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Kritik am Bildungssystem : Selbstkompetenz ist nichts für Zweifler

  • -Aktualisiert am

Etwa ein Drittel von ihnen wird das Studium abbrechen: Erstsemesterbegrüßung an der Universität Koblenz Bild: dpa

Bologna-Irrtum und Akademisierungwahn: Konrad Paul Liessmann und Julian Nida-Rümelin geben dem Bildungssystem schlechte Noten - und behaupten, sie hätten Rezepte zur Besserung.

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          Der „Praxis der Unbildung“, wie Konrad Paul Liessmanns „Geisterstunde“ im Untertitel heißt, ging bereits seine vielgelesene „Theorie der Unbildung“ voraus. Nur ein Jahr vor dem gegenwärtigen Buch „Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung“ hat Julian Nida-Rümelin seine „Philosophie einer humanen Bildung“ veröffentlicht. Wer sich heute mit Bildung beschäftigt, kommt offensichtlich von diesem Thema so leicht nicht wieder los.

          Die allgemeine Krise der Bildungseinrichtungen dauert ebenso an wie die Überzeugung ihrer Kritiker, einen Ausweg zu wissen. Jedes Kapitel beendet Liessmann mit einem Gegenvorschlag zur gegenwärtigen Praxis in Schulen und Universitäten, jeden leitet er mit dem Satz ein: „Dabei wäre alles ganz einfach.“ Bücher über Bildung, man erinnere sich nur an Dietrich Schwanitz’ Bestseller, haben Erfolg, weil die Leser sich über das Maß ihrer eigenen Bildung oder Unbildung nie ganz sicher sind und daher gern von einer Autorität Ratschläge empfangen, wie den privaten und öffentlichen Mängeln abzuhelfen wäre.

          Seit Goethe und Wilhelm von Humboldt ist Bildung eine deutsche Leitidee, leicht zu rühmen, schwer zu verstehen und schwerer noch zu verwirklichen. „Bildung“, als Begriff und Wort ein Neuling in der deutschen Sprache des achtzehnten Jahrhunderts (und in anderen Sprachen ohne Entsprechung), bezeichnete zunächst das innere Wachstum der Seele wie das äußere der Pflanze, sodann die Aneignung der klassischen Kultur, später das pädagogische Ziel der höheren Schulen und erst im zwanzigsten Jahrhundert auch die Ausbildung für einen Beruf. Solche widersprüchlichen Bedeutungen konnte allein die deutscheste aller Literaturgattungen versöhnen, der Bildungsroman, der den freien Künstler zum Ideal einer autonomen Bildung erhob.

          Bild: Edition Körber-Stiftung

          Möchte Liessmann „die Qualität von Bildungseinrichtungen“ danach „beurteilen, wie viel Freiheit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel ästhetische Erfahrung, wie viel Nutzloses, wie viele Seitensprünge sie erlauben“, so scheint ihm immer noch das Bild Wilhelm Meisters vorzuschweben. Und obwohl Nida-Rümelin vehement den Wert beruflicher Bildung gegen den „Akademisierungswahn“ verteidigt, preist er doch, als wäre er ein Jünger der griechischen Philosophie, „ein Leben im Gleichgewicht, in innerer und äußerer Harmonie“. Beide Kritiker brauchen und gebrauchen den alten, anspruchsvollen Begriff der Bildung, der einst das vollendete Individuum beschreiben sollte, um nun daran die aktuelle, höchst unvollendete Erziehung von Jugendlichen zu messen.

          Anders als im Bildungsroman und Bildungsbürgertum des neunzehnten Jahrhunderts ist Bildung längst nicht mehr Angelegenheit des Einzelnen. Sie ist zu einer staatlichen, von Bürokraten geleiteten und von „Bildungsexperten“ kommentierten Aufgabe geworden, die über die Zukunft der Gesellschaft entscheidet. Da die Eltern diese Zukunft bereits an ihren Kindern zu sehen hoffen, greift die pädagogische Debatte auf große Teile der Öffentlichkeit über. Den verheißungsvollen Programmen der Bildungspolitiker halten die Kritiker ihre enttäuschenden Erfahrungen entgegen.

          Die „Bildungskatastrophe“, die Georg Picht 1964 für den Fall prophezeite, dass die Bundesrepublik nicht die Zahl der Gymnasiasten und Studenten erhöhe, kehrt fünfzig Jahre später, so diagnostizieren Liessmann und Nida-Rümelin übereinstimmend, in umgekehrter Gestalt wieder: Gerade die quantitative Erhöhung habe zu einer qualitativen Verflachung der Bildung geführt. Liessmanns „Streitschrift“ hält dem Schulunterricht vor, nach einer turbulenten Sequenz von Reformen verzichte er auf jegliches verbindliche Wissen und setze unverbindliche „Kompetenzen“ an dessen Stelle, darunter sogar die „Selbstkompetenz“, die der Schüler für eine vorteilhafte Darstellung der eigenen Person benötige.

          Enttäuschte und Getäuschte

          Nida-Rümelin vermisst überdies den Respekt vor praktischen und technischen Fähigkeiten; durch diese Verachtung des Handwerks bereite das Gymnasium den „Akademisierungswahn“ vor und löse den unangemessenen Zustrom zur Universität aus. Beide Autoren sind Professoren für Philosophie und deshalb mit dem leidvollen Zustand der Universitäten nach der Bologna-Reform vertraut. Nida-Rümelin führt den „Bologna-Irrtum“ auf ein falsches Verständnis des amerikanischen Vorbilds zurück.

          Dort besucht die große Mehrheit der Studenten lediglich allgemeinbildende Colleges, deren Niveau dem der deutschen Oberstufe, nicht dem der deutschen Universität entspreche. Dem wissenschaftlichen Studium widmen sich in den Vereinigten Staaten weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs, weshalb das europäische Ziel, mehr als fünfzig Prozent eines Jahrgangs zum akademischen Studium zu bewegen, auf einer Fehlplanung beruhe. Deren ökonomische und soziale Folgen demonstriert Nida-Rümelin an Statistiken und Schaubildern.

          Um die Zielvorgaben der OECD zu erfüllen, leiten und verleiten die Bildungsinstitutionen, so ergeben Nida-Rümelins Berechnungen, doppelt so viele Jugendliche zum Studium wie die Wirtschaft benötigt. Die Folgen werden sichtbar: Fehlende Facharbeiter sind nicht durch Bachelor-Absolventen zu ersetzen; die Quote der Studienabbrecher liegt bei dreißig Prozent, da selbst die verminderten Anforderungen wissenschaftlicher Fächer für eine große Zahl von Abiturienten zu hoch sind. Hätten die Enttäuschten und Getäuschten eine berufliche Ausbildung im dualen System oder an einer Fachhochschule gewählt, so hätte ihr erwachsenes Leben nicht mit einer Niederlage begonnen.

          Bild: Paul Zsolnay Verlag

          Vielleicht steht aber hinter den Empfehlungen der OECD (E bedeutet Economic) eine ökonomische Überlegung: Die Ablösung von Wissen durch Kompetenz, von Sprachbeherrschung durch Präsentationsfähigkeit, von Fachstudium durch Kombination von Modulen schafft einen neuen Typus des Arbeitnehmers. Er muss für schnell wechselnde, unvorhersehbare Zwecke verfügbar und brauchbar sein, wobei das Festhalten an bestimmten, ernsthaft angeeigneten Inhalten, wie es früher die Bildungseinrichtungen forderten, nur hinderlich wäre. In der neuesten Technik des Unterrichts und des Vortrags, der Powerpoint-Präsentation, entdeckt Liessmann die Absicht, das selbständige, stets von Zweifeln begleitete Mitdenken auf die Zustimmung zu autorisierter Information zu reduzieren: „Bilder, Graphiken, Diagramme, Schautafeln tun so, als wäre jede Diskussion darüber hinfällig.“

          Doch nicht einmal so skeptische Beobachter der Bildungspolitik wie Liessmann und Nida-Rümelin entgehen der pädagogischen Illusion, die Erziehung einer Generation sei vollständig planbar und deshalb auch gründlich korrigierbar. Von dem, was heute die Jugendlichen prägt, liegt nur wenig in der Hand der Bildungsplaner, Lehrer und Eltern. Über die Bildung oder Unbildung der Schüler und Studenten entscheidet, vor und nach den Unterrichtsstunden, vor allem der tägliche Konsum von Musik, Bildern, direkter und digitaler Kommunikation, die jeweils modische Art zu denken, zu reden und sich zu kleiden.

          Solange nur drei Prozent eines Jahrgangs studierten, also bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, versuchten Studenten sich dadurch auszuzeichnen, dass sie sich anders benahmen, anders dachten und sprachen als die Nicht-Studierten. Man versteht die Studentenbewegung von 1968 besser, wenn man in ihr die Radikalisierung dieser - bereits bedrohten - Distinktion erkennt. Sobald der Besuch höherer Lehranstalten kein Privileg mehr darstellt, sind Gymnasiasten und Studenten nicht mehr Zöglinge ihrer Institutionen, sondern Kinder ihrer Zeit.

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