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Das erste Mal : Trauen Sie nie den Warnungen lesender Freunde

  • -Aktualisiert am

Die Strudlhofsteige in Wien auf einem Foto von 1961 Bild: Picture-Alliance

Gegen seine eigentliche literarische Autorität fand unser Autor doch den Weg zu Heimito von Doderers „Strudlhofstiege“. Nach dieser Lektüre schmeckte alles schal und langweilig.

          7 Min.

          Wenn in diesem Text eine Lehre steckt, dann die, die ich jetzt gleich zu Anfang formuliere: Trauen Sie als Literaturliebhaber nie den Warnungen und Abneigungen Ihrer lesenden Freunde. Und vor allem: Trauen Sie unter keinen Umständen den Abneigungen Ihrer bewunderten Lieblingsschriftsteller! Sie laufen andernfalls Gefahr, die extravagantesten Leseerfahrungen, die das Leben Ihnen vor die Nase hält, mutwillig und fahrlässig zu verpassen.

          In meiner ersten jugendlichen Lesebegeisterung war nicht nur jedes Axiom, das Ernest Hemingway darüber von sich gab, wie man zu schreiben habe, unreflektiertes und unwidersprochenes Gesetz für mich, ich räumte ihm auch eine absolute Urteilskraft über die Qualität seiner Kollegen ein. Deshalb interessierte ich mich früh für Ezra Pound und E. E. Cummings, nie für Gertrude Stein, und vor allem entwickelte ich eine verächtliche Abneigung gegen William Faulkner. Seine Texte hätten dieselbe Konsistenz wie die städtischen Exkremente, die nächtlich im Hafen von Tschungking versenkt werden, sagte Hemingway über die Romane seines früher als er mit dem Nobelpreis geehrten Kollegen, und nannte ihn einen „old corn-drinking mellifluous“, was man ansatzweise so übersetzen könnte, daß Faulkner der überschüssige Bourbon und die ungeordneten Wörter wie Seim aus allen Poren quollen.

          Es dauerte 35 Jahre, bis ich zum ersten Mal einen Roman Faulkners las und mich eines anderen und wesentlich Besseren belehren mußte.


          Feuilleton-Serie: Das Erste Mal
          Canetti hatte sich den „King Lear“ fürs hohe Alter aufgespart. Thomas Mann musste siebzig werden, bis er Gottfried Kellers „Grünen Heinrich“ entdeckte. Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hat fast niemand ordnungsgemäß beendet. Jeder Autor und Kritiker hat ein paar Leichen im Lektürekeller: große Werke der Weltliteratur, deren Inhalt und Bedeutung er grosso modo kennt, die er aber aus irgendwelchen Gründen noch nie gelesen hat.

          Man wird bei literarischen Gesprächen darüber hinwegspielen und Hemmungen haben, es offen einzugestehen. Aber es gibt niemanden, der nicht seine Lücken im Kanon hätte und dem nicht ein, zwei berühmte Klassiker entgangen wären; realistisch gesprochen, wohl eher ein, zwei Dutzend. Mit zunehmendem Alter wachsen die Verpflichtungen, und es schwindet die freie Lesezeit. Aber genau das ist bedauerlich. Denn wäre nicht gerade der frische Blick erfahrener, empfindsamer und gewiefter Leser auf einen vielleicht nur noch als Legende überlebenden Klassiker aufschlussreich? Muss man den Kanon, wenn er nicht Staub ansetzen soll, nicht ab und zu durchlüften?

          Wir haben namhafte Autorinnen und Autoren gebeten, eine Luke in jenen Keller zu öffnen und berühmte Bücher einer späten Erstlektüre zu unterziehen. Was werden wir zu hören bekommen? „Hamlet“ ist doch eigentlich stark überschätzt, „Don Quijote“ so ungenießbar wie Dantes „Paradiso“, „Moby Dick“ langweilig und „Krieg und Frieden“ wirklich nicht schlecht – wird jemand solche Urteile wagen? Wir hoffen, der scharfe neue Blick wird manchen Staub aufwirbeln. Und manche neue Begeisterung entzünden.

          Ganz ähnlich ging es mir mit einer noch perfideren Warnung eines ebenfalls von mir seit Jugendtagen geschätzten Schriftstellers: Elias Canetti. Anders als Hemingway mußte er nicht vulgär werden, um den verhaßten Kollegen unmöglich zu machen. Er erledigte ihn für mich mit einem eleganten Florettstoß direkt ins Herz.

          „In unerschütterlicher Selbstgewißheit, als säße er zu Pferde, lächelte der Dichter von oben, ein Ritter, der nie an sich gezweifelt hatte, altvertraut mit Tod und Teufel . . . Er fragte mich, ob ich je einen Menschen getötet hätte, als ich verneinte, sagte er, alle Verachtung grimassierend, deren er fähig war: ,Dann sind Sie eine Jungfrau!‘ . . . Ich erfuhr erst jetzt seinen Namen, den ich ein wenig lächerlich fand, obwohl er zum Grimassieren paßte: Er hieß Doderer.“

          Wobei Florett: Niederträchtiger geht es eigentlich nicht. Und die Niedertracht hatte damit noch kein Ende. Der nachtragende Canetti, ein rechtes Ekelpaket von Mensch, hatte auch mit einer Nazi-Denunziation Doderers beim Nobelpreis-Kommitee in Stockholm dessen dortige wohlverdiente Krönung hintertrieben. Im übrigen war an der Denunziation nichts dran, wie vermutlich auch die obige Anekdote restlos zusammenphantasiert war.

          Neuer Klang

          Immerhin verfing die gut gemachte Perfidie bei mir. Nicht nur ließ ich das Werk links liegen, ich vermochte fürderhin den Namen „Doderer“ nicht mehr ohne Anführungszeichen aussprechen. Und beim Titel seines größten Werks kamen mir nur vage phonetische Assoziationen zu Wiener Konditoreien und Schlagobers.

          So gingen die Jahre ins Land, dann die Jahrzehnte.

          Irgendwann, mancher früher, mancher später, ich eher so wie Melzer (aber darauf kommen wir gleich), lernt man das Selbstdenken, und die Ratschläge der frühen Heroen vergilben und verblassen zusammen mit Teilen ihres OEuvres. Dagegen drang von allen Seiten immer häufiger, mal raunend, mal als Selbstverständlichkeit, der Name Doderer mit neuem Klang und ganz ohne Anführungszeichen an mich heran, und ich beschloß, daß ich mir nun doch einmal die „Strudlhofstiege“ ansehen müsse.

          Virulent wurde dieser Wunsch unglücklicherweise auf einer Lesereise durch Westfalen und Niedersachsen. Unglücklicherweise, denn Städte wie Bad Oeynhausen, Rietberg oder Lübbecke haben alle durchaus ihre Reize, zu denen aber nicht die Existenz einer Buchhandlung gehört, in der man auf der Stelle ein Exemplar der „Strudlhofstiege“ fände – ein Schicksal, das sie wohl mit zahlreichen auch größeren und bedeutenderen teilen.

          Ein Satz zum Hinknien

          Nachdem ich dreimal gehört hatte: „Aber wir können es Ihnen zu morgen bestellen“ und darauf mit „Aber morgen bin ich nicht mehr hier“ geantwortet hatte, kam mir ein Geistesblitz. Ich schaute nach, in welcher Stadt ich übermorgen lesen würde – das war Oldenburg. Ich rief den Veranstalter an, lies mir von ihm die Telefonnummer der Buchhandlung geben, die den Büchertisch verantwortete, telefonierte mit der freundlichen Inhaberin und bestellte den Doderer bei ihr. Und tatsächlich: Vor Beginn der Oldenburger Lesung drückte sie mir das frisch eingetroffene Taschenbuch in die Hand.

          Und so schloß ich mich nach dem obligatorischen Abendessen mit den Veranstaltern, noch bei halbwegs klarem Bewußtsein, in meinem Hotelzimmer ein und begann zu lesen. Namentlich diesen ersten Satz: „Als Mary K.s Gatte noch lebte, Oskar hieß er, und sie selbst noch auf zwei sehr schönen Beinen ging (das rechte hat ihr, unweit ihrer Wohnung, am 21. September 1925 die Straßenbahn über dem Knie abgefahren), tauchte ein gewisser Doktor Negria auf, ein junger rumänischer Arzt, der hier zu Wien an der berühmten Fakultät sich fortbildete und im Allgemeinen Krankenhaus seine Jahre machte.“

          Die Tafel mit dem Eingangsgedicht aus Doderers Roman ist heute an den Strudlhofstiegen angebracht.
          Die Tafel mit dem Eingangsgedicht aus Doderers Roman ist heute an den Strudlhofstiegen angebracht. : Bild: INTERFOTO

          Ein Satz zum Hinknien und Anbeten. Wieso eigentlich? Vor allem wegen dem „Oskar hieß er“. Ein minderer oder weniger wahnwitziger Schriftsteller hätte natürlich geschrieben „der Oskar hieß“. Da liegt der ganze Unterschied zwischen einem Stil, der Walzer tanzt, und einem, der im Marschtakt zu Fuß latscht (in zu engen Stiefeln). Man lese sich das laut vor und wird daraufhin sofort nach einem bequemen Ohrensessel verlangen, mit Fußstütze, um darin bis zum letzten Satz weiterzuschwelgen.

          Sommer im herbstlichen Oldenburg

          Wer nach diesem ersten Satz übrigens glaubt, die Mary K. mit den zwei vorerst noch schönen Beinen (und wie genial, den Leser damit in den Bann zu ziehen, daß man gemeinsam auf die fatale Tram wartet) sei die Hauptperson dieses Romans oder der gute Doktor Negria werde darin eine irgendwie signifikante Rolle spielen, sieht sich schon nach wenigen Seiten, in denen Doderer plauderhaft vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt und immer weiter fort von Mary und dem rumänischen Feschak, aufs Angenehmste getäuscht.

          Ich las die halbe Nacht bis zum Einschlafen in meinem Oldenburger Hotelzimmer, und mit dem ersten Augenaufschlagen war klar, daß ich jetzt nichts anderes tun wollte, als weiterzulesen. Also verlängerte ich kurzerhand meinen Aufenthalt um einen Tag und fuhr im Roman fort, bis mich das Zimmermädchen zum Verlassen meines Lesepfuhls nötigte.

          So wurde ich, Buch in der Hand, hinaus in die windigen Straßen entlang der Hunte geweht. Eines dürfen Sie mir glauben: Es ist nicht ganz leicht, durch ein herbstliches Oldenburg zu gehen, wenn man sich eigentlich im ewig-sommerlichen Wien befindet. Um einen notwendigen Druckausgleich herzustellen zwischen dem heiter barocken, leicht balkanesisch versumpften, unveränderlich, aber beschwingt durch die Zeiten gleitenden ernst-frivolen und tief-nostalgischen und doch ganz gegenwärtigen Spiel, in einer von dessen Seifenblasen ich schwerelos durch den Tag trieb, und dem friesisch-herben, backsteinernen, nüchtern-protestantischen Flachland, in dem mein Leib sich, gefesselt an die Gesetze der Gravitation, wie er war, aufhielt, machte ich mich auf die Suche nach einer Konditorei.

          Finden Sie einmal, wenn Sie Oldenburg nicht kennen, eine Konditorei dort! (Man kann die „Strudlhofstiege“ nicht wie „Ulysses“ in einem Pub lesen und nicht wie den „Leopard“ in einer Pizzeria!) Und haben Sie dann eine gefunden, ist es jedenfalls keine, wo man sich stundenlang lesend an einem einzigen kleinen Braunen festhalten durfte. Ich sage nur: Kännchen und Kuchenvitrine und „Ich darf schon mal abkassieren, meine Schicht ist gleich zu Ende“.

          Geglückte Menschwerdung

          Aber zurück zum Buch.

          Zwei Fragen darf man im Bezug auf die „Strudlhofstiege“ nicht stellen. Das heißt, stellen darf man sie schon, nur wird man keine Antwort darauf bekommen. Nämlich: Worum geht es in diesem Roman? Und: Was ist der Inhalt dieses Romans?

          Allenfalls könnte man noch sagen, es gehe im weitesten Sinne um die geglückte Menschwerdung des Leutnants, später Majors, noch später Amtsrats Melzer und um die nicht geglückte René von Stangelers. Aber wäre damit wirklich jemandem weitergeholfen?

          Wenn es um etwas geht, dann um Wien und um die Tatsache, daß es die privaten Erfahrungen und Erschütterungen sind, die die Menschen umtreiben, viel mehr als solche Kontingenzen wie daß mitten im Roman ein Krieg verloren wurde und das k&k-Reich zu einer kleinen Elendshaut zusammengeschrumpft ist, wovon sich aber keiner der zahlreichen Protagonisten sonderlich verdrießen läßt und was auch keinerlei bedeutenden Einfluß auf die Verhältnisse dieser Protagonisten untereinander hat.

          Nein, die „Strudlhofstiege“ ist kein Roman, den man des Plots wegen läse, man genießt ihn wegen der Ekstasen der Sprache, in die er einen Seite für Seite stürzt. Die „Strudlhofstiege“ ist eine wahre Tantra-Massage des Stils.

          Lektoren als Gefahr für Genies

          Wenn, wie es Michael Maar in einer Erörterung über Proust und Thomas Mann behauptet, der schöpferische Kern, die Golddeckung allen literarischen Schreibens die Metapher ist, dann sieht die „Strudlhofstiege“ aus wie Fort Knox in „Goldfinger“. Sie leuchtet, schimmert und glänzt in allen Etagen.

          Nur ein Beispiel ziemlich vom Anfang des Romans. Es geht um die Bildung, die, „wenn auch kaum greifbar, doch ein international ergossenes Fluidum darstellt, nicht unverwandt der Bratensauce in den Speisewagen der großen Expreßzüge, die vorlängst zwischen Biarritz und Paris, Bregenz und Wien, Mandschuria und Wladiwostok verdächtige Analogien zeigte, so daß man auf die unsinnige Vorstellung verfallen konnte, sie werde in Röhrensystemen entlang der Strecke geleitet. So auch die Bildung.“

          Ich muß glauben, daß es hier keinen Lektor gab, der hätte Hand anlegen können und das bei dieser letzten zauberhaft-stur insistierenden Drehung „So auch die Bildung“ gewiß getan und damit ein Stilverbrechen begangen hätte. Lektoren sind eine ernste Gefahr für Genies!

          Bildung und Bratensoße! Nein, ich kenne, glaube ich, mit Ausnahme Albert Cohens keinen bedeutenden Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, der so viele vorsätzliche Anschläge auf die an den Schreibschulen gelehrte Orthodoxie des „Was man darf“ begeht wie Doderer in diesem Buch, und jeder von ihnen ist ein Triumph des Liebespaars Autor–Leser über die Forderung nach stromlinienförmiger Marktkompatibilität von Literatur.

          Hier, weil es so schön ist, noch ein Zitat über den, der sich doch mit einigem Recht für die Hauptperson des Buches halten dürfte: „In einem besseren Roman wären jetzt die Gedanken des einsamen Reisenden während seiner Fahrt nach Wien zu erzählen und notfalls aus der betreffenden Figur herauszubeuteln und hervorzuhaspeln. Bei Melzer ist das wirklich unmöglich; von Gedanken keine Spur; weder jetzt, noch später, nicht einmal als Major.“

          Befreit von der Last, irgendeine Story erzählen zu müssen, irgendwie von A nach B gelangen zu müssen, kann die „Strudlhofstiege“ in Szenen, Bildern und Stimmen zu sich kommen und bei sich sein. Unvergeßlich die Schilderung der Bärenjagd auf der Treskavica in Bosnien. Sommersonnengetränkt die Tennismatches im Augarten und im Landhaus der Stangelers. Oder die Figur des Rittmeisters oder „Zerrüttmeisters“ von Eulenburg. Der ist nur eine Stimmfärbung, ein Klang, der einzig reichsdeutsch-preußische im Buch, aber wenn man ihn hört – und man hört ihn! –, wird er plastischer als durch alle psychologisierenden Analysen.

          In der „Strudlhofstiege“ gilt nicht das Prinzip „Action is character“, sondern Klang ist Charakter, Wort- und Sprachmusik sind seine Antriebe.

          Betäubt, betört, berauscht

          Das Erstaunlichste an alledem ist das Erscheinungsdatum: 1951. Wir reden immer von Epochenbruch und fragen uns, wo das Vorkriegsgenie der deutschen Literatur nach 1945 geblieben ist, während in der BRD die nach Fußschweiß riechende Landserprosa von Hans-Werner Richter und Konsorten den Anspruch erhob, die demokratische Erneuerung der deutschen Literatur zu repräsentieren. Nein, dort in Wien, in diesem Werk Doderers wurde der Staffelstab der Genies von den Musils und Manns in die Nachkriegszeit gereicht. Nur dort.

          Nach der ersten Lektüre ist man betäubt, betört, berauscht – und hat rein gar nichts verstanden. Und nie hat es weniger ausgemacht. Nie hat es weniger zu bedeuten gehabt, die Edithas und Etelkas und Pastŕe-Zwillinge nicht auseinanderhalten zu können. Denn nun geschieht folgendes: Wie nach jeder überwältigenden Lektüre hat der Leser eine unbändige Lust, gleich das nächste so außergewöhnliche Buch zu lesen. Er wird aber sehr rasch feststellen, daß es das nicht gibt. Nach der „Strudlhofstiege“ schmeckt alles erstmal schal und langweilig. Was wäre also logischer, als daß man nach einer kurzen Verschnaufpause erneut zu ihr greift? Man hat die Hauptstränge und Hauptgestalten noch etwa im Kopf, und jetzt bei der zweiten Lektüre entfaltet und klärt sich alles aufs Schönste, und zum Glück des Durchblicks gesellt sich das Glück des Rückfällig-Werdens, für jeden Literatursüchtigen seit jeher der höchste Genuß.

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