https://www.faz.net/-gr0-9jf1b

Thriller „Versammlung der Toten“ : Ein Panzerknacker kommt selten allein

Man nennt ihn auch „Versammlung der Toten“: Nächtliche Szene am Platz der Gehenkten in Marrakesch, einem Schauplatz in Tomás Bárbulos Debütroman. Bild: Bruno Pérousse / AKG

Die Globalisierung frisst ihre Kinder: In seinem Thriller „Versammlung der Toten“ dreht Tomás Bárbulo den Spieß mit einem Bankraub in Marrakesch um. Der Spanier führt die westlichen Vorurteile über Araber vor.

          Dass Spanier jetzt nach Afrika aufbrechen, um dort Banken auszurauben, das ist der erste Witz dieses Romans. Er stellt damit das Klischee auf den Kopf, dass es sich normalerweise andersherum verhält. Und trägt damit zu einer gewissen Stimmungsaufhellung bei, behauptet doch die Flüchtlingsnachrichtenwelt seit Jahren, dass es nur eine Richtung gen Wohlstand gibt – nach Norden. Wenn nun in Tomás Bárbulos Romandebüt „Versammlung der Toten“ Globalisierungsverlierer aus Spanien zum Juwelenfang nach Marokko reisen, müssen sie sich der einzig möglichen Verkleidung bedienen, die glaubwürdig wirken kann – sie kommen als Touristen. Das ist der zweite Witz, bringen doch Touristen nach unserer Lesart nur Segnungen in die wirtschaftlich ausgezehrten Länder des Maghreb.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Ein ominöser Juwelier namens Jean-Baptiste heuert eine Gruppe mittelschwerer Kleinkrimineller in Madrid an, um in Marrakesch eine Bank zu erleichtern, die wegen einer Edelstein-Messe vorübergehend eine Menge wertvoller Steine im Tresor verwahrt. Kopf der Bande ist Guapo, der vom Vater das Knowhow im nun angezeigten Zustieg durch die Kanalisation geerbt hat. Chiquitín, ein riesenhafter Fischhändler, der bei einem Kredithai im Minus ist, die Helfershelfer Yunque und Chato sowie ihre jeweiligen Frauen oder Freundinnen sollen auch mit. Nur die Gattin Guapos bleibt zu Hause, weil sie hochschwanger ist. Die Bande soll die Kellerwand der Bank durchbrechen, das Knacken der Tresore wird ein Mann unternehmen, der sich nur als Sahraui vorstellt, ein Muslim maurischer Abstammung aus der Westsahara. Er ist, der Autor deutet es früh an, mit sehr viel mehr Hirn und Entschlusskraft ausgestattet als seine europäischen Helfer. Aber verfolgt er wirklich die gleichen Ziele wie Jean-Baptiste? Und wie lichtecht ist dieser überhaupt?

          Zwei Millionen sollen für Guapo und sein Team abfallen, dringend benötigtes Geld, auch wenn sie dem Schlachtplan nicht rundheraus vertrauen – zu simpel klingt er. Doch rasch siegt die Geldgier. In einem Kleinbus mit doppeltem Boden startet die Truppe gen Süden, spätestens bei der Einreise in Tanger wird klar, dass der Coup eine Nummer zu groß für diese undisziplinierte Bande sein dürfte. Die Tarnung als Ausflug von Freunden wird löchrig, als Chiquitín die Ermordung des Kredithais einholt, sich Seitensprünge innerhalb des Teams anbahnen und in Madrid ein falscher Künstler die Gattin Guapas kompromittiert.

          Tomás Bárbulo: „Versammlung der Toten“. Thriller. Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 397 S., br., 14,95 Euro.

          Diese Hinweise, dass hier etwas massiv schiefläuft, schieben sich Stück für Stück in das orientalische Idyll, das Bábulo ausmalt. Man steigt gehoben ab, besichtigt, grillt sich am Pool, flaniert durch die Altstadt und erkundet den wuseligen Djemaa el Fna, der im Arabischen mit „Versammlung der Toten“ übersetzt wird. Weil die Sultane dort Hingerichtete ausstellen ließen, nennt man ihn auch „Platz der Gehenkten“. Ein Omen? Der Platz gibt dem Roman nicht nur den Titel, er stellt ihn damit auch in einen literarischen Hallraum, der sich aus westlicher Sicht 1967 mit Elias Canettis „Die Stimmen von Marrakesch“ öffnet. In ihm hinterließen auch Hubert Fichte, Juan Goytisolo, Bodo Kirchhoff und andere Spuren. Mit Tomás Bárbulo schreibt sich ein weiterer Spanier dort ein, freilich einer, der die Region als professioneller Beobachter sehr gut kennt. Der Sechzigjährige schreibt seit vielen Jahren für die Tageszeitung „El País“ über diese Weltgegend.

          Das merkt man dem Buch auf angenehme Weise an, weil es unaufgeregt Landeskunde als Ausweis des Authentischen betreibt. Gleichzeitig führt Bárbulo die westlichen Vorurteile über Araber vor. Wo Canetti sich noch ganz dem Schweigen des Beobachters hingab, die Sprachbarriere förmlich auskostend und aufsaugend, poltert Bárbulos Personal – mit einer natürlichen Ausnahme – besinnungslos unsensibel durchs Bild.

          Mit der Kunst des Cliffhangers ist es in der Wüste auch nicht weit her, die erste Hälfte des Buches hat wenig Thrill, stattdessen Züge einer Gaunerkomödie. Erst als es in äußerster Dunkelheit in die Kanalisation geht, kommt Spannung auf – auch, weil gleichzeitig in Spanien und Frankreich seltsame Dinge vor sich gehen. Das Ziel der Operation scheint noch einem anderen Antrieb zu gehorchen, einem, der mit Wissen, Macht und Weltpolitik zu tun hat. Im Lichte dessen erscheinen die kriminellen Bemühungen der Spanier am Ende in einem grotesken Licht. Dieses reichlich dick aufgetragene Finale hält wie einen letzten Fußtritt eine Moral bereit, die Guapo schon in der Eingangsszene so formuliert hat: „Heute ist ein Bankraub das sicherste Ticket in den Knast.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sicherheitskräfte sperren nach den Explosionen eine katholische Kirche in Colombo ab.

          Sri Lanka : Mehr als 100 Tote bei Anschlägen in Kirchen und Hotels

          Bei mutmaßlichen Terroranschlägen sind in Sri Lanka am Ostersonntag mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. In drei katholischen Kirchen und drei Luxus-Hotels explodierten binnen einer halben Stunde Sprengsätze.
          Soldaten der Bundeswehr beim Appell

          Bundeswehr : Soldaten posten offen Rechtsradikales

          Neue Vorwürfe über rechte Gesinnung bei Bundeswehrsoldaten: Ein Informant soll in sozialen Netzwerken Hunderte Beispiele für radikales Gedankengut gesammelt haben. Seine Vorgesetzten hätten das nicht ernst genommen.
          Teilnehmer einer AfD-Demonstration in Rostock vergangenen Dezember

          Sonntagsfrage : AfD im Osten stärkste Partei

          Fast ein Viertel der ostdeutschen Wähler würde sich im Fall einer Bundestagswahl für die AfD entscheiden. Die Union fällt laut Umfrage unter eine wichtige Marke, die SPD landet hinter den Grünen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.