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Pariser Kommune : Frische Luft für alle

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Lebensmittelverteilung während der Tage der Pariser Kommune. Zeitgenössische Lithografie. Paris, Musée Carnavalet Bild: Picture Alliance

Von der Pariser Kommune bis zum Modernisierungsschub der fünfziger Jahre: Wie die Literaturwissenschaftlerin Kristin Ross die Voraussetzungen der Demokratie freilegt.

          6 Min.

          Manche Bilder und Appelle ähneln sich so sehr, dass einem wirklich das Wort „Zeitlosigkeit“ einfallen kann. In der Ausgabe des französischen Magazins Marie-Claire vom Mai 1955 gab es eine ausführliche Anweisung, wie die Schlacht um die Hygiene endlich zu gewinnen sei. Es gehe, so hieß es in einem Artikel, darum, die französischen Kinder der nächsten Generation so weit zu bringen, dass sie den „Sauberkeits-Reflex“ annehmen. Der Schlüssel zur sauberen Kindheit lag dabei für die Autoren in der Internalisierung täglicher Routinen, die so lange eingeübt werden sollten, bis sie automatisch abliefen.

          Dafür wurden ausgeklügelte didaktische Konzepte vorgestellt. Um Kindern etwa den Zusammenhang von schmutzigen Händen und Krankheit zu erklären, sollte man ihnen nachmittags weiße Handschuhe anziehen. Am Ende des Tages könne man den Kindern dann die „Mikroben“ darauf zeigen, bis ihnen der Griff zum sauberen Taschentuch am Morgen so automatisch geworden sei wie der Griff nach den Schulbüchern.

          Diese seltsam gegenwärtige Beobachtung findet sich in dem Buch „Fast Cars, Clean Bodies“ der amerikanischen Romanistin und Literaturwissenschaftlerin Kristin Ross, zuerst erschienen 1995 im Verlag des Massachusetts Institute of Technology. Ross, geboren 1953, ist emeritierte Professorin für Komparatistik an der New York University und eine der Spezialistinnen für die Wandlungen der französischen Kultur, Politik und Gesellschaft vom späten 19. bis ins 20. Jahrhundert.

          In „Fast Cars, Clean Bodies“ analysiert Ross den tiefreichenden Wandel, den die französische Gesellschaft im Jahrzehnt nach der desaströsen Niederlage ihrer Kolonialarmee am 8. Mai 1954 in Vietnam erlebte. Die Schlacht um Dien Bien Phu, die am 13. März desselben Jahres begonnen hatte, ist der Inbegriff der Niederlage Frankreichs im Indochinakrieg und gehört zu den verlustreichsten Schlachten der französischen Militärgeschichte. In Frankreich erinnerte der Untergang der französischen Kolonialarmee, einschließlich der Soldaten der Fremdenlegion, viele an die Niederlage Frankreichs gegen Nazi-Deutschland 1940.

          Für Ross ist das Trauma der verlorenen Schlacht bei Dien Bien Phu einer der Anlässe für die endgültige Überwindung der 1954 immer noch hauptsächlich agrarisch und „insular“ geprägten französischen Gesellschaft hin zur industriell-städtischen Moderne, der Beginn einer Dekolonisierung und Reorganisation der französischen Kultur. Auf der anderen Seite dieses Modernisierungsschubs, der nicht zuletzt darin bestand, aus mehr oder weniger selbständigen Bauern Industriearbeiter zu machen, steht für Ross aber auch der Beginn des aktuellen französischen Rassismus. Eines Rassismus, der sich für Ross wesentlich um die Figur des eingewanderten Arbeiters herausgebildet hat und eine direkte Folge des Untergangs der französischen Kolonialarmee ist. Wie richtig sie damit bis heute liegt, kann man auch an dem nicht unwichtigen Detail sehen, dass einer der überlebenden Offiziere von Dien Bien Phu auf den Namen Le Pen hört.

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