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Lektüre-Selbstversuch : Pflaster für die Schmerzen des Alltags

Ein Donut ist schön, enthält aber die Qual der Wahl Bild: AP

„Dieses Buch wird Ihr Leben retten“, verspricht ein neuer Roman, den man daraufhin natürlich sofort lesen will. Prompt geschehen seltsame Dinge: Ein Erfahrungsbericht nach überlebter Lektüre.

          Woody Allen sagt in einem Film, dass es verschiedene Gründe gibt, um derentwillen es sich zu leben lohnt, darunter Flauberts „Erziehung des Herzens“. Die tröstende oder lebenserhaltende Wirkung von Kunst ist deren schlechteste nicht. Damit könnte sich eigentlich jedes gute Buch zufriedengeben. Flaubert hätte, wenn Woody Allen recht hat - wofür einiges spricht -, auf seinen Roman genauso gut draufschreiben können: „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“. Er hat es nicht getan, aber die „Erziehung des Herzens“ wurde auch so ein Erfolg.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Den strebt auch der Verlag Kiepenheuer & Witsch an mit einem Roman, der genauso heißt: „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“. Also nicht: Dieses Buch wird Ihr Leben bereichern (was ja auch schon ein Erfolg wäre) oder: Dieses Buch wird aus Ihnen einen glücklicheren Menschen machen (was, auf die Dauer, schon unwahrscheinlicher ist) oder (was wohl auf die meisten zutrifft): Dieses Buch wird Ihnen Lebenszeit stehlen. Nein: „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ - drunter macht es die Autorin A. M. Homes nicht.

          Wie ein typisch-klamottiger Achtziger-Jahre-Film

          Unwillkürlich denkt man an die alten, klobigen Feuermelder, die früher an Wänden hingen: „Nicht mutwillig zerstören, dieses Gerät könnte Leben retten.“ Also her mit dem Ding und mal durchgelesen! Und, was soll ich sagen: Ich denke jetzt noch mehr über Krankheiten nach als ohnehin schon und habe erste Konsequenzen gezogen: nur noch höchstens einmal am Tag zu McDonald's.

          Bei Homes' im amerikanischen Herkunftsland bereits außergewöhnlich vielverkauftem Werk handelt es sich um eine Art Gesundheitsbuch, das der vom Verlag angezeigten Gattung „Roman“ dennoch gehorcht. Die Handlung erinnert an so typisch-klamottige Achtziger-Jahre-Filme wie „Zoff in Beverly Hills“ mit Richard Dreyfuss, Nick Nolte und Bette Middler (womit weder gegen das Buch noch gegen den Film etwas gesagt sein soll) und ist schnell erzählt: Richard Novak, ein reicher Mittfünfziger, lebt in einem schönen Haus in Los Angeles. Die viele freie Zeit, die er hat, verbringt er mit Terminen bei seiner Ernährungsberaterin und seiner Fitnesstrainerin, aber wenn ihm jemand einen schönen Tag wünscht, zuckt er zusammen. Seine Frau und den gemeinsamen Sohn Ben hat er vor Jahren ohne nähere Begründung verlassen; die beiden leben in New York und reagieren entsprechend frostig, wenn er mal anruft.

          Der McChicken einfach so

          Eines Tages beziehungsweise schon ganz am Anfang des Romans bekommt Richard heftige Schmerzen in Brust und Rücken, sucht eine Klinik auf, wird ohne verlässliche Diagnose entlassen und lernt den Donut-Verkäufer Anhil kennen, einen Lebenskünstler, der ihn genauso auf andere Gedanken bringt wie das merkwürdige Erdloch hinter seinem Haus, das noch eine tragende beziehungsweise - da das Haus am Ende einstürzt- überhaupt nicht tragende Rolle spielen wird. Des Weiteren kommen vor: Nic, ein untergetauchter Erfolgsschriftsteller, der so vor sich hin gammelt, aber noch einen Roman in der Schublade hat; ein Filmstar namens Tad Ford; Cynthia, die Richard aus ihrer Familienhölle rettet; dazu die eine oder andere verkrachte Existenz.

          Nun ist es so, dass die Sorgen eines Mannes, der nicht weiß, wohin mit sich und seinem Geld, nicht jedermanns Sorgen sind. Insofern wäre der Buchtitel schon mal etwas gewagt. Als McDonald's-Esser muss ich auch sagen, dass mich der leitmotivische Einsatz von Donuts etwas stört, ich aber die Kritik an den Absurdidäten unserer Existenz, auf die es das Buch vor allem abgesehen hat, sehr überzeugend finde - überzeugend deswegen, weil wir ja alle viel zu viele Wahlmöglichkeiten in Sachen Konsum und Komfort haben, die dazu führen, dass unser ganzes schönes Dienstleistungssystem lahmgelegt wird. Es vergeht praktisch kein Tag, an dem ich bei McDonald's, bei Karstadt, beim Frisör oder der Bahnauskunft nicht nach Dingen gefragt werde, von denen ich, mittlerweise doch etwas gewitzt durch die ewige Nachfragerei, schon vorher deutlich gesagt habe, dass ich sie nicht haben will: also nicht den McChicken als Menü, sondern einfach so; nicht die Kundenkarte zum Sammeln von Bonuspunkten, sondern einfach nur etwas bezahlen; nichts zu trinken, sondern einfach nur eine ordentliche Haarfrisur; und nicht eine Fahrkarte von hier nach da, sondern nur eine Fahrplanauskunft.

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