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Kulturgeschichte Italiens : Der Frevel des Petersdoms

Auftakt in Sizilien: Blick auf das Kuppelmosaik der Capella Palatina in Palermo mit einem Christus Pantokrator und acht Engeln, entstanden um 1140/1150. Bild: akg-images / Andrea Jemolo

Wie Vielfalt durch Wettbewerb in einer erst spät geeinten Nation entstand: Volker Reinhardt führt in seinem Buch „Die Macht der Schönheit“ auf eindrucksvolle Weise durch tausend Jahre italienische Kulturgeschichte.

          5 Min.

          Wann beginnt Italien? Im März 1861, als in Turin das Königreich ausgerufen wird? Oder mit dem Risorgimento, in dem ab 1796 patriotische Gruppen unter dem Eindruck der ersten Französischen Republik zusammenfinden? Oder bereits im vierzehnten Jahrhundert, als eine gelehrte Eliteschicht das Konstrukt einer „italianità“ entwickelt, an dem Francesco Petrarca wortführend beteiligt ist? Oder gar in der Antike, in der die nationale Geschichte, das ist im kollektiven Bewusstsein der Italiener heute kaum umstritten, den ersten Gipfel erreicht?

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Frage ist von grundlegender Bedeutung für Volker Reinhardts titanisches Unterfangen, unter dem Titel „Die Macht der Schönheit“ die „Kulturgeschichte Italiens“ zu erzählen. Der vor allem als Renaissance-Kenner ausgewiesene Autor setzt an bei der überlegenen Zivilisation, als deren Lebensprinzip der Historiker Francesco Guicciardini (1483 bis 1540) die „italianità“ ausmacht: Ihre Triebfeder ist der fruchtbare Wettstreit zwischen Städten und Fürstenhöfen, der aus der territorialen Zersplitterung erwächst und eine einzigartige kulturelle Vielfalt hervorbringt. Das hat Folgen für die Darstellung: Reinhardt überblickt tausend Jahre, die sich aus Episoden und Stationen zum großen Bogen fügen.

          Dieses Kultur-Italien beginnt auf Sizilien, mit der Cappella Palatina im Normannenpalast von Palermo. Ihr Bauherr, Roger II. (1095 bis 1154), versucht die Sainte-Chapelle zu übertrumpfen und den Papst zu provozieren, die Macht- und Prachtdemonstration eines Parvenüs, der zwischen Orient und Okzident und den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen auf der Insel vermittelt. Eine Blütezeit, multikulturell und mehrsprachig, die der Staufer Friedrich II. (1194 bis 1250) vollendet.

          Kulturelle Vielfalt auf den Punkt gebracht

          Der Platz der Wunder mit Dom, Baptisterium, Glockenturm und Friedhof in Pisa, der für die bereits im elften Jahrhundert gewonnene Unabhängigkeit steht; die Gründung der ersten Universität 1088 in Bologna, die das römische Recht wiederbelebt; die 1245 begonnene gotische Kirche Santa Maria Novella in Florenz, mit der die Rivalin Pisa eingeholt und später übertroffen wird; der Dogenpalast in Venedig als Einladung an die Bürger und Bollwerk einer Freiheit, die auf Kommunikation und Konsens beruht: Reinhardt fokussiert auf herausragende Bau- und Kunstwerke, setzt sie in den historischen Kontext und analysiert sie als Repräsentationen ihrer Zeit. Vom Konkreten schließt er aufs Allgemeine, nie benötigt er mehr als zehn Seiten. Das macht die Stofffülle überschaubar, die Darstellung anschaulich.

          Jeder Ort ist aufgeladen mit Bedeutungen und Botschaften. So nimmt Reinhardt das Fresko von Domenico di Michelino im Dom von Florenz (1465), das Dante Alighieri (1265 bis 1321) mit der „Divina Commedia“ zeigt und, das erlittene Unrecht unterschlagend, den verbannten Dichter in seine Heimatstadt heimholt, zum Ausgangspunkt, um dessen politische Idiosynkrasien und dessen wechselhaftes Nachleben zu erörtern. Als bloße Fördermaßnahme für die römische Wirtschaft dekuvriert er, wie auf dem Fresko in der Lateranbasilika Bonifaz VIII. von der Loggia aus allen, die im Heiligen Jahr 1300 in die Ewige Stadt pilgern, einen Generalablass anbietet. Das „bonum commune“, das die Stadtrepublik über alles stellt, ihre politischen Mechanismen und Methoden, Tugenden und Missachtungen handelt er an Ambrogio Lorenzettis Fresko (1339) im Palazzo Pubblico in Siena ab. So reiht er Fallstudien aneinander, von denen jede für sich stehen kann und die sich doch ergänzen und gegenseitig erhellen.

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          Der junge Donatello läutet die Renaissance ein. Sein 1409 für den Dom geschaffener David wird in der Sala dei Signori aufgestellt, ein auch politischer Dreh, damit sich Florenz mit ihm gegen den Goliath Mailand identifiziert, sich Tatkraft gegen Gewalt durchsetzt. Das Verhältnis von Kunst und Macht untersucht Reinhardt am Beispiel der Medici, die die Republik zur „cosa nostra“ der Familie aushöhlen. König Alfonso von Aragon, der 1443 in Neapel Einzug hält, stellt die Eigenschaften der „italianità“ mustergültig unter Beweis: „Eine Sache der persönlichen Lebensführung“, zu der „Affektkontrolle, Rationalität, Sprachbeherrschung, Dignität im Auftreten, Ästhetik des Alltags, Wertschätzung von Kunst und Wissenschaft“ gehören. Das Triumphportal, das Alfonso zwischen zwei Türmen des Castelnuovo einfügen lässt, bildet es ab.

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