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Leseprobe : „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“

Bild: Blessing / Bearbeitung F.A.Z.

Der Roman „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ von Robin Sloan in der Übersetzung von Ruth Keen erscheint am 3. März im Blessing Verlag. Das gebundene Buch mit 352 Seiten kostet 19,99 Euro.

          5 Min.

          AUSHILFE GESUCHT

          Verloren im Schatten der Regale, falle ich fast von der Leiter. Ich bin jetzt genau auf halber Höhe angelangt. Der Boden der Buchhandlung liegt tief unter mir, die Oberfläche eines Planeten, von dem ich mich weit entfernt habe. Die Regale türmen sich über mir auf, und dort, wo sie enden, ist es dunkel – die Bücher stehen dicht an dicht und lassen kein Licht hindurch. Gut möglich, dass dort auch die Luft dünner ist. Ich glaube, ich habe eine Fledermaus gesehen.
          Verzweifelt klammere ich mich fest, eine Hand an der Leiter, die andere am Rand des Regalbretts, sodass meine Knöchel weiß hervortreten. Meine Augen schweifen über eine Reihe von Buchrücken – und da steht es. Das Buch, das ich suche.
          Aber fangen wir lieber von vorn an.

          Ich heiße Clay Jannon, und mit Papier kam ich damals selten in Berührung.
          Die meiste Zeit saß ich am Küchentisch und ging auf meinem Laptop die »Aushilfe gesucht«-Anzeigen durch, nur blinkte irgendwann immer ein Browser-Tab auf, lenkte mich ab und verleitete mich dazu, einem Link zu einem langen Zeitschriftenartikel, etwa über genmanipulierte Weintrauben, zu folgen. Einem zu langen, wie ich fand, weshalb ich ihn meiner Leseliste hinzufügte. Dann klickte ich einen anderen Link an, der zu einer Buchrezension führte. Diese Rezension übertrug ich ebenfalls in meine Leseliste und lud mir das erste Kapitel des Buchs herunter – des dritten aus einer Serie über Vampir-Cops. Anschließend verzog ich mich – die »Aushilfe gesucht«-Anzeigen waren vergessen – ins Wohnzimmer, wo ich mit dem Laptop auf dem Bauch den ganzen Tag las. Ich hatte eine Menge Zeit.
          Ich war arbeitslos, eine Folge der großen Lebensmittelketten-Rezession, die Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts über Amerika hereingebrochen war und bankrotte Fastfood-Ketten und verrammelte Sushi-Imperien hinterlassen hatte.
          Ich hatte meinen Job im Firmensitz von NewBagel verloren, das sich weder in New York noch an sonst einem für seine Tradition der Bagelherstellung bekannten Ort befand, sondern hier in San Francisco. Das Unternehmen war sehr klein und sehr neu, gegründet von zwei Ex-Googlern, die eine Software zur Entwicklung und Herstellung des idealen Bagels geschrieben hatten: außen glatt und knusprig, innen weich und nicht ganz durchgebacken, so rund wie ein perfekter Kreis. Es war mein erster Job nach der Kunstakademie, und ich fing als Designer an, entwickelte das Marketingmaterial, mit dem der leckere Kringel angepriesen und unter die Leute gebracht wurde: Speisekarten, Coupons, Diagramme, Werbeposter und einmal ein ganzes Photo-Booth-Video für eine Backwarenmesse.
          Es gab eine Menge zu tun. Als Erstes bat mich einer der beiden Ex-Googler, mich an einem Neuentwurf des Firmenlogos zu versuchen. Das alte bestand aus einem blassbraunen Kreis, der große fröhliche Buchstaben in allen Regenbogenfarben umschloss und nach MS Paint aussah. Für die Umgestaltung nahm ich eine relativ neue Schrift mit kräftigen schwarzen Serifen, die, wie ich hoffte, ein bisschen an die Kästchen und Dolche des hebräischen Alphabets erinnerte. Es verlieh New-Bagel etwas Seriosität und brachte mir einen Preis der Zweigstelle San Francisco vom American Institute of Graphic Arts ein. Als ich dann der anderen Ex-Googlerin gegenüber erwähnte, dass ich programmieren konnte (so lala), übertrug sie mir die Verantwortung für die Website. Also entwarf ich auch dafür ein neues Design und bekam dann einen kleinen Werbeetat, der mir erlaubte, Begriffe wie »Bagel«, »Frühstück« und »Topologie« zu verschlagworten. Ich war außerdem die Stimme von @NewBagel auf Twitter und konnte mit einer Mischung aus Informationshäppchen rund ums Frühstück und digitalen Coupons ein paar Hundert Interessenten anlocken.
          Nichts davon könnte man als ruhmreiche neue Errungenschaft der menschlichen Evolution bezeichnen, aber ich habe etwas dabei gelernt. Es ging aufwärts mit mir. Doch dann ging es mit der Wirtschaft bergab, und wie sich herausstellte, bevorzugen die Leute in einer Rezession die guten alten blasigen und länglichen Bagels und interessieren sich nicht für die glatten, Ufo-mäßigen Bagels, nicht einmal für solche mit präzisionsgerebelten Salzkörnern.
          Die erfolgsverwöhnten Ex-Googler hatten nicht vor, kampflos unterzugehen. Sie verpassten sich schnell ein neues Image, benannten sich um in Old Jerusalem Bagel Company und verzichteten komplett auf den Algorithmus, sodass die Bagels schwarz angekokelt und ungleichmäßig aussahen. Sie wiesen mich an, die Website altmodisch zu gestalten; eine Aufgabe, die mich seelisch belastete und mir null Preise vom American Institute of Graphic Arts einbrachte. Mein Marketingbudget schrumpfte und verschwand dann ganz. Es gab immer weniger zu tun. Ich lernte nichts und es ging weder aufwärts noch irgendwie weiter mit mir.
          Schließlich warfen die Ex-Googler das Handtuch und zogen nach Costa Rica. Die Backöfen erkalteten und die Website erlosch. Für eine Abfindung war kein Geld da, aber ich durfte mein Firmen-MacBook und den Twitter-Account behalten.
          So war ich also, nach nicht einmal einem Jahr, wieder ohne Job. Bald wurde klar, dass nicht nur die Lebensmittelketten gelitten hatten. Die Menschen mussten in Motels und Zeltstädte ziehen. Die ganze Wirtschaft glich plötzlich einem einzigen »Reise nach Jerusalem«-Spiel, und ich wusste, dass ich mir einen Stuhl schnappen musste, irgendeinen, und zwar so schnell wie möglich.
          Angesichts der Konkurrenz waren meine Aussichten ziemlich düster. Ich hatte Freunde, die wie ich Designer waren, aber sie hatten schon weltberühmte Websites oder raffinierte Touchscreen-Interfaces entworfen, nicht nur das Logo für eine neu gegründete Bagelbude. Ich hatte Freunde, die bei Apple arbeiteten. Mein bester Kumpel, Neel, besaß bereits sein eigenes Unternehmen. Noch ein Jahr bei NewBagel, und ich hätte gut dagestanden, aber so war zu wenig Zeit gewesen, um mir ein Portfolio zusammenzustellen oder auch nur auf irgendeinem Gebiet besonders gute Kenntnisse zu erwerben. Was ich vorzuweisen hatte, war eine Abschlussarbeit über schweizerische Typografie (1957–1983) und eine Website von drei Seiten.
          Aber ich blieb mit den »Aushilfe gesucht«-Anzeigen am Ball. Meine Ansprüche sanken rasch. Zuerst war ich fest entschlossen, nur bei einer Firma zu arbeiten, deren Zielsetzung mich überzeugte. Dann fand ich, eine Stelle, bei der ich wenigstens etwas Nützliches lernen könnte, wäre auch in Ordnung. Danach legte ich nur noch Wert darauf, dass das betreffende Unternehmen keinem bösen Zweck diente. Jetzt war ich gerade dabei, meine ganz persönliche Definition von »böse« zu überdenken.
          Was mich schließlich rettete, war Papier. Denn es zeigte sich, dass ich mich auf die Jobsuche konzentrieren konnte, solange ich mich vom Internet fernhielt; daher druckte ich mir jedes Mal einen dicken Stapel »Aushilfe gesucht«-Anzeigen aus, verstaute mein Handy in einer Schublade und ging spazieren. Die Anzeigen, die zu viel Berufserfahrung verlangten, zerknüllte ich und warf sie unterwegs in eine der verbeulten grünen Mülltonnen, und wenn ich irgendwann erschöpft in einen Bus stieg, der mich nach Hause bringen würde, steckten zwei oder drei Prospekte, denen ich nachgehen konnte, zusammengefaltet in meiner Gesäßtasche.
          Diese Methode brachte mir tatsächlich einen Job ein, aber nicht so, wie ich erwartet hatte.
          San Francisco ist ein guter Ort für Spaziergänge, wenn man kräftige Beine hat. Die Stadt ist ein winziges Quadrat, das von steilen Hügeln durchsetzt und auf drei Seiten von Wasser begrenzt ist; infolgedessen öffnen sich einem überall überraschende Ausblicke. Während man noch gedankenverloren mit einer Handvoll Prospekte vor sich hin schlendert, fällt plötzlich der Boden steil ab und man schaut direkt in die Bay hinunter, auf all die bunten, rosa und orange beleuchteten Gebäude entlang der Straße dorthin. Der Baustil von San Francisco hat sich eigentlich nirgendwo sonst im Land durchsetzen können, und selbst wenn man hier lebt und daran gewöhnt ist, ist der Anblick immer wieder befremdlich: die hohen schmalen Häuschen, die Fenster wie Augen und Zähne, die kitschigen Verzierungen. Und hinter allem erhebt sich drohend, sofern man in die richtige Richtung schaut, das rostige Gespenst der Golden Gate Bridge.
          Ich war einem dieser merkwürdigen Anblicke über eine Reihe von steilen, stufigen Gehsteigen abwärts gefolgt und dann am Wasser entlang über einen sehr langen Umweg nach Hause gelaufen. Ich ging vorbei an den alten Landungsbrücken – mied aber die lärmende Fischsuppen-Szene am Fisherman’s Pier – und beobachtete, wie Fischrestaurants allmählich in Läden für Bootszubehör und dann in Social-Media-Start-ups übergingen. Als mir schließlich der Magen knurrte und seine Bereitschaft zum Mittagessen signalisierte, wandte ich mich stadteinwärts.
          Wenn ich die Straßen von San Francisco entlanglief, hielt ich immer Ausschau nach AUSHILFE-GESUCHT-Schildern in den Läden – was man eigentlich nicht tut, stimmt’s? Wahrscheinlich sollten sie einem eher suspekt sein. Seriöse Arbeitgeber inserieren auf Craigslist.
          Und tatsächlich machte »Buchhandlung Penumbra – durchgehend geöffnet« ganz und gar nicht den Eindruck eines seriösen Arbeitgebers:















          AUSHILFE GESUCHT
          Spätschicht
          Spezielle Anforderungen
          Gute Zusatzleistungen


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