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Das erste Mal : Trauen Sie nie den Warnungen lesender Freunde

  • -Aktualisiert am

Die Strudlhofsteige in Wien auf einem Foto von 1961 Bild: Picture-Alliance

Gegen seine eigentliche literarische Autorität fand unser Autor doch den Weg zu Heimito von Doderers „Strudlhofstiege“. Nach dieser Lektüre schmeckte alles schal und langweilig.

          Wenn in diesem Text eine Lehre steckt, dann die, die ich jetzt gleich zu Anfang formuliere: Trauen Sie als Literaturliebhaber nie den Warnungen und Abneigungen Ihrer lesenden Freunde. Und vor allem: Trauen Sie unter keinen Umständen den Abneigungen Ihrer bewunderten Lieblingsschriftsteller! Sie laufen andernfalls Gefahr, die extravagantesten Leseerfahrungen, die das Leben Ihnen vor die Nase hält, mutwillig und fahrlässig zu verpassen.

          In meiner ersten jugendlichen Lesebegeisterung war nicht nur jedes Axiom, das Ernest Hemingway darüber von sich gab, wie man zu schreiben habe, unreflektiertes und unwidersprochenes Gesetz für mich, ich räumte ihm auch eine absolute Urteilskraft über die Qualität seiner Kollegen ein. Deshalb interessierte ich mich früh für Ezra Pound und E. E. Cummings, nie für Gertrude Stein, und vor allem entwickelte ich eine verächtliche Abneigung gegen William Faulkner. Seine Texte hätten dieselbe Konsistenz wie die städtischen Exkremente, die nächtlich im Hafen von Tschungking versenkt werden, sagte Hemingway über die Romane seines früher als er mit dem Nobelpreis geehrten Kollegen, und nannte ihn einen „old corn-drinking mellifluous“, was man ansatzweise so übersetzen könnte, daß Faulkner der überschüssige Bourbon und die ungeordneten Wörter wie Seim aus allen Poren quollen.

          Es dauerte 35 Jahre, bis ich zum ersten Mal einen Roman Faulkners las und mich eines anderen und wesentlich Besseren belehren mußte.


          Feuilleton-Serie: Das Erste Mal
          Canetti hatte sich den „King Lear“ fürs hohe Alter aufgespart. Thomas Mann musste siebzig werden, bis er Gottfried Kellers „Grünen Heinrich“ entdeckte. Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hat fast niemand ordnungsgemäß beendet. Jeder Autor und Kritiker hat ein paar Leichen im Lektürekeller: große Werke der Weltliteratur, deren Inhalt und Bedeutung er grosso modo kennt, die er aber aus irgendwelchen Gründen noch nie gelesen hat.

          Man wird bei literarischen Gesprächen darüber hinwegspielen und Hemmungen haben, es offen einzugestehen. Aber es gibt niemanden, der nicht seine Lücken im Kanon hätte und dem nicht ein, zwei berühmte Klassiker entgangen wären; realistisch gesprochen, wohl eher ein, zwei Dutzend. Mit zunehmendem Alter wachsen die Verpflichtungen, und es schwindet die freie Lesezeit. Aber genau das ist bedauerlich. Denn wäre nicht gerade der frische Blick erfahrener, empfindsamer und gewiefter Leser auf einen vielleicht nur noch als Legende überlebenden Klassiker aufschlussreich? Muss man den Kanon, wenn er nicht Staub ansetzen soll, nicht ab und zu durchlüften?

          Wir haben namhafte Autorinnen und Autoren gebeten, eine Luke in jenen Keller zu öffnen und berühmte Bücher einer späten Erstlektüre zu unterziehen. Was werden wir zu hören bekommen? „Hamlet“ ist doch eigentlich stark überschätzt, „Don Quijote“ so ungenießbar wie Dantes „Paradiso“, „Moby Dick“ langweilig und „Krieg und Frieden“ wirklich nicht schlecht – wird jemand solche Urteile wagen? Wir hoffen, der scharfe neue Blick wird manchen Staub aufwirbeln. Und manche neue Begeisterung entzünden.

          Ganz ähnlich ging es mir mit einer noch perfideren Warnung eines ebenfalls von mir seit Jugendtagen geschätzten Schriftstellers: Elias Canetti. Anders als Hemingway mußte er nicht vulgär werden, um den verhaßten Kollegen unmöglich zu machen. Er erledigte ihn für mich mit einem eleganten Florettstoß direkt ins Herz.

          „In unerschütterlicher Selbstgewißheit, als säße er zu Pferde, lächelte der Dichter von oben, ein Ritter, der nie an sich gezweifelt hatte, altvertraut mit Tod und Teufel . . . Er fragte mich, ob ich je einen Menschen getötet hätte, als ich verneinte, sagte er, alle Verachtung grimassierend, deren er fähig war: ,Dann sind Sie eine Jungfrau!‘ . . . Ich erfuhr erst jetzt seinen Namen, den ich ein wenig lächerlich fand, obwohl er zum Grimassieren paßte: Er hieß Doderer.“

          Wobei Florett: Niederträchtiger geht es eigentlich nicht. Und die Niedertracht hatte damit noch kein Ende. Der nachtragende Canetti, ein rechtes Ekelpaket von Mensch, hatte auch mit einer Nazi-Denunziation Doderers beim Nobelpreis-Kommitee in Stockholm dessen dortige wohlverdiente Krönung hintertrieben. Im übrigen war an der Denunziation nichts dran, wie vermutlich auch die obige Anekdote restlos zusammenphantasiert war.

          Neuer Klang

          Immerhin verfing die gut gemachte Perfidie bei mir. Nicht nur ließ ich das Werk links liegen, ich vermochte fürderhin den Namen „Doderer“ nicht mehr ohne Anführungszeichen aussprechen. Und beim Titel seines größten Werks kamen mir nur vage phonetische Assoziationen zu Wiener Konditoreien und Schlagobers.

          So gingen die Jahre ins Land, dann die Jahrzehnte.

          Irgendwann, mancher früher, mancher später, ich eher so wie Melzer (aber darauf kommen wir gleich), lernt man das Selbstdenken, und die Ratschläge der frühen Heroen vergilben und verblassen zusammen mit Teilen ihres OEuvres. Dagegen drang von allen Seiten immer häufiger, mal raunend, mal als Selbstverständlichkeit, der Name Doderer mit neuem Klang und ganz ohne Anführungszeichen an mich heran, und ich beschloß, daß ich mir nun doch einmal die „Strudlhofstiege“ ansehen müsse.

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