag obligatorisch schienen, war gewollt: „Im größten Kontrast zum chinesischen Foltergefängnis“ wolle er sein Langgedicht in Deutschland aufführen, so Liao Yiwu. Die Aufmerksamkeit solle „all jenen Kraft spenden, die damals Opfer geworden sind, und all denen helfen, die heute in China in Unfreiheit leben“.

          Der Murnauer Vortrag stand auch unter dem Eindruck, dass nur ein paar Stunden zuvor Chinas Verteidigungsminister die Vorkommnisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 als richtige Entscheidung gegen politische Unruhen, welche die Regierung habe bezwingen müssen, gerechtfertigt hatte. Das Gedicht indes benötigte den inszenierten Kontrast zur idyllischen Kulisse nicht – die schmerzhafte Wucht des simultanen Vortrags von Liao Yiwu und Peigen Wang, in dem das Deutsche das Chinesische eindrücklich untermalte, träfe und erschütterte sein Publikum wohl an jedem Ort. Darauf vorzubereiten versuchte man an diesem Nachmittag mit Ausschnitten aus der verfilmten Theaterproduktion von „Die Kugel und das Opium“ (2016), teilweise gedreht in Murnau, sowie der Lesung des Schauspielers Felix Römer aus den gerade veröffentlichten Briefen des Dichters, dessen Werk häufig auch mit Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ und Paul Celans „Todesfuge“ assoziiert wird.

          Das Gefühl des Kontrastes aber war bereits in den Zeilen und der Performance von „Massaker“ stets präsent. Das wiederholte „Knallt sie ab“ im ersten Teil, das „Weine doch“ im zweiten; der Verlust an Schönheit des Wortes „Schönheit“, wenn es in Zorn geschrien wird; das zarte oder harte Spiel der chinesischen Instrumente, auf denen der Künstler sich selbst begleitete; die Rede von Freiheit aus Asche, von Blinden im Licht, Lahmen auf dem Weg und einem Haus aus Sehnsucht – all dies Ausdruck für die inneren und äußeren Oppositionen, die Liao Yiwus Leben und Schreiben begleiten.

          Vor einigen Tagen hat der Friedenspreisträger auf Einladung der Körber-Stiftung in Hamburg eine „Rede zum Exil“ gehalten, die er „Für die Freiheit der Anderen“ überschrieb – eine Freiheit, die im Inneren entspringe. Der dankende Applaus in Murnau galt einem Dichter und Zeitzeugen, der seine eigenen Wunden unermüdlich aufreißt, um durch die Erinnerung an ein geschehenes Unrecht an ein bestehendes zu erinnern.

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