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Mein liebster Buchladen (5) : Der Himmel von ’s-Hertogenbosch

  • -Aktualisiert am

Erinnerungen an die Kindheit: Im Boekhandel Adr. Heinen in der Kerkstraat kaufte der Romancier Leon de Winter sein erstes Buch. Bild: André Stikkers

Online bestellen geht schnell, aber beim Buchhändler spielt sich das wahre Literaturleben ab. Schriftsteller wissen das und stellen uns ihre Lieblingsbuchhandlung vor: Heute geht es in die Niederlande.

          6 Min.

          Ich besuche meine Geburtsstadt höchst selten. Nicht, dass sie hässlich wäre, im Gegenteil, ’s-Hertogenbosch ist eine prachtvoll erhaltene alte Stadt. Sie war schon im Mittelalter ein bedeutendes Marktzentrum für den Norden der weitläufigen Region namens Brabant. Eine stolze Stadt mit trutzigen Verteidigungsmauern hinter einem sicheren Ring aus Wasser.

          Im neunzehnten Jahrhundert wurde Brabant geteilt, und ’s-Hertogenbosch verlor sein weites Hinterland. Als ich dort aufwuchs, war die Provinz im Süden der Niederlande, deren Hauptstadt es ist, noch agrarisch und zurückgeblieben. Die Stadt war farblos, verfallen, trist. In ihrem Herzen thronte die St.-Jans-Kathedrale, eine überwältigend schöne Basilika, die ab dem vierzehnten Jahrhundert über mehr als hundertfünfzig Jahre von Tausenden von Handwerkern erbaut worden war. Die Kirche dominierte die Stadt und ihre Umgebung. Wenn ich auf meinem Fahrrad zu den umliegenden Wäldern strampelte und mich mehrere Kilometer außerhalb der Stadtmauern befand, sah ich die hohe Kirche über die Welt herrschen. Es ist schön in meiner Geburtsstadt, und doch kehre ich nicht gern dorthin zurück. Viele Jahre lang habe ich sie sogar gemieden.

          Die zurückgebliebene Provinz hat sich in den vergangenen dreißig Jahren zu einer wohlhabenden Region gemausert. Jetzt ist Geld da, viel Geld. Man hat die Stadt vollständig renoviert, wie ich vor ein paar Monaten sah, als es mich zufällig für ein Stündchen dorthin verschlug. Alles glänzt und funkelt. Die Gassen und Plätze, die in meiner Jugend unter Armut und Mangel ächzten, strahlen jetzt mittelalterliche Pracht aus. Man konnte diese Stadt aber auch zu früherer Zeit schon anders sehen. Hieronymus Bosch malte hier seine von Monstern und Teufeln bevölkerten Bilder, Figuren, wie sie auch auf den Dächern der Kathedrale zu finden sind. Ich wuchs mit diesen Monstern und Teufeln auf.

          Zwischen Kochherd und Kühlschrank

          Die Monster und Teufel erschienen, wenn meine Mutter von ihrer Familie erzählte. Und das tat sie fast jeden Tag. Fast jeden Tag erzählte sie von ihrer Familie, und fast jeden Tag weinte sie. Auch wenn sie mal einen Tag ausließ, schwebten die Geister ihrer Angehörigen - meiner Onkel und Tanten und Cousins und Cousinen - in unserem Haus herum. Sie waren allesamt umgebracht worden, Dutzende von Menschen. Vor solchen Geschichten kann man sich als Kind nirgendwo verstecken. Aber ich fand einen Weg, wie ich ihnen imaginativ entfliehen konnte. Lesen.

          Bild: dpa

          Wir wohnten außerhalb der alten Stadtmauern in einem weißen Haus in einem neu angelegten Viertel. Das Haus hatte mein Vater bauen lassen, als er in den fünfziger Jahren viel Geld verdient hatte. Wir hatten dort drei Regalbretter mit Büchern. Auf dem untersten standen die vornehmen, voluminösen Bände der Winkler Prins Enzyklopädie, die, wie ich heute weiß, jeder niederländische Bürger, der etwas auf sich hielt, zur damaligen Zeit in seinem Wohnzimmer ausstellte. Und auf den anderen beiden Regalbrettern standen alle möglichen Bücher, vielleicht insgesamt hundert, Belletristik und Sachliteratur (kannten meine Eltern diese Unterscheidung?) durcheinander. Das Bücherregal hing im Wohnzimmer, über dem Marmorsims des offenen Kamins.

          In dem Kamin hat nie ein Feuer gebrannt, und in dem Wohnzimmer haben wir nie gesessen. Wir lebten in der großen Küche, zwischen Kochherd und Kühlschrank. Das Wohnzimmer war für den Empfang von Besuchern da. Ich kann mich nicht erinnern, dass es je Besucher gegeben hat, die in diesem Wohnzimmer empfangen wurden. Man setzte sich einfach mit an den Küchentisch. Das Wohnzimmer - mit den teuren Möbeln und Lampen der ganze Stolz meiner Mutter, vor allem wegen des Kronleuchters aus Kristall, den ich geerbt habe und der schon seit zwanzig Jahren in meiner Eingangshalle hängt - war immer still und verlassen. Dort war ich gern.

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