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Lagerbericht aus Polen : Der zweite Rauch über Birkenau

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Ein Besucher der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau auf den Gleisen vor dem ehemaligen Lager. Bild: AP

Das 1945 erschienene Buch „Der Rauch über Birkenau“ war Beweisstück bei den Nürnberger Prozessen und in Polens Schulen Pflichtlektüre. Warum ist der Lagerbericht von Seweryna Szmaglewska in Deutschland unbekannt?

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          Unmittelbar nach dem Krieg erschienen in Polen einige Auschwitz-Berichte, die dort längst zum Kanon der Lagerliteratur gehören und die ohne jede literarische Stilisierung das ganze Ausmaß des Grauens aus weiblicher Perspektive belegen. Drei der vier in Polen bekanntesten Bücher wurden 1946 veröffentlicht. Da war zum einen „Medaillons“ von Zofia Nalkowska, eine Sammlung von acht kurzen, geradezu lakonischen Berichten, die die Autorin als Mitglied der Hauptkommission zur Erforschung der Naziverbrechen gesammelt hatte; deren Motto „Dieses Schicksal haben Menschen den Menschen bereitet“ ist bis heute eine der meistzitierten Umschreibungen jener Zeit.

          Zum anderen kam „In der Hölle“ von Zofia Kossak heraus: Die Initiatorin und Mitbegründerin von „Zegota“, dem Rat für die Unterstützung der Juden, war zwischen Oktober 1943 und April 1944 in Auschwitz-Birkenau inhaftiert. Danach wurde sie als zum Tode Verurteilte zurück ins Warschauer Pawiak-Gefängnis geschickt, aus dem sie von der Warschauer Vertretung der polnischen Exilregierung freigekauft werden konnte, worauf sie nach Tschenstochau fuhr, wo sie im Winter 1944/45 ihre Lagererinnerungen aufschrieb. Und zum Dritten war es „Wo früher Birken waren“ von Krystyna Zywulska, wie das Pseudonym der Jüdin Sonia Landau lautete. Nachdem sie 1942 aus dem Warschauer Getto geflohen war, hatte sie sich dem polnischen Widerstand angeschlossen, wurde von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt. Schließlich kam sie aber als politischer Häftling nach Auschwitz, wo sie unter anderem bei der Registrierung der eintreffenden Deportierten arbeitete und später vielbeachtete Gedichte schrieb. Während der Evakuierung gelang ihr die Flucht.

          Ein Buch als Beweisstück für die Nürnberger Prozesse

          Als Erstes aber, noch im Jahr 1945, erscheinen unter dem Titel „Der Rauch über Birkenau“ die sorgfältig komponierten, schonungslos detaillierten Lagererinnerungen der jungen Dichterin Seweryna Szmaglewska, die in Birkenau von 1942 bis 1945 eingesperrt war. Auch sie konnte während des Todesmarsches von Auschwitz nach Groß-Rosen fliehen, und sobald sie ihren Heimatort Piotrkow Trybunalski erreichte, begann sie sofort, an ihrem Buch zu schreiben. „Ich tat es fast schon auf eine schlafwandlerische Weise“, würde sie später erzählen: „Ich stand jeden Tag um fünf auf und schrieb in einem Zug bis zur Abenddämmerung, nur mit einer kurzen Pause für ein bescheidenes Mittagessen. Bei diesem Arbeitsstil nahm das Manuskript sehr schnell an Umfang zu. Ungefähr nach einem halben Jahr war das Buch fertig.“

          Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gehörte ihr Bericht, der mal eigener Sicht, mal aus der Perspektive anderer Gefangener das tägliche Leben in Birkenau schildert – denn „jede der Frauen ist ein Atom in einem großen unkoordinierten Gebilde, genannt Lager“ –, zu den Beweisstücken, die dem Internationalen Militärgerichtshof vorlagen. Szmaglewska selbst war die einzige Polin, die beim Prozess als Zeugin auftrat, was sie in den Siebzigern in einem weiteren Buch beschrieb („Die Unschuldigen von Nürnberg“). Ihr Lager-Text war jahrzehntelang Pflichtlektüre an polnischen Schulen und wurde in etliche Sprachen übersetzt: Englisch, Niederländisch, Spanisch, Russisch, Tschechisch, sogar Mongolisch.

          Bis heute gibt es jedoch keine Übersetzung ins Deutsche, obwohl es in der Vergangenheit mehrmals entsprechende Empfehlungen gab, etwa von der Journalistin Lisaweta von Zitzewitz, die 1985 in der „Zeit“ schrieb: „Die Monotonie der Apokalypse, die manchen Häftlingen die Gefühle und die Begriffe verwirrt, hat niemand so eindringlich beschrieben wie diese Dichterin.“ Wieso kam damals kein Verleger auf die Idee, das Buch übersetzen zu lassen? Vielleicht, weil es eine Zeit war, in der die aktuelle polnische Realität viel interessanter war – die zerschlagene „Solidarnosc“-Bewegung, die Folgen des Kriegszustands.

          Aber später? Hat doch der Warschauer Autor Dominik W. Rettinger recht, der 2017 einen grandiosen Roman über die Prostitution in Auschwitz veröffentlichte und auf die Frage eines deutschen Journalisten, warum er Angebote von Verlegern und Literaturagenten aus mehreren Ländern, nicht aber aus Deutschland bekomme, knapp antwortete: „Weil die Deutschen der Thematik längst überdrüssig sind“? Auf die ergänzende Frage, warum sich aus Polen nur Tadeusz Borowskis Auschwitz-Erzählungen bei deutschen Lesern neben der Prosa von Primo Levi oder Imre Kertész behaupten konnten, meinte er: „Vielleicht hat das etwas mit dem kommunistischen Regime zu tun. Damit, dass man die Autoren, die in jener Zeit schrieben, genauso unglaubwürdig fand wie das Regime selbst.“

          Im Falle Szmaglewskas erstaunt die deutsche Zurückhaltung aber umso mehr, als im Jahre 1997 im Kunstmann Verlag ein schmaler, aus sechs Geschichten bestehender Erzählband der italienischen Auschwitz-Überlebenden Liana Millu erschien, der im Original 1947 publiziert worden war und ebenfalls den Titel „Der Rauch über Birkenau“ trug. Der Klappentext kündigte ein Werk an, das ohne jedes Pathos „die Dimension des Ausweglosen, die Unsagbarkeit des Grauens auslotet“. Primo Levi stellte in seinem Vorwort fest, dass es „zu den eindrucksvollsten europäischen Zeugnissen aus dem Frauenlager von Auschwitz-Birkenau“ gehöre, und bescheinigte Millu, „mit einer immer würdigen, zurückhaltenden Sprache jene Ereignisse in Worte“ zu fassen, „die doch vollkommen außerhalb des menschlich Fassbaren bleiben“. Die deutschen Medien feierten die Veröffentlichung als literarische Entdeckung. Auf die Idee, bei dieser Gelegenheit auf Szmaglewskas gleichnamiges Buch aufmerksam zu machen, geschweige denn die beiden Werke zu vergleichen, ist damals offenbar niemand gekommen. Erst vor einigen Jahren hat eine Posener Wissenschaftlerin diesen Vergleich zum Gegenstand ihrer Doktorarbeit gemacht.

          Ein Raum für Szmaglewskas Werke in München

          Die ausbleibende deutsche Übersetzung von Szmaglewskas Buch überrascht auch deswegen, weil es seit einigen Jahren Versuche junger Künstler gibt, die Autorin in Deutschland bekannt zu machen. Den Anfang machte ein Frauenkollektiv vom „Café Cralle“ in Berlin-Wedding, das von 2015/16 an ein- oder zweimal im Monat „experimentelle Lesungen“ aus „Der Rauch über Birkenau“ veranstaltete. „70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz“, hieß es in der Ankündigung dazu, „möchten wir diesem wichtigen Buch endlich Räume und Aufmerksamkeit verschaffen und damit einer dezidiert weiblichen Perspektive auf den Holocaust, die im kollektiven Gedächtnis kaum anerkannt und berücksichtigt wird.“

          An diese Idee knüpft nun die „Pasinger Fabrik“ in München an, wo am kommenden Sonntag eine literarische Matinee stattfindet, bei der Dan Glazer, ein junger Wiener Schauspieler, aus Szmaglewskas späterem Roman „Uns vereint heiliger Zorn“ (erschienen 1955) lesen wird. Dieser Text sei ihm während der Auflösung der privaten Bibliothek seiner Großeltern in die Hände gefallen, erzählt Glazer. Sein Großvater, in einem kleinen Dorf in der Nähe Krakaus geboren, habe eine solche Geschichte ebenfalls durchlebt. Und „da er sich damals gegen eine öffentliche Aufarbeitung seiner Erlebnisse entschied und das Geschehene vorzugsweise in privaten Tagebüchern festhielt, möchte ich Textausschnitte von Frau Szmaglewskas Niederschrift lesen“.

          Aus der 1945 noch jungen Dichterin wurde später eine berühmte Schriftstellerin. Szmaglewska lebte zuerst in Lodz, dann in Warschau, wurde mehrmals ausgezeichnet und von den kommunistischen Machthabern hofiert. Die Bücher, die sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1992 schrieb, hatten noch öfter den Krieg und Auschwitz zu Thema. Und selbst wenn sie es nicht direkt taten, lugte hinter dem einen oder anderen die Vergangenheit hervor. Wie hinter ihrem erfolgreichsten Kinderbuch, „Schwarze Füße“ (1960), das sie für ihre Söhne schrieb und das in einem Pfadfinderlager spielt. Denn als sie es geschrieben habe, erzählte sie einmal, sei ihr bewusst geworden, „dass die Deutschen das schönste Wort meiner Jugend beschmutzt haben: das Lager. Ich wollte also den Charme von Ferienerinnerungen heraufbeschwören, die sich mit diesem Wort verbinden.“

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