Leon de Winters neuer Roman „Ein gutes Herz“ : Ziemlich beste Feinde
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„Aber der de Winter aus dem Buch ist keineswegs ein netter Mensch.“, sagt der Schriftsteller Leon de Winter Bild: Frank Röth
Leon de Winter hat die ganze Islam- und Zuwanderungsdebatte seiner niederländischen Heimat in seinen neuen Roman gepackt. „Ein gutes Herz“ ist sehr viel mehr geworden als ein unterhaltsamer Terrorthriller.
Der islamistische Ritualmord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh hat 2004 mit einem Schlag harte Fronten im Zivilisationsstreit gezogen: Intellektuelle, die wie der Provokateur Van Gogh für freies Sprechen und böse Satire einstanden, sahen sich plötzlich in Lebensgefahr - bedroht von ebenden Zuwandererkindern, für deren soziale Rechte sie sich als Altlinke eingesetzt hatten. Christdemokraten hingegen müssen seither staatstragend die Multikultigesellschaft verteidigen. Katholiken streiten Seite an Seite mit Salafisten gegen Gotteslästerung. Und einstmals linksextreme Freunde Van Goghs drücken heute den Geheimdiensten alle Daumen, neue Suizidattentäter rechtzeitig aufzuspüren. Diese explosive, absurde Gemengelage schreit - nicht nur in den Niederlanden - nach einer literarischen Ausgestaltung. Leon de Winter hat den ultimativen Roman zu Theo van Goghs Tod und Nachleben geschrieben: „Ein gutes Herz“.
Warum bedeutete dieser Thriller bei seinem Erscheinen in Holland vor gut einem Jahr eine Sensation? De Winter und Van Gogh waren Intimfeinde. Der als Filmemacher und Autor mittelmäßige Van Gogh nahm sich in Kolumnen und Talkshows immer wieder den streitbaren jüdischen Romancier vor: De Winter mache seine Familienvergangenheit - ergo die Schoa - schamlos zu Geld. De Winter sei ein meschuggener Psychopath, der KZ-Stacheldraht sammle und beim Sex immer „Auschwitz, Auschwitz“ rufe. Die abgrundtiefe Geschmacklosigkeit solcher Diskurse ist in Deutschland schwer vorstellbar. Doch Van Gogh wollte als selbsternannter Konzeptkünstler Skandal um jeden Preis, ob er nun Juden schmähte oder die islamischen „Ziegenficker“. Dass er die ersehnten Schlagzeilen dann durch seinen Mörder Mohammed Bouyeri weltweit beschert bekam, ist Ironie und Tragödie gleichermaßen.
Demaskierung einer ganzen Gesellschaft
„Ein gutes Herz“ setzt dem Ermordeten nun zärtlich und zugewandt ein Denkmal: Aus dem Jenseits darf Schutzengel Theo in einen Terrorangriff marokkanischer Jugendlicher gegen Amsterdam entscheidend eingreifen, bevor er endgültig in den quantenphysikalischen Himmel entschwindet. Doch das kommt erst nach 500 Seiten. Allein die Einfühlung in den ziemlich besten Feind ist für De Winter eine charakterliche Großleistung. Der bemerkenswerte Roman geht mit dieser überraschenden Theo-Logie aber erst los.
Der Autor hat nicht mehr und nicht weniger unternommen, als die ganze vielstimmige Islam- und Zuwanderungsdebatte in einen durchaus trivialen Thriller zu verkleiden. Darin treten auf: prominente Politiker mit heruntergelassener Hose, Van Goghs fanatischer Mörder - und am Ende auch der gelinde lächerliche Romancier Leon de Winter selbst.
Eine solche - wirklich komplett fiktive? - Demaskierung nicht nur einer ganzen Gesellschaft, sondern auch des Autors selbst ist unerhört. Man stelle sich zum Vergleich einmal vor, Daniel Kehlmann baute das Liebesleben von Westerwelle, Merkel, Steinbrück, Kehlmann ungerührt in einen wilden Abenteuerroman ein. Dass sich holländische Politprominenz wie der frühere Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen oder Ex-Innenminister Piet Hein Donner nicht gerichtlich dagegen gewehrt haben, dass sie im Roman als ein notorischer Schürzenjäger respektive ein verbitterter Frömmler dargestellt sind, ist aus humorloser deutscher Rechtstradition verwunderlich. Und dass Geert Wilders sich - im Roman - mit Todesmut als Geisel für die Terroristen zur Verfügung stellt, verleiht ihm die beste Statur aller Amtsträger - und passt zur politisch angenehm inkorrekten Tendenz der Zeitungskolumnen Leon de Winters, der nicht einsehen will, warum das Einfordern von Freiheitsrechten und begründete Islamkritik inzwischen als rechtsradikal gelten.