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Kriminalromane : Das U und E des deutschen Krimis

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In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges bewegt, und trotzdem bestimmt diese Trennung immer noch Literaturszene wie Buchmarkt: Literatur, bei der Anspruch und Unterhaltung sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern im Gegenteil zusammengehören, gibt es selten in Deutschland. Die Trennung in U und E hat gravierende Folgen. Wer hierzulande professionell Literatur schreiben möchte und sich naiv mit einem Manuskript bei einer Literarischen Agentur bewirbt, merkt schnell, dass es solche und solche Agenturen gibt; die einen sind spezialisiert auf U, die anderen auf E. Wer sich für ein literarisches Stipendium bewirbt, wird keines bekommen, wenn er oder sie Genreliteratur schreibt.

Ein Markt, der sich alle sechs Monate ändert

Die Vorstellung, eine Krimiautorin würde in Klagenfurt beim Bachmann-Preis lesen, ist lächerlich. Das literarische Feuilleton zeigt größtenteils Desinteresse an Genreliteratur und geht offenbar davon aus, dass man bei Besprechungen von Krimis die Latte tiefer hängen muss. In der angloamerikanischen Literaturszene wird inzwischen Belletristik als ein Genre unter vielen betrachtet. Belletristik ist dort eine Untersparte von Literatur, die sich von anderen Genres durch die Form und vor allem durch die Erwartungen der Leser an das Buch unterscheidet. Die pauschale Verurteilung ganzer Genres als nicht ernst zu nehmende Literatur gibt es dort so nicht (mehr): Es gibt gute oder schlechte Bücher, egal, welchem Genre sie angehören.

Autoren von E-Literatur finden es schick, einen Krimi zu schreiben – Juli Zeh etwa. Gute Bücher werden das selten.

In Deutschland dagegen herrscht die Meinung vor, es sei leicht, Genreliteratur zu schreiben. Hobbyautoren verfassen gerne im Urlaub mal schnell einen Krimi. Autoren von E-Literatur finden es schick, ohne jede Kenntnis des Genres einen - oft ironisch-persiflierenden – Krimi zu schreiben. Man denke an Sibylle Lewitscharoff oder Juli Zeh. Gute Bücher werden das selten. Krimiautoren, die oft vom angloamerikanischen oder skandinavischen Krimi beeinflusst sind und mehr wollen, fehlt es an deutschen Vorbildern. Sie wagen inzwischen nichts Neues mehr, besonders dann nicht, wenn sie vom Schreiben leben wollen. Es wird nach einem Markt geschrieben, der sich alle sechs Monate ändert.

Die Vertriebsabteilungen haben das Sagen in den großen Publikumsverlagen, und von dort kommt die Devise „Ein guter Krimi ist ein Krimi, der sich gut verkauft“. Woher die innovativen Ideen für die nächsten Bestseller kommen sollen, steht in den Sternen.

Politisch ist gerade „en vogue“

Was fehlt – bei Kritikern wie Lesern – ist ein Verständnis für die Kriterien, formale wie inhaltliche, nach denen man Literatur beurteilt. Was ist eigentlich gemeint mit dieser Latte, die man höher oder tiefer hängen kann, wenn man Bücher rezensiert? Als einziges populäres Genre hat der Krimi es geschafft, der Nischenexistenz des Genres zu entkommen. Krimis sind gesellschaftsfähig, schon lange. Und doch scheint es, als brauchte der Krimi eine Rechtfertigung, die über das Genre hinausgeht, um als Literatur anerkannt zu werden.

Zurzeit ist der politische Krimi en vogue, der Krimi mit der „gesellschaftlichen Relevanz“. Dabei sind Inhalte das schlechteste aller Kriterien, wenn es um die Frage von Qualität geht. All die Thriller, die soziale Themen aufgreifen, sprechen Bände. Es gibt Krimis, in denen sich literarische Qualität genial mit einer politischen Message verbindet, doch sie bleiben die Ausnahme. Das Problem ist: Solange die Kritik inhaltliche Themen als Qualitätskriterium stark macht, wird über nichts anderes geredet. Und es ist dringend nötig, dass wir endlich anfangen, über Krimis als Literatur zu reden.

Ein wenig hat diese Diskussion angefangen, bei Autoren wie Wolf Haas oder neuerdings Zoran Drvenkar. Da wird über die Erzählerstimme gesprochen, über Drvenkars Experimente mit der Perspektive. Doch auch andere Krimiautoren haben es verdient, dass man darüber spricht, was sie sprachlich können, wie sie literarisch arbeiten. Denn das ist es, was gute Bücher ausmacht. Darauf kommt es an, wenn aus Worten auf Papier eine literarische, eine ernsthaft unterhaltende Erfahrung werden soll.

Lisa Kuppler studierte Amerikanistik und Neuere Geschichte in Tübingen, Oregon und Berlin. Heute ist sie als freie Lektorin, Übersetzerin und Autorin von Genreliteratur tätig. Seit 2001 führt sie das Ein-Frau-Unternehmen „Das Krimibüro“ und unterrichtet Creative Writing-Kurse. Sie arbeitet für die Verlage Rotbuch und Emons und betreut die Krimiautoren Rob Alef, Patrick Brosi, Ines Eberl, Jörg Juretzka und Thilo Scheurer. Von ihr stammen die aktuelle Übersetzung der Hauptwerke des Krimi-Altmeisters Mickey Spillane sowie „Das große Hobbit-Buch“, ein Standardwerk zu J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“.

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