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Krimidebüt von Ivy Pochada : Lagerkoller in Los Angeles

  • -Aktualisiert am

Ähnlich einem Episodenfilm erzählt „Wonder Valley“ in Kapiteln, die in und um die Stadt der Engel angesiedelt sind. Bild: Picture-Alliance

Erdbebenwetter in Los Angeles und dann dies: Ein Nackter rennt am morgendlichen Dauerstau vorbei. Alle Augen, alle Kameras richten sich auf ihn.

          Ein Jogger rennt auf dem Freeway mitten durch Los Angeles, zieht locker an den im morgendlichen Dauerstau feststeckenden Limousinen vorbei – und dabei alle Blicke und Handykameras auf sich. Denn er rennt splitterfasernackt. Ivy Pochodas „Wonder Valley“ beginnt mit einem starken Bild. Wie eine Sensationsreporterin stürzt sie sich auf diesen Reißer des Tages, ganz so wie man es in einer hyperaktiven Metropole wie Los Angeles eben erwarten würde, um dann doch lieber wie für ein investigatives Lesestück allmählich die Geschichten dahinter aufzurollen.

          Geschichten von Leuten, die gelangweilt sind vom immer gleichen Wohlstandstrott, von der Familie entfremdet, von Armut und Ängsten getrieben oder auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit, vor Verfehlungen, Versäumnissen. Erlösung nicht in Sicht. Das sogenannte Erdbebenwetter, über das sich irgendwann jemand beschwert, ist für sie ein Dauerzustand. Eine Abfolge bedeckter Tage, die noch nicht einmal auf Regen hoffen lassen: „Die ganze Stadt wie erstickt, der Himmel ein immer gleiches Badewassergrau, die Luft so reglos, dass man noch im Freien einen Lagerkoller kriegte.“

          Seriell erzählt wie im Kino

          Ähnlich einem Episodenfilm erzählt „Wonder Valley“ in Kapiteln, die in und um die Stadt der Engel angesiedelt sind und zwischen den Jahren 2006 und 2010 springen, von Britt, die auf einer Hühnerfarm in der kalifornischen Wüste landet, auf der sich Neo-Hippies um einen ominösen Heiler scharen. Von einem jungen Schwarzen namens Ren, der gerade aus dem Jugendknast freigekommen ist und nun quer durch die Vereinigten Staaten fährt, auf der Suche nach seiner durchgebrannten Mutter. Von zwei Schwerverbrechern, die in der Wüste untertauchen wollen. Von Tony, einem gutsituierten Familienvater in der Midlifecrisis. Ihre Geschichten beginnen an verschiedenen Polen, verlaufen für ein Teilstück des Weges parallel oder schildern dem Rashomon-Prinzip entsprechend dasselbe Ereignis aus verschiedenen Perspektiven.

          Ivy Pochoda: „Wonder Valley“. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sabine Roth und Rudolf Hermstein. Ars Vivendi Verlag Codolzburg,  2019, 400 S., br., 18 Euro.

          „Wonder Valley“ ist das erste ins Deutsche übersetzte, eigentlich aber schon das dritte Buch von Ivy Pochoda, einer ehemaligen professionellen Squash-Spielerin. Sie lebt in Los Angeles, stammt aber aus Brooklyn. Wahrscheinlich hat sie deshalb diese ostküstentypisch distanzierte Hassliebe zu der Stadt entwickelt, die dem Buch aus jeder Zeile quillt. Seitenlang degradiert sie ihren Plot zur Nebensache, beschreibt lieber Umgebungen, erschafft Atmosphären. Der unerbittliche Sonnenschein, der in der Wüste jedes pflanzliche Leben innerhalb von Stunden verdorren lässt. Die heruntergekommensten Ecken von Downtown, die Gleichförmigkeit von Suburbia. Egal ob Großstadt oder Natur, reiche oder arme Nachbarschaft, mit oder ohne Dach über dem Kopf – in „Wonder Valley“ ist jede Umgebung auf ihre eigene Weise überlebensfeindlich, barbarisch.

          Der einzige Ausweg ist die Kunst

          Schreiben kann Pochoda also ohne Zweifel, nur verlässt sie sich dabei immer wieder auf die gleichen Strategien, deutet die Jahre zurückliegenden Sündenfälle ihrer Protagonisten wiederholt nur an, um einem den real scoop irgendwann scheinbar beiläufig in einem Nebensatz vor die Füße fallen zu lassen. Zunächst einmal mag das als clevere Verzögerungstaktik durchgehen. Nur wird die Methode irgendwann vorhersagbar und lässt die Geschichte wie eine einzige ausufernde Exposition erscheinen, bis das Ende regelrecht verpufft. Antiklimaktisch, unbefriedigend gar. Die Erkenntnisse bleiben eindimensional, die Nebenfiguren und Feindbilder wirken wie Bequemlichkeiten einer Autorin, die für die Weltsicht ihrer kaputten Antihelden vielleicht ein wenig zu viel Empathie aufbringt. Es ist nun einmal schockierend einfach, überspannte Helikoptermütter und naiv-verzogene Hippiemädchen so zu beschreiben, dass jeder sie als Nervensägen empfindet.

          Der einzige Ausweg – nicht aus ihrer wirtschaftlichen Misere, aber immerhin aus der mentalen Abwärtsspirale –, der den Figuren in „Wonder Valley“ bleibt, ist die Kunst. Sie hüten handgeschnitzte Schachfiguren wie ein Erbstück von unschätzbarem Wert, zeichnen auf herumliegenden Zeitungsseiten, Wohnungslose zücken Kodak-Einwegkameras und berichten stolz von ihren Fotoausstellungen im Gemeindezentrum, wieder andere sprayen ihre Grafitti auf alles, was lang genug stillhält.

          Pochoda gibt sich als Anwältin einer solchen gesellschaftlichen Polyphonie; das Wertvolle an Kunstwerken gleich welcher Qualität sei doch gerade, dass jeder seine eigene Wahrheit aus ihnen herauslesen könne. Nur um dann doch die Vielstimmigkeit abrupt zu unterbrechen: Am Ende wendet sich die Erzählerinnenstimme direkt an die Leserschaft wie die Moderatorin einer drittklassigen Fernsehreportage, um noch dem Letzten zu erklären, wie das Schicksal der Figuren das reale Leben spiegelt.

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