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Leipziger Buchmesse 2014 : Vorwärts in die Lücke

Bild: dpa

Die Leipziger Buchmesse etabliert sich weiter als Publikumsfestival. Geschäftlich wird sie Frankfurt nicht das Wasser reichen können, aber als die sympathischere der beiden Messen gilt sie längst.

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          Am Donnerstag öffnet die Leipziger Buchmesse ihre Tore, der wichtigste deutsche Branchentreffpunkt im Frühjahr. Gegenüber der großen Schwester in Frankfurt am Main muss sie sich nicht mehr verstecken: Leipzig gilt als die schönere Messe. Architektonisch sowieso, aber auch für die Besucher, weil hier alles kleiner und somit übersichtlicher ist, obwohl auf dem Geländer der Neuen Messe mit rund hunderttausend Besuchern wieder Massenbetrieb an den vier Tagen herrschen wird.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch das, was die Messe ausmacht, ist ohnehin ihr innerstädtischer Teil, der das Geschehen bis weit in die Nacht hinein verlängert – mit einer Lesung nach der anderen, insgesamt 3200 Veranstaltungen. Leipzig steht in dieser Woche ganz im Zeichen des Buches. Und vor allem das macht den Unterschied zu Frankfurt aus, wo es trotz jüngst verstärkter Bemühungen immer noch nicht geglückt ist, die Buchmesse auch zu einem Volksfest zu machen.

          Zu DDR-Zeiten war die Leipziger Buchmesse ein Fenster gen Westen, nach 1989 profilierte sie sich vor allem in Richtung Osteuropa. Im vergangenen Jahr gehörte die Ukraine zu einem diesbezüglichen Programmschwerpunkt, und mancher in Leipzig mag es bedauert haben, dass man damit zu früh kam, um Aufmerksamkeit zu erregen. Für 2014 hatte man ein einzelnes Gastland eingeladen, das im Vorfeld eher Langeweile versprach: die Schweiz. Doch nun ist es durch den Volksentscheid zur Einwanderungsbeschränkung vor vier Wochen ganz anders gekommen.

          Ironie kann man der Schweiz nicht absprechen

          „Gastland“ möchte die Schweiz übrigens in Leipzig gar nicht sein. Man gehöre doch ganz selbstverständlich mit zur deutschsprachigen Literatur, hieß es aus Bern, also möge bitte eine andere Bezeichnung gefunden werden. So heißt es nun „Auftritt Schweiz“, aber von der Selbstverständlichkeit an keine Rede mehr sein, seit sich die Eidgenossenschaft abschottet. Da wäre eine gastliche Aufnahme wohl doch vorzuziehen gewesen.

          Ironie kann man der Schweiz indes nicht absprechen: In Leipzig macht sie mit Bankgeschenken von sich reden. Kein Geld natürlich, sondern feuerrote Sitzbänke. Vierzig Stück werden während der Buchmesse überall in der Stadt aufgestellt, und danach wandern sie auf Dauer in den Clara-Zetkin-Park, so dass der Schweizer Auftritt auch langfristig sichtbar und besitzbar sein wird.

          Los geht es am Mittwochabend mit der Eröffnungsfeier im Leipziger Gewandhaus. Auch das ist ein Ereignis, um das die Frankfurter Konkurrenz Leipzig beneidet, denn nicht nur die musikalische Begleitung durch Gewandhausorchester und Thomanerchor schafft ein Gefühl von Hochkultur, sondern auch die in diesen Rahmen eingebettete Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung. In diesem Jahr ist die Vergabe allerdings begründungsbedürftig: Der indische Soziologe Pankaj Mishra erhält die Auszeichnung für seine Studie „Aus den Ruinen des Empires“, in der er die Entkolonialisierung Asiens dokumentiert. Was das für die europäische Verständigung bedeuten soll, wird Ilija Trojanow als Laudator zu erklären haben. Keine ganz leichte Aufgabe.

          Die Konkurrenz zwischen klassischem Buch und E-Book

          Die zweite wichtige Preiszeremonie folgt schon am Donnerstagnachmittag, wenn die Sieger des Buchpreises der Leipziger Messe in drei Kategorien – Belletristik, Sachbuch, Übersetzung – bekannt gegeben werden. Mit der Wirkung des in Frankfurt verliehenen Deutschen Buchpreises kann sich die Auszeichnung nicht messen, aber sie wird immerhin schon zum zehnten Mal verliehen und ist damit etwas älter.

          Im Mittelpunkt der Leipziger Buchmesse wird die Konkurrenz zwischen klassischem Buch und E-Book stehen. Zahlreiche Diskussionsrunden und Workshops widmen sich diesem Thema, obwohl der Anteil elektronischer Bücher am Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels immer noch nicht mehr als drei Prozent beträgt. Aber für viele Autoren ist die Möglichkeit, ihre Bücher nunmehr im Netz preisgünstig selbst verlegen und vor allem auch vertreiben zu können, reizvoll, während diese Praxis für die Buchmesse eine Bedrohung darstellt. Das physische Produkt Buch als ihr Gegenstand steht in Frage.

          Dennoch ist Leipzig als Lesefest voller Begegnungen auch ein Gegengift für alle Bestrebungen, den Austausch zwischen Autoren und Lesern sowie untereinander auf elektronischem Wege zu vollziehen. Insofern ist die Messe herrlich altmodisch. Und dann wieder aber auch wieder ganz modern, wenn sie einen neuen Schwerpunkt etabliert: die Manga-Comic-Convention. Seit Jahren schon ist der Comic ein wichtiger Faktor auf der Leipziger Buchmesse, was man auch an der Vielzahl der Cosplayer unter den Besuchern sieht.

          Doch jetzt wird diesem Phänomen erstmals eine ganze Halle gewidmet, und das just in einem Moment, in dem die Frankfurter Buchmesse über eine Reduzierung ihres Schwerpunkts „Faszination Comic“ nachdenkt. Da wird für Leipzig eine Lücke geöffnet, aus der eine ganz eigene Messe entstehen könnte.

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