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Kunstfreiheit : Der Justitiar sitzt in jedem Hinterkopf

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Die Kommunikationskontrolle war im geteilten Deutschland kein einseitiges Geschäft: Szene aus dem Kinofilm „Das Leben der Anderen” mit Ulrich Mühe Bild: obs

In Deutschland wurden zwischen 1950 und 1968 viele Millionen Briefe zensiert und aus dem Verkehr gezogen. Gab es auch in der Literatur eine Zensur? Eine Marbacher Tagung fragt nach den Grenzen der Kunstfreiheit.

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          Wird nicht heute viel zu wenig zensiert? Hat Literatur denn keinen Anspruch darauf, ernstgenommen zu werden? Hat sie kein Recht auf Strafe? Wer dies keck einforderte, und zwar vor einundachtzig Jahren, war der später selbst als Zensor in der französischen Besatzungszone tätige Alfred Döblin. „Die Kunst ist heilig“, so legte er nach, bedeute nichts weiter als: „Der Künstler ist ein Idiot, man lasse ihn ruhig reden.“ Was dagegen nottue, sei wirksame Kunst, eine „ars militans“, die der Zensur keine ruhige Minute lasse. Weil das so romantisch, heldisch und energiegeladen ist, darf diese Einlassung in keiner Debatte zur Zensur fehlen. Und so bildete Döblins Brand- beziehungsweise Selbstverbrennungsrede, zustimmend reaktiviert von dem Kulturwissenschaftler Peter Jelavich von der Johns-Hopkins-Universität, auch den Auftakt zu der ambitionierten Konferenz „Kunstfreiheit und Zensur in der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis 2009)“ am Deutschen Literaturarchiv Marbach. Jelavich schloss mit der Pointe, Döblin habe eben amerikanisch gedacht: Bis heute existiere in den Vereinigten Staaten keine entwürdigende Kunstfreiheit, sondern lediglich die Meinungsfreiheit.

          Ob nun Zensur in der deutschen Gegenwart trotz Artikel 5 des Grundgesetzes noch stattfindet, scheint sich nicht eindeutig beantworten zu lassen. So positionierten sich die Wissenschaftler diesseits oder jenseits dieser Demarkationslinie. Es wurde jedoch kein neuer oder gar einheitlicher Zensurbegriff erarbeitet, wie man hätte erwarten können, sondern ein immer noch unentschiedener Kampf fortgeführt. Manifeste und Abrechnungen jagten einander. Und ebendas hob diese Veranstaltung wohltuend von einschläfernden Germanistentagungen voller Relektüren ab.

          Unbestritten ist, dass die Kunst hierzulande große Narrenfreiheit besitzt, die formelle Zensur ein letztes Mal in der DDR zum Einsatz kam. Dies jedoch nicht unbedingt zum Schaden der Kunst, wie Eduard Beaucamp, früherer langjähriger Kunstkritiker dieser Zeitung, listig anmerkte. Vielmehr werde die vielschichtige bildende Kunst aus der DDR - mit Ausnahme des Marktlieblings Neo Rauch - heute von Museumskuratoren mit Westvergangenheit unterdrückt. Auch Jurek Becker hatte an der DDR-Zensur vor allem auszusetzen, dass sie es ihm unmöglich gemacht habe, Unpolitisches zu schreiben, ohne vor seinem Publikum als Umfaller zu gelten. Auch daher habe er den nun wiederum markthörigen Westen vorgezogen.

          Es wird doch eh viel zu viel gedruckt

          Den Kern der Debatte bildete fortan die Frage, wie es in Deutschland um die „informelle Zensur“ stehe. Der von Ulla Otto geprägte Begriff, für die Entwarner wie den Journalisten Uwe Wittstock („Es wird doch viel zu viel gedruckt“) ein erster Hysteriehinweis, stammt aus dem Jahre 1968, als man hinter jedem Ereignis strukturelle Machtbeziehungen zu wittern begann. Gemeint ist, dass das „System“, jenes phantasmatische Angst-Konglomerat aus Staat, Markt und Medien, sozial-ökonomischen Druck ausübt, der zur Selbstzensur führt.

          Dass die informelle Zensur sogar noch zugenommen habe, konstatierten am vehementesten der Tagungsleiter York-Gothart Mix (Marburg) sowie der Mainzer Buchwissenschaftler Ernst Fischer, der ausgiebig aus Oskar Negts „unverändert zeitgemäßer“ Rede über strukturelle Zensur auf dem dritten Russell-Tribunal von 1979 zitierte und die Akzeptanz des Überwachungsstaats einer Art allgemeinem Stockholm-Syndrom zuschrieb, stellte Mix in einem flammenden Plädoyer das öffentlich-rechtliche Fernsehen an den Pranger: Eine „marktgerechte Zensurierung kritischer Öffentlichkeit“ sei hier institutionalisiert worden. Nicht nur empirische Belege konnte Mix zuhauf anführen, sondern auch Vorsätzlichkeit nachweisen mittels des internen „ARD-Papiers zur Optimierung bei Fernsehfilm und Hauptabendserie“. Wie auch das ZDF, heißt es da neben zahlreichen Schlichtheitsvorgaben, solle die ARD auf „Alibi-Projekte verzichten, bei denen von vornherein absehbar ist, dass sie das Interesse des großen Primetime-Publikums nicht finden werden“. Aber ist Verblödung schon Zensur?

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