https://www.faz.net/-gqz-vxid

Lexikon der Germanen : Nachbarn ohne Nazi-Lupe

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Eine ehemalige Moderatorin blickt wehmütig in die Nazi-Zeit zurück. Ändern solche Aus- und Rückfälle das Bild von den Deutschen im Ausland? Alte Klischees und Nazi-Vergangenheit spielen dort kaum eine Rolle. Wer sind wir eigentlich?

          5 Min.

          In der vergangenen Woche ehrte der „Stern“ die eingeschränkt analogiebegabte Hobby-Historikerin Eva Herman mit einem Titelbild und der Schlagzeile: „Die Nazi-Falle“. „Unwissen“ und „Unsicherheit im Umgang“ mit dem Nationalsozialismus seien nach wie vor „riesengroß“, tadelte das Magazin. Das zeugte von einer gewissen Chuzpe, beruht die Fama des Blattes doch auch darauf, vor 24 Jahren wegen leichter Unsicherheiten im Umgang mit dem Nationalsozialismus und gewissen Tagebüchern in die bislang größte Nazi-Falle aller Zeiten (GröNaFaZ) getappt zu sein. Jeder vierte Deutsche glaube noch, dass die Hitler-Diktatur auch gute Seiten gehabt habe, ermittelte die Zeitschrift nun per Meinungsumfrage und befand, Eva Herman habe eine „lange vernachlässigte“ Debatte angestoßen.

          Bei der Einschätzung, es gebe noch irgendeine Nazi-Debatte, die in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden sei, handelt es sich womöglich um eine Außenseiter-Position. Zumindest aber scheint diese Debatte momentan nur innerhalb Deutschlands auf Interesse zu stoßen. So jedenfalls könnte man das Achselzucken des Historikers, Friedenspreisträgers und Schoa-Überlebenden Saul Friedländer werten, der - in einem „Spiegel“-Interview auf Eva Herman angesprochen - lakonisch feststellte: „Sie weiß es offenkundig nicht besser.“

          Nazi-Lupe zur Seite legen

          Außerhalb Deutschlands scheint sich der Blick auf die Deutschen eher zu weiten. Mehr als sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und fast zwei Jahrzehnte nach Mauerfall häufen sich die Anzeichen, dass unsere Nachbarn die Nazi-Lupe öfter mal zur Seite legen und dabei die Deutschen schärfer in den Blick bekommen. Zahlreiche Veröffentlichungen aus der jüngeren Zeit deuten darauf hin. Darunter sind historische Werke, politische Gegenwartsanalysen, Reiseführer, aber auch - und das hat man lange nicht gesehen - humoristische Bücher von Nicht-Deutschen über Deutschland, in denen die heutigen Bewohner dieses Landes alles in allem ganz gut weg kommen. So unterschiedlich diese Texte auch sind, gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis oder zumindest die Ahnung, dass da ein irgendwie neues Deutschland entstanden ist, für dessen Beschreibung lange genutzte Klischees nicht mehr reichen.

          Sie ging zu weit und musste gehen: Eva Herman

          Nicht alle Bücher kommen dabei mit einem so enzyklopädischen Anspruch daher wie der „Dictionnaire du monde germanique“, den die französischen Historiker und Germanisten Élisabeth Décultot, Michel Espagne und Jacques Le Rider unter Mitwirkung von rund dreihundert Experten herausgegeben haben. Zehn Jahre hat es gedauert, die deutschsprachige Welt in mehreren hundert Artikeln von „Abitur“ bis „Zweig, Stefan“ zu vermessen. Dazwischen finden sich unter anderen Abhandlungen über die Aufklärung, die Automobilindustrie, die Documenta, das Elsass, Grund, Grundlage und Grundsatz, Heimat, Kohl, den deutschen Michel, Oberhausen, das Sein, das Volk, den Wald und die Wiedervereinigung. Noch vor zwanzig Jahren, räumt der Mitherausgeber Le Rider ein, wäre solch ein Unterfangen kaum denkbar gewesen.

          Frei von Befürchtungen

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.