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Leipziger Buchpreis : Das Dorf erzählt

Saša Stanišić im Leipziger Applaus Bild: dpa

Der Leipziger Buchpreis erlebt Triumphe bei stärkster Konkurrenz: Saša Stanišić wird für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet. Der Sachbuchpreis geht an Helmut Lethen. Und Robin Detje wird als Übersetzer geehrt.

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          Die Preisträger der Leipziger Buchmesse sind verkündet worden. Ausgezeichnet wurden am Donnerstagnachmttag in der Kategorie Belletristik der Roman „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić (Luchterhand), bei Sachbuch und Essayistik „Der Schatten des Fotografen“ von Helmut Lethen (Rowohlt Berlin) und bei den Übersetzungen William T. Vollmanns „Europe Central“ in der Übertragung durch Robin Detje (Suhrkamp). Sie wurden aus jeweils fünf Finalisten ausgewählt, und selten gab es beim Leipziger Buchpreis eine überzeugendere Konkurrenz.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bei der Belletristik waren ausschließlich Romane nominiert: neben Fabian Hischmanns Debüt „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, Per Leos „Blut und Boden“, Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ und Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“. Und letzteres Buch war neben dem jetzigen Siegertitel der Favorit, denn dass in diesen Tagen ein Roman ausgezeichnet würde, der auch aus der Ukraine erzählt, wäre nur zu verständlich gewesen. Aber Saša Stanišićs Roman ist derart großartig erzählt, dass kaum eine andere Wahl blieb..

          Geschichtstheorie im Alleingang: Helmut Lethen

          Bei den Sachbüchern waren außer dem Siegerbuch noch „Über Pop-Musik“ von Diederich Diederichsen, die Max-Weber-Biographie von Jürgen Kaube, Feuilletonredakteur der F.A.Z., Barbara Vinkens „Angezogen – Das Geheimnis der Mode“ und Roger Willemsens „Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament“ im Rennen. Die Stärke dieses Quintetts zeigt einmal mehr die Notwendigkeit eines mit dem Deutschen Buchpreis für Romane vergleichbaren Sachbuchpreises, damit diese Sparte nicht nur in Leipzig die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient.

          Der Preis für Lethen ist wie ein Lebenswerkpreis für einen Autor, der im Alleingang eine Geschichtstheorie geliefert hat, die schriftliche Quellen und Bildzeugnisse neu auswertete. Das hätte auch für den zweiten Favoriten, Diederichsens Summe seiner popmusikalischen und -theoretischen Kompetenz, gegolten: als Werk eines Autors, der sich das Feld, auf dem er nun reüssiert, durch seine kontinuierliche Intelligenz der Analyse erst geschaffen hat.

          Dompteur erzählerischer Polyphonie: Robin Detje

          Die Übersetzungen deckten diesmal ein besonders breites Spektrum ab, was die Popularität der ins Deutsche übertragenen Autoren angeht. Mit Haruki Murakamis Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“  war auch einer der Bestseller der letzten Monate nominiert. Berechtigt: Ursula Gräfes Leistung dabei, Murakamis scheinbar so sachlichen Stil aus dem Japanischen zu bewahren, hatte sich zusätzlich gerade erst darin gezeigt, dass kurz vor dem nominierten Roman ihre Neuübersetzung des älteren Buchs „Gefährliche Geliebte“ unter dem originalgetreuen Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ erschien – und plötzlich einen ganz vertrauten Murakami-Ton bot, den wir eben Ursula Gräfe verdanken, die den Autor jetzt schon seit vielen Jahren ins Deutsche bringt.

          Robin Detjes Mammutwerk der Übertragung von William T. Vollmanns „Europe Central“ aber kann dem Vergleich problemlos standhalten, und allein die von Detje gemeisterte Herausforderung der unterschiedlichen Töne in diesem Buch verdient den Preis; es ist eine großartige Leistung. Das gilt auch für Hinrich Schmidt-Henkels Geschick, für die Sprache von Denis Diderot eine angemessene Form zu finden, die selbst bei einem so oft übersetzten Buch wie „Jacques der Fatalist“ noch neu überzeugen konnte. Ernest Wichner, der Varujan Vosganians „Buch des Flüsterns“ aus dem Rumänischen, und Paul Berf, der Karl Ove Knausgards norwegischen Roman „Spielen“ übersetzte, waren gegen diese Konkurrenz von Beginn an Außenseiter.

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