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Leipziger Buchmesse : Sprich Russisch mit mir

  • -Aktualisiert am

Herbert Grönemeyer setzt für die Lyrik lieber die Brille auf Bild: Tom Schulze

Der Lautsprecher wird ganz leise: Zum Auftakt der Buchmesse liest Herbert Grönemeyer Gedichte von Frauen. Etwas leierkastenartig und übermotiviert zwar, doch ohne Peinlichkeit und Übertreibung. Seine Maß findet der Rockstar in der Selbstbeschränkung.

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          In der Filmkomödie „Ein Fisch namens Wanda“ gibt es die Szene, wo der von John Cleese gespielte Anwalt Archie ein Gedicht von Lermontow auf Russisch deklamiert, wodurch die von Jamie Lee Curtis gespielte Gangsterbraut heftig in Wallung gerät. Am Ende muss Clesse nur noch „Glasnost“, „Molotow“ und ähnliches aufrufen, um Wanda in Ekstase zu versetzen.

          Eine ähnlich rasante Dynamik hatte dieser ganz der menschlichen Stimme gewidmete Abend im Leipziger Centraltheater. Während die zeitgleich stattfindende offizielle Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus dem Vernehmen nach eine gediegen-zahme Veranstaltung gewesen sein soll, bot der vom Schriftsteller und Lautpoesie-Experten Michael Lentz konzipierte und moderierte Abend im ausverkauften Haus Spektakuläres. Herbert Grönemeyer, Deutschlands wohl einziger wirklicher Popsuperstar, war als Gedichtrezitator angekündigt, eingerahmt von herausragenden internationalen Vertretern der Sprech- und Stimmkunst. Man darf vermuten: Die überwiegende Mehrheit des Publikums wusste nicht, was da auf sie zukam.

          Geisterstimmen und Sprachsalat
          Oder besser: zurollte, mit röchelnde Rachen-, zuckenden Zisch- und lallenden Lippenlauten, mit einer kollektiven plosiven und explosiven Zungenrede, gegen die das Pfingstwunder wie ein Fall für den Logopäden erscheint. Der in Berlin lebende Russe Valeri Scherstjanoi begann den Reigen mit seinen ekstatischen Rezitationen von Chlebnikov, Majakowski und anderen Avantgardisten - im Original selbstverständlich. Zu erleben war eine Anverwandlung, die mindestens im Fall Majakowskis einer spiritistischen Seance gleichkam. Jandls „Schtzngrmm“ war nichts dagegen, allerdings hätte er auch Kochrezepte oder Deklinationstabellen mit dem gleichen Wanda-Effekt vortragen können.

          Wie der souveräne Conferencier Lentz listig vorwegnahm, waren die auf Prominentenrezitation eingestellten Zuhörer sichtlich geplättet von dieser schamanistischen Geisterstimmenbeschwörung. Verstehen war, jedenfalls im landläufigen hermeneutischen Sinne, nicht der Aufnahmemodus dieses Abends. Die sorbische Dichterin Róza Domascyna trug experimentelle Sprachsalatgedichte vor, die schon für ein Verzweiflungslachen im Saal sorgten, als sie - immerhin - ankündigte: „Das nächste Gedicht enthält deutschsprachige Elemente“.

          Primaner in der Deutschprüfung

          Dann kam endlich Grönemeyer. Sichtlich nervös nahm er an einem Tischchen Platz, fummelte an einer Lesebrille herum, sagte noch, er habe lange überlegt, welche er aufsetze, „damit es nicht so peinlich ist“, und legte los wie ein übermotivierter Primaner in der Deutschprüfung. Es las ausschließlich Werke von Frauen, begann mit Regina von Greifenberg, deren jenseitssüchtiges Gedicht „Auf die Thränen“ man sich tatsächlich gut als Grönemeyer-Songtext vorstellen könnte: „Du trauer-saure Flut / mein Leben mir verkürze!/ ihr Thränen / trennet mich von diesem Jammerort! / als Perlen / Diamant werdt ihr mich zieren dort.“

          Nur trug der Barde es gerade nicht wie „Mensch“ oder „Stück vom Himmel“ vor, bemühte sich überhaupt um keinerlei Dramatisierung, sondern ratterte die Verse herunter, als müsste er schon morgen vors Angesicht des Herrn treten. Von Else Lasker-Schüler bot er mehreres, was in seinem Tempo und Leierkastenton regelrecht grotesk wirkte: „Ich habe zu Hause ein blaues Klavier/ und kenne doch keine Note“ -- hätte man nicht gewusst, dass hier ein professioneller Ex-Schauspieler und Sänger vorträgt, man wäre nicht draufgekommen.

          Poesie hart an der Realität

          Im späteren Block, bei Christine Lavant und Ingeborg Bachmann, fing sich Grönemeyer dann etwas. Doch hätte man gedacht, das ausgerechnet er in einer Runde Vortragender der Leiseste und Verständlichste sein würde? Gut, er war auch der Einzige, der Deutsch sprach. Dazwischen kam erst einmal wieder mit dem niederländischen Klangpoeten Jaap Blonk und dem amerikanischen Stimmwunder David Moss der reine, von jedem Sinn befreite Laut zu Ehren. Das „Unterländische“, so das von ihm kreierte Kunstidiom, habe den Vorteil, so Blonk, dass es auch seine Landleute nicht verstünden.

          Zufällig anwesende Hals-Nasen-Ohren-Ärzte hatten wahrscheinlich noch das tiefste Verständnis für die mitunter schmerzhaften Körpergeräusche, die Blonk und Moss hervorbrachten. „Poesie hart an der Realität“ nannte Lentz das. Das Publikum hatte inzwischen wohl auch genügend Grenzerfahrungen gemacht, so dass schon Ankündigungen genügten, um Gelächter ausbrechen zu lassen. Etwa die, jetzt folge „Singstimme in Sellerie“ (Domascyna) oder ein „Solo für Backensyntheziser“ (Blonk), das so klang, als würde Donald Duck die Furzorgien aus Heinz Strunks „Fleckenteufel“ imitieren.

          Kluge Selbstbeschränkung

          So hob sich Grönemeyer am Ende weniger durch Lesekunst als durch kluge Selbstbeschränkung und Bescheidenheit ab; er hatte wohl geahnt, dass er im Feld der Mund- und Rachenraumvirtuosen nicht mit Ausdruckskraft würde punkten können. „Nicht dass sie glauben, ich würde den ganzen Tag Gedichte lesen“, sagte er und wies daraufhin, dass er die Texte natürlich zusammen mit Michael Lentz ausgewählt habe. (Der hatte mit Christa Reinig und Helga M. Novak dann auch geschickt zwei seiner Lieblingsdichterinnen eingeschmuggelt.)

          Den Abschluss bildeten Mascha Kaléko und Friederike Mayröcker, in deren Trauer um den Lebensgefährten Ernst Jandl Grönemeyer eigene Erfahrungen wiedererkennen mochte. Hier wirkte er dann ganz authentisch und anrührend. Als vorweggenommene Zugabe las er „Erklär mir Liebe“ der Bachmann, übertönt und überdröhnt von den versammelten Lautsprechern wie ein Chor wildgewordener Mänaden um einen immer leiser werdenden Orpheus. Was die menschliche Stimme vermag, ist unvorstellbar. Die Stille danach aber hat auch ihren Sinn.

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