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Kritik am Bildungssystem : Selbstkompetenz ist nichts für Zweifler

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Enttäuschte und Getäuschte

Nida-Rümelin vermisst überdies den Respekt vor praktischen und technischen Fähigkeiten; durch diese Verachtung des Handwerks bereite das Gymnasium den „Akademisierungswahn“ vor und löse den unangemessenen Zustrom zur Universität aus. Beide Autoren sind Professoren für Philosophie und deshalb mit dem leidvollen Zustand der Universitäten nach der Bologna-Reform vertraut. Nida-Rümelin führt den „Bologna-Irrtum“ auf ein falsches Verständnis des amerikanischen Vorbilds zurück.

Dort besucht die große Mehrheit der Studenten lediglich allgemeinbildende Colleges, deren Niveau dem der deutschen Oberstufe, nicht dem der deutschen Universität entspreche. Dem wissenschaftlichen Studium widmen sich in den Vereinigten Staaten weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs, weshalb das europäische Ziel, mehr als fünfzig Prozent eines Jahrgangs zum akademischen Studium zu bewegen, auf einer Fehlplanung beruhe. Deren ökonomische und soziale Folgen demonstriert Nida-Rümelin an Statistiken und Schaubildern.

Um die Zielvorgaben der OECD zu erfüllen, leiten und verleiten die Bildungsinstitutionen, so ergeben Nida-Rümelins Berechnungen, doppelt so viele Jugendliche zum Studium wie die Wirtschaft benötigt. Die Folgen werden sichtbar: Fehlende Facharbeiter sind nicht durch Bachelor-Absolventen zu ersetzen; die Quote der Studienabbrecher liegt bei dreißig Prozent, da selbst die verminderten Anforderungen wissenschaftlicher Fächer für eine große Zahl von Abiturienten zu hoch sind. Hätten die Enttäuschten und Getäuschten eine berufliche Ausbildung im dualen System oder an einer Fachhochschule gewählt, so hätte ihr erwachsenes Leben nicht mit einer Niederlage begonnen.

Bild: Paul Zsolnay Verlag

Vielleicht steht aber hinter den Empfehlungen der OECD (E bedeutet Economic) eine ökonomische Überlegung: Die Ablösung von Wissen durch Kompetenz, von Sprachbeherrschung durch Präsentationsfähigkeit, von Fachstudium durch Kombination von Modulen schafft einen neuen Typus des Arbeitnehmers. Er muss für schnell wechselnde, unvorhersehbare Zwecke verfügbar und brauchbar sein, wobei das Festhalten an bestimmten, ernsthaft angeeigneten Inhalten, wie es früher die Bildungseinrichtungen forderten, nur hinderlich wäre. In der neuesten Technik des Unterrichts und des Vortrags, der Powerpoint-Präsentation, entdeckt Liessmann die Absicht, das selbständige, stets von Zweifeln begleitete Mitdenken auf die Zustimmung zu autorisierter Information zu reduzieren: „Bilder, Graphiken, Diagramme, Schautafeln tun so, als wäre jede Diskussion darüber hinfällig.“

Doch nicht einmal so skeptische Beobachter der Bildungspolitik wie Liessmann und Nida-Rümelin entgehen der pädagogischen Illusion, die Erziehung einer Generation sei vollständig planbar und deshalb auch gründlich korrigierbar. Von dem, was heute die Jugendlichen prägt, liegt nur wenig in der Hand der Bildungsplaner, Lehrer und Eltern. Über die Bildung oder Unbildung der Schüler und Studenten entscheidet, vor und nach den Unterrichtsstunden, vor allem der tägliche Konsum von Musik, Bildern, direkter und digitaler Kommunikation, die jeweils modische Art zu denken, zu reden und sich zu kleiden.

Solange nur drei Prozent eines Jahrgangs studierten, also bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, versuchten Studenten sich dadurch auszuzeichnen, dass sie sich anders benahmen, anders dachten und sprachen als die Nicht-Studierten. Man versteht die Studentenbewegung von 1968 besser, wenn man in ihr die Radikalisierung dieser - bereits bedrohten - Distinktion erkennt. Sobald der Besuch höherer Lehranstalten kein Privileg mehr darstellt, sind Gymnasiasten und Studenten nicht mehr Zöglinge ihrer Institutionen, sondern Kinder ihrer Zeit.

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