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Gespräch mit Elisabeth Ruge : Guter Stil hat eine geradezu tröstliche Qualität

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Der Stil ist eine weitere Bedeutungsebene, vielleicht die entscheidende. Das merkt man übrigens bei allen Büchern von Alexijewitsch. Es wird einem nicht gesagt: Hört her, das ist wichtig! Sondern das Wichtige wird einem durch die Stilistik des Textes vorgeführt. Wichtige Bücher sind Wegmarken, die oft einen großen synthetisierenden Aspekt haben: Mehrere Dinge werden zusammen gesehen und erhalten in dieser Zusammenschau eine Bedeutung. Im „Zinkjungen“ beispielsweise schaut Alexijewitsch in all den persönlichen Erzählungen nicht nur auf einen Krieg, sondern auf den Krieg an und für sich.

Nach der eigenen Begeisterung und dem Austausch mit Kollegen steht die Überzeugungsarbeit innerhalb des Verlages sowie gegenüber Lesern und Kritikern. Worauf kommt es dabei an?

Man muss einen Dreh finden, um den Leuten zu verstehen zu geben, warum ein Buch vielleicht schwierig, aber wichtig ist – und wie sich das nach außen tragen lässt. Das ist von Buch zu Buch unterschiedlich.

Wie lief das bei Frank Witzel?

Wir haben uns Quotes von Autoren geben lassen, von denen wir wussten, dass sie viel von dem Text halten – von Thomas Meinecke und Ingo Schulze, der mir übrigens den Roman zu lesen gegeben hatte. Dann haben wir so etwas wie einen Pitch geschrieben, denn wir wissen ja, was das für einen Lektor bedeutet, mit so einem Trumm in eine Akquisitionsrunde zu gehen.

Frank Witzels Buch erzählt von der Geburt des Terrorismus aus dem Geist der alten Bundesrepublik – geschrieben als Collage über achthundert Seiten. Für eine Marketingabteilung muss das der Horror sein.

Grundsätzlich halte ich es für fatal, dass in manchen Häusern die Marketingabteilungen mittlerweile mehr zu sagen haben als die Lektoren – das war, als ich anfing und das Büro mit dem legendären Günther Busch teilte, einfach undenkbar. Auf diese Weise werden viele interessante Bücher abgelehnt, weil man vor allem more of the same möchte. Den Verlagen würde es richtig guttun, wenn es ab und zu eine einsame Entscheidung geben könnte, wenn man einfach mal einem engagierten, erfahrenen Lektor traute. Delf Schmidt und ich haben die Entscheidung für Énards „Zone“ damals zu zweit getroffen. Manchmal muss das einfach sein. Die Bücher, über die wir hier gerade sprechen, wären in vielen Verlagen bei den gängigen Entscheidungsmechanismen gar nicht erst diskutiert worden.

Wie hat es bei Frank Witzel dann geklappt?

Na ja, da muss man sich sowohl Alleinstellungsmerkmal als auch Vergleichstitel ausdenken: Welche großen Romane hat es gegeben, in denen ähnlich verfahren wird?

Zum Beispiel?

Ich improvisiere jetzt: David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“ oder sagen wir einfach mal „Moby-Dick“ von Herman Melville – man erinnert an komplizierte, radikale Bücher, die erfolgreich geworden sind, schaut euch doch an, wie viele große Romane mit einer Collagetechnik gearbeitet sind! Und dann ist es bei Witzel die geradezu betörende Verbindung aus ästhetischer Reflexion mit dem plastisch eingefangenen Moment. Viele Menschen finden ihre eigenen Erfahrungen in seinem Roman wieder, all diese Eindrücke, die man als Jugendlicher in der bundesrepublikanischen Provinz aufgenommen hat. Da geht es viel um Musik, um sinnliche Erinnerungen.

Der Wiedererkennungswert hat etwas mit Sinnlichkeit zu tun?

Ja, gerade bei Frank Witzel hat vieles von dem, was er verarbeitet, auch sinnlich auf den Leser eingewirkt, wenn der sich in diese Zeit zurückversetzt. Aber auch dieser Roman weist über den historischen Zeitpunkt, von dem berichtet wird, weit hinaus, vor allem durch seinen stilistischen Willen. Diese Art Gleichzeitigkeit muss man herausstreichen, um zu zeigen, wie ein Leser ein Buch aufnehmen kann. Guter Stil hat eine gleichsam ermöglichende, manchmal auch geradezu tröstliche Qualität. Auch das, was Swetlana Alexijewitsch einem zu lesen gibt, ist doch nur erträglich, weil es so gut geschrieben ist.

Und der Stil ist das, was den Instinkt als Erstes, am unmittelbarsten anspricht.

Ja, absolut, das stimmt für alle diese Bücher. Also letztlich ist es genau das.

Erkennt man solche Bücher eigentlich sofort? Wie oft ist Ihnen das beispielsweise im vergangenen Jahr passiert?

Ich würde lieber auf mein bisheriges Leben mit Autoren und Manuskripten schauen, und da würde ich sagen: Man kommt vielleicht so auf ein oder zwei Dutzend solcher Bücher. Sie zu entdecken hat schon etwas von einem magischen Moment.

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