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FAZ.NET-Lesezeichen : Operation am offenen Herzen

Bild: F.A.Z.

In einer Situation nachrichtlicher Schnellschüsse versammelt der Band „Euromaidan - Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ Texte, die sich so ausführlich wie möglich mit akuten Situation befassen. FAZ.NET veröffentlicht einen Essay daraus vorab.

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          Es heißt, der Mensch versteht nur das, was er selbst erlebt hat, beginnt Tanja Maljartschuk ihren Essay über die Ukraine. Was die dreißigjährige Autorin, die bis zu ihrer Umsiedlung nach Wien vor drei Jahren als investigative Journalistin in Kiew gearbeitet hat, in den vergangenen Monaten erlebte, hat sie selbst nicht für möglich gehalten, im Guten wie im Schlechten.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Sie und ihre Landsleuten erleben derzeit die wohl aufwühlendsten und erschütterndsten Momente ihres Lebens. Als die Bürger der Ukraine vor einem halben Jahr begannen, sich gegen ihr korruptes und autokratisches Herrschaftssystem unter Präsident Janukowytsch zur Wehr zu setzen, waren alle überrascht, wie schnell daraus eine landesweite Protestentwicklung entstand. Doch der friedliche Protest der Bürger endete jäh, als Todesschützen auf dem Maidan hundert Menschen töteten.

          Seither ist nichts mehr, wie es war. Putin hat die Krim annektiert und seine Truppen an die Ostgrenze der Ukraine verlegt. Die Welt ringt mit sich und gegeneinander und sucht nach Auswegen, wie es mit der Ukraine weitergehen kann, wie sich ein Flächenbrand, ein Bürgerkrieg, ein Krieg verhindern lässt. Tanja Maljartschuk, die für die F.A.Z. schon mehrfach über die Ukraine geschrieben hat, erinnert in ihrem Essay daran, wie alles begann: „Die Ukraine als eigenständige politische Einheit produzierte nichts als Korruption, Lüge, abgrundtiefen Kitsch und Angst. Das Prinzip des Stärkeren herrschte unumschränkt.“ Viele ihrer Freunde waren in die innere Emigration gegangen, andere, darunter einige Journalisten, hatten ihre Arbeit verloren.

          Systeme können Menschen an ihre psychischen Grenzen bringen: „Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich meine ganzen dreißig Jahre lang Angst davor hatte, die Tür des Büros eines Beamten zu öffnen? Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich niemandem, absolut niemandem vertraue?“, schreibt Tanja Maljartschuk.

          Aus dieser Ohnmacht heraus entstand der Protest. Und mit dem Maidan verknüpfte sich für viele Ukrainer die Hoffnung auf eine Erneuerung ihrer Gesellschaft. Heute droht das Land zu zerreißen, aufgerieben vom Druck des Westens und dem imperialen Kurs des Osten. In dieser unübersichtlichen Situation hat sich die Edition Suhrkamp dazu entschlossen, den Band „Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ herauszubringen. Das ist nicht unheikel, denn es handelt sich um eine Operation am offenen Herzen. Die Situation kann jeden Tag aufs neue in eine unerwartete Richtung kippen. Bei all den nachrichtlichen Schnellschüssen aus und über die Ukraine ist es indes eine gute Entscheidung gewesen, Texte von Historikern, Politikwissenschaftlern, Soziologen und Schriftstellern zu versammeln, die sich so ausführlich wie möglich mit akuten Situation in der Ukraine befassen.

          Vier von ihnen: Juri Andruchowytsch (2.v.l.) mit Tanya Malyarchuk, Sergey Zhadan (r.) und Jurko Prochasko Anfang Februar zu Besuch im Feuilleton der F.A.Z.
          Vier von ihnen: Juri Andruchowytsch (2.v.l.) mit Tanya Malyarchuk, Sergey Zhadan (r.) und Jurko Prochasko Anfang Februar zu Besuch im Feuilleton der F.A.Z. : Bild: Frank Röth

          Während Wissenschaftler wie Wilfried Jilge, Mykola Rjabtschuk und Timothy Snyder versuchen, die momentane Situation politisch und historisch aufzuschlüsseln, beschreiben Schriftseller wie der ukrainische Romancier Juri Andruchowytsch, der als Herausgeber auftritt, und Katja Petrowskaja sowie der polnische Autor Andreij Stasiuk ihre Eindrücke vom Maidan in Kiew und anderswo. Die Texte können keine Lösung der Ukraine-Krise anbieten, so viel ist klar, aber sie geben Denkanstöße in alle möglichen Richtungen. In der momentan so aufgeheizten Situation ist das nicht das Schlechteste.

          Zur Leseprobe: Tanja Maljartschuks Essay „Mehr als einer“ aus dem Band „Euromaidan - Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“

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