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Laufen und Schreiben : Weltmeister unter sich

Nein, das ist nicht Münster: Eine Szene vom diesjährigen Marathon in London, wo Matthias Politycki jüngst seinen sechzigsten Geburtstag feierte Bild: Peter Macdiarmid/Getty Images

Marathon als Mühe und Metapher: In Münster liest der Schriftsteller Matthias Politycki aus seinem Buch „42,195“ und absolviert trotz Verletzung einen Lauf durch die Stadt.

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          Vor 364 Jahren eroberte Christoph Bernhard von Galen seine eigene Bischofsstadt Münster zurück, nachdem die sich von ihm abgewandt hatte. Seitdem gibt es den Schlossplatz, weil der Fürstbischof hier die Stadtmauer abreißen und den Graben einebnen ließ, um künftig von seiner neu errichteten Zitadelle aus freies Schuss- und Aufmarschfeld in die Stadt zu haben; auf der riesigen Fläche ließ sich fortan kein Bürger gerne sehen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auch am Montagabend war der Schlossplatz leer; am kommenden Wochenende gibt es ein Konzert mit Lionel Richie und Anastacia, alles ist abgesperrt. Dadurch wirkte noch eindringlicher, was Dieter Jütting zur Geschichte dieses Orts erzählte. Der Sportsoziologe hat nicht nur jahrzehntelang in Münster gelehrt, sondern hier auch den Volkslauf „Rund um das Schloss“ organisiert. Nun hat er zwölf Menschen um sich versammelt, mit denen er durch Münster laufen will, auf der Suche nach dem Verhältnis von Politik, Kunst und Sport im öffentlichen Raum.

          Laufen für eine bessere Welt

          Mit seinen Laufaktivitäten ist Jütting in jeder Hinsicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das war vor vierzig Jahren anders, als er gemeinsam mit anderen Läufern mit dem Auto aus Münster herausfuhr, weil es undenkbar gewesen wäre, in der Innenstadt Sport zu treiben. „Wenn meine Großmutter mich hier in kurzen Hosen sähe“, sagt der zweiundsiebzigjährige Jütting, „sie hielte mich für verrückt.“ Mittlerweile aber ist Laufen nicht nur akzeptiert, es wird gefeiert. In einem klugen Buch kann man lesen: „Würden radikalere Kulturen auch nur annähernd so konsequent für Marathon trainieren wie die westlichen, wir hätten tatsächlich bald eine bessere Welt.“

          Der Autor des klugen Buchs befindet sich an diesem Montagabend in Jüttings Laufgruppe. Es ist Matthias Politycki. Der sechzigjährige Schriftsteller hat 2012 seine Liebe zum Marathon entdeckt, seitdem bereits achtmal die 42,195 Kilometer absolviert und kürzlich ebenjenes Buch mit dem Titel „42,195 – Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ geschrieben. Jütting und sein Kollege Michael Krüger von der Sportwissenschaftlichen Fakultät hatten ihn eingeladen, um an der Universität aus seinem Buch vorzulesen – zumal darin in einer Fußnote auf in Münster entwickelte und im Netz verfügbare Trainingspläne verwiesen wird, die dem Autor sehr von Nutzen waren. Das verpflichtet: Zu Ehren des Gastes hat Jütting ein abendliches Laufprogramm erstellt, damit Politycki auch an diesem Tag nicht unbewegt bleiben muss.

          Leider ist der Schriftsteller angeschlagen nach Münster gekommen; beim bislang letzten Marathon, kürzlich im heimatlichen Hamburg, machte der Muskel bei Kilometer 26 dicht. Politycki biss sich durch, auch weil eigens aus Osaka, der japanischen Partnerstadt, in der er 2014 Writer in Residence war, ein Läufer angereist kam, um mit ihm zusammen diesen Lauf zu absolvieren. Seitdem plagen Politycki Kniebeschwerden, die der Behandlung bedürfen. Schließlich ist für Herbst sein Gegenbesuch beim Marathon von Osaka geplant.

          „Schmerz geht, Stolz bleibt“

          Aber anderthalb Stunden Laufen am Vorabend durchs sonnige Münster, das geht noch. „Schmerz geht, Stolz bleibt“ ist eines der nach den zu absolvierenden Kilometern numerierten Kapitel von Polityckis Buch betitelt, und immerhin läuft ein Weltmeister an der Seite des Schriftstellers: Markus Jürgens, aktueller Titelträger in der Disziplin Halbmarathon im Rückwärtslaufen. Ihm und Politycki aber wurde am Montag gar keine echte Leistung abverlangt, denn Jüttings Programm sieht regelmäßige Stopps an markanten Orten vor, und die liegen in Münster so dicht beieinander, dass man kaum mehr als zwei Minuten in Bewegung bleiben muss.

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