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Leipziger Buchmesse : Am Anfang war das Wort, nicht die Zahl

  • Aktualisiert am

Eins mit ihrem Werk: deutsche Manga-Zeichnerin Bild: dpa

Eintausendachthundert Lesungen, ein kahlrasierter, sagenhaft tätowierter Autor als Star und ein Taxifahrer, der sich als origineller Erzähler erweist: Eine Bilanz der Leipziger Buchmesse 2006.

          Der Taxifahrer beäugt seinen Fahrgast im Rückspiegel. Ob man das erste Mal zur Buchmesse in Leipzig sei? Dann wolle er mal nicht so sein und einen guten Rat erteilen, den gäb's gratis zur Fahrt dazu: Man solle nur ja auf die Handtasche aufpassen, die Dinger würden im Messerummel gern geklaut.

          Die Buchmessezeit sei gewiß sehr lukrativ, fragt der Fahrgast, wo das Messegelände doch so weit außerhalb liege, die Straßenbahn ewig brauche und sich außerdem, da die Leipziger Innenstadt zur Zeit eine Großbaustelle ist, ohnehin niemand recht auskenne. Ja, schon, sagt der Fahrer, den Blick unbeirrt auf die Person im Rückspiegel geheftet und gelegentlich einen großen Schluck aus einem Pappbecher nehmend. Aber er habe nichts davon, er fahre nämlich nur abends, da seien die weiten Strecken nicht mehr gefragt. Warum er denn nicht tagsüber fahre? Och, morgen früh müsse er sich auf'm Revier melden, er sei doch vorbestraft. Habe mal wegen Handtaschendiebstahls gesessen. Grinsen in den Rückspiegel. Eigentlich ärgerlich, daß er am Tag nicht fahren könne, er bräuchte nämlich dringend Kohle. Für etwas Bestimmtes? Na, für die Fahrerlaubnis natürlich! Vorwurfsvoller Blick in den Rückspiegel. Die habe man ihm entzogen, wegen Alkohol am Steuer, was sonst. Aber keine Bange, heute abend hätte er bisher bloß ein paar Bierchen gezwitschert.

          Kraftvolles Debüt

          Trotz der halbstarken Sprüche ist die Taxifahrt keine Episode aus Clemens Meyers Roman „Als wir träumten“, dem - neben Feridun Zaimoglus „Leyla“ - wichtigsten Werk der diesjährigen Leipziger Buchmesse, ein Buch wie eine Faust. Daß die wenigsten es schon gelesen hatten, tat dem Gespräch darüber keinen Abbruch. Den kahlrasierten, sagenhaft tätowierten Autor mit der Nickelbrille indes bekam man kaum zu sehen, weil er ständig von Kameras und Mikros umgeben war: Kein Wunder, denn ein solches kraftvolles, unbeirrtes Debüt hat die deutsche Literatur lange nicht mehr erlebt, ein Buch voller Wut, Trauer, Pathos und Aberwitz, ein Roman über eine verschworene Gang von Leipziger Kleinkriminellen, die nicht nur gegen Polizei, Eltern und gegnerische Banden randaliert, sondern gegen ihre ganze Existenz. Und daß der Autor gerade einmal neunundzwanzig Jahre alt ist, in Leipzig lebt und sein Auftreten und Habitus erkennen lassen, daß die Erfahrung an seinem Buch mitgeschrieben hat, macht es auf mulmige Weise noch spannender.

          Auch die Manga-Fans demonstrieren ihre Nähe zum Genre

          Am Donnerstagabend las Meyer in der Moritzbastei als einer von vielen. Am Freitagabend war er in der Bar „Laden für Nichts“ angekündigt. Schon eine Stunde vor Beginn ist der kleine, babyblau und weinrot gekachelte Raum überfüllt. Über der kurzen Bar steht in großen Lettern „We reserve the right to refuse service“. Das einzige Licht kommt von einer Funzel hinten in der Ecke und von einem erleuchteten Globus. Stehplätze werden eisern verteidigt wie bei einem Rockkonzert. Das Publikum ist ernst, jung, zuerst gespannt, dann begeistert. Meyer liest mit rauhem sächsischen Tonfall, wie Daniel sich die Arme von einem Ex-Knacki tätowieren läßt, wie der kleine Walter in einem brennenden Auto umkommt, wie die Clique den Boxkampf zwischen Henry Maske und Graciano „Rocky“ Rocchigiani 1995 im Fernsehen verfolgt. Und hier, in diesem winzigen Raum, bedarf die Literatur keiner Erklärung, keiner Rechtfertigung, keines Marktes. Hier ist ein Autor bei seinen Lesern, und die Grenzen zwischen Literatur und Leben verschwimmen.

          Eintausendachthundert Lesungen

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