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Lesung : Vom Ende aller Backfischträume

Felicitas von Lovenberg bei der Lesung Bild: F.A.Z. - Foto: Jesco Denzel

Mit der Romantik, glaubt man Felicitas von Lovenberg, war es jahrhundertelang nicht so arg weit her, schloß man den Bund der Ehe doch in aller Regel aufgrund pragmatischer Erwägung. „Doch dann brach mit der Literatur die Liebe über uns herein, und seither regiert das Chaos.“

          Goethe, wer sonst, ist an allem schuld. Nicht, daß es die wahre, tiefe, ewig junge Liebe vorher nie gegeben hätte. Man denke etwa nur an Philemon und Baucis, an Shakespeares „Romeo und Julia“ selbstverständlich, doch ging das ja bekanntlich eher tragisch aus; oder, um vor aller Zeit und also gleich im Garten Eden zu beginnen, wo noch jedes frisch verliebte Pärchen dereinst mal wohnen will, an das erste aller Liebespaare. Allein: Hatten Eva und ihr Adam eine andere als ebendiese Partnerwahl? Und sind sie nicht vertrieben worden aus dem Paradies, gerade als die Zweisamkeit ein wenig öde wurde? Am Ehealltag, immerhin, hat es wohl nicht gelegen, lebten sie doch ohne Trauschein in den Tag hinein bis an ihr Lebensende.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vom siebten Himmel aber war auf Erden fortan weitaus seltener die Rede. Und mit der Romantik, glaubt man der Wissenschaft, vor allem aber Felicitas von Lovenberg, war es auch die folgenden Jahrhunderte nicht so arg weit her, schloß man den Bund der Ehe doch in aller Regel aufgrund pragmatischer Erwägung. „Doch dann“, so die Feuilletonredakteurin dieser Zeitung, „brach mit der Literatur die Liebe über uns herein, und seither regiert das Chaos“. Folgen also Goethe und dem „Werther“ endlich die Romantik, Märchen, Hollywood, kurz: der Traum in Weiß als Happy-End. Als hätte nicht Jean Paul schon messerscharf erkannt, daß die „Flamme der ehelichen Liebe“ oft nur Kohle gebe, „einander anzuschwärzen“. Bald nach der Hochzeit also: Katzenjammer.

          Prüfen, ob sich nicht was Besseres findet

          Der Prinz, bei Licht besehen nur ein Frosch, die liebliche Prinzessin womöglich eine alte Hexe, und guter Scheidungsrat wird reichlich teuer. Lovenberg, nach Liebesheirat frisch geschieden, könnte womöglich ein Lied davon singen. Und hat, zum Glück für alle Verliebten, Ehepaare und Singles, statt dessen ein wunderbares Buch geschrieben. „Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?“ (Droemer Verlag) räumt erwartungsgemäß gründlich auf mit der romantischen Verklärung aller Backfischträume, ist aber zugleich doch weit mehr als eine weitere Variation zum Thema, warum Männer und Frauen einfach nicht zusammenpassen. Ein Ratgeber im üblichen Sinne aber, so sollte sich angesichts der ausverkauften Lesung zugunsten der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ im Redaktionsgebäude dieser Zeitung rasch herausstellen, ist dieser Wegweiser aus der „Hochzeitsfalle“ schon gar nicht.

          „Ich möchte mir nicht anmaßen, Tips zu geben“, so Lovenberg im anschließenden Gespräch mit F.A.Z.-Redakteur Manfred Köhler. Zwar mag, wer sich ewig bindet, nach der Lektüre des Buches im Einklang mit dem Volksmund doch noch einmal prüfen, ob sich nicht was Besseres findet. Doch weder ist dieser kluge und hervorragend recherchierte Essay eine Gebrauchsanweisung zum Glück noch umgekehrt eine billige Polemik gegen den Traum der lebenslangen Partnerschaft. Im Gegenteil, hat doch Lovenberg mit dieser romantischen Evolutionsgeschichte der Zweisamkeit in sieben Stadien vor allem ein - selbst wiederum durchaus romantisch zu nennendes - Plädoyer für die Liebe geschrieben. Und, für eine Literaturredakteurin nicht wirklich überraschend, ein wunderbares Plädoyer für das Lesen.

          Weiter Weg bis zur „Endstation Sehnsucht“

          Doch bis zur „Endstation Sehnsucht“, der idealen Beziehung also, ist es ein weiter, immer wieder auch von feiner Ironie umrankter Weg, der von der romantischen Liebeshochzeit über die Vernunft- und Mehrfachehe und das Singledasein und nicht zuletzt die Ehe zu dritt führt. Schließlich wußte schon Oscar Wilde, daß zu einer glücklichen Ehe meistens mehr als zwei Personen gehören. Glücklich aber, so zeigt Lovenbergs höchst vergnüglicher Streifzug entlang der Ehegeschichten von Freunden und Bekannten, Schauspielern, Künstlern und immer wieder der großen Literatur, geht so eine „Menage a trois“ indes auch nicht eben häufig aus.

          Daß freilich beinahe alle wahrhaft großen Liebesgeschichten der Weltliteratur, die wir romantisch nennen, in aller Regel eher tragisch enden, mag einem während der Lektüre dann doch schwer zu denken geben. Sei's drum. Den Königsweg, muß man am Ende nicht einmal enttäuscht zur Kenntnis nehmen, sollte trotz allem jeder für sich selber finden. Die Autorin ist ihn schreibend, lesend schon einmal gegangen, im Gedankenspiel. „Das Schöne jedoch ist, daß sich die Liebe, so entschlüsselbar ihre einzelnen Zutaten auf dem heutigen Stand der Wissenschaft erscheinen, wieder in ein Geheimnis verwandelt, sobald sie zwei Menschen erfaßt.“

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