https://www.faz.net/-gr0-9qpp5

Schwedischer Psychothriller : Undurchschaubarer Argwohn

Auf Irrwegen: Camilla Grebes Charaktere sind auf der Suche – auch nach sich selbst. Bild: ZB

Drei verschiedene Erzähler irren durch die schwedische Finsternis: Camilla Grebe verknüpft in „Tagebuch meines Verschwindens“ den Psychothriller mit einem Gesellschaftsporträt.

          3 Min.

          Ein Geschehnis aus mehreren Perspektiven zu schildern ist eine bewährte Methode des Erzählens. Viele Ansichten münden in die Frage nach der Wahrheit. Deutlich komplexer bedient sich Camilla Grebe in ihrem Roman „Tagebuch meines Verschwindens“ der Polyperspektivität. Sie wendet das Verfahren diachronisch an und erfasst so Ereignisse, die sich über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren erstrecken, bis in die Gegenwart hinein.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Prolog spielt im Oktober 2009, als eine Gruppe von Jugendlichen in einer Geröllhalde nahe dem schwedischen Ort Ormberg auf die Überreste eines Skeletts stößt. Es war Mord, wie sich zeigen wird. Die eigentliche Handlung spielt im November und Dezember 2017, als ein Team von Polizisten diesen „kalten Fall“ wieder aufrollt. Es stellt sich heraus, dass die Tote mit ihrer Mutter 1993 aus Bosnien nach Schweden geflohen war; beide verschwanden im selben Jahr aus dem Heim für Geflüchtete, wo sie untergebracht waren. Die gefundenen Knochen des Kinds, das damals fünf Jahre alt war, heißen seither bei den wenigen Einwohnern des Orts „das Ormbergmädchen“.

          Während der neuerlichen Ermittlungen kommen weitere Taten hinzu, die mit diesem Leichenfund zusammenhängen müssen. Noch ein Mord an einer unbekannten Frau geschieht; Hanne, eine erfahrene Profilerin, irrt verletzt und ohne Erinnerung durch den Wald; der Polizist Peter, ihr Lebensgefährte, verschwindet ohne jede Spur.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Das Raffinement von Camilla Grebe, die für den Roman den Skandinavischen Krimipreis und die Auszeichnung für den besten schwedischen Thriller 2017 erhielt, besteht darin, drei Personen über die Vorgänge um die Aufklärung des ersten und der weiteren Verbrechen aus ihrem jeweiligen Blickwinkel berichten zu lassen. Diese Erzähler sind zudem tief in die Geschehnisse, die sich ständig beschleunigen, involviert. Wie Grebe das macht, ist wirklich trickreich: An die Stelle des klassischen Spannungsbogens tritt eine doppelte, teils dreifache Bewegung für die Leser, während die Dinge ihren fatalen Lauf nehmen und die Polizisten lange im Dunkeln stochern.

          Ormberg ist ein trauriger Ort, mit wenigen, undurchschaubaren Bewohnern, deren ganzer Argwohn – wenn nicht mehr – den Flüchtlingen im Heim am Ortsrand gilt. Arbeitslosigkeit, Landflucht und Überalterung, gepaart mit Engstirnigkeit und Frustration, sorgen für das Gefühl, abgehängt zu sein vom Wohlstand.

          Da folgt man Malin, der jungen Polizistin, die in ihren Heimatort vorübergehend zurückkehrt und bei ihrer Mutter wohnt für die Zeit der Ermittlungen. Malin war es auch, die 1993 das Ormbergmädchen im Geröll fand. Sie hadert mit Ormbergs Beschränktheit seit der Depravierung durch die Stilllegung des Bergbaus, sie ist sich selbst zudem eine Fremde, vor allem im Verhältnis zu ihrer Mutter und zu ihrer Tante Margareta und deren zurückgebliebenem Sohn Magnus, für den Malin Mitleid empfindet.

          Da ist Jake Olsson, fünfzehn Jahre alt, der unversehens in die Geschehnisse gerät, weil er eines Abends in einem Paillettenkleid seiner gestorbenen Mutter und geschminkt im Wald unterwegs ist, um vor den anderen zu verbergen, was er an sich als „widernatürlich“ empfindet, als „die Krankheit“ diagnostiziert, die ihn zum Außenseiter macht. Die dritte Stimme gehört Hanne, der Profilerin, die an einer zunehmenden anterograden Amnesie leidet – sie verliert die Erinnerung an neue Erfahrungen innerhalb kürzester Zeit. Sie schreibt ein minutiöses Tagebuch, um ihre Krankheit möglichst zu verbergen: „Das hier ist das Tagebuch über mein Verschwinden. Nicht physisch, sondern bildlich – denn mit jedem Tag, der vergeht, gleite ich tiefer in den Nebel hinein.“

          Es ist Jake, der Hannes braunes Buch im Wald findet. Indem er es liest, wird er Teil der sich beschleunigenden Ereignisse: „Ich hole mir wieder Hannes’ Tagebuch. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, weil ich noch immer nicht alles gelesen habe, denn auf irgendeine seltsame Weise habe ich jetzt das Gefühl, sie zu kennen. Fast, als wäre sie wirklich meine Freundin, nur, weil ich ihre Aufzeichnungen gelesen habe.“ Jake wird versuchen, Hanne gerecht zu werden.

          Geduldig und mit Sorgfalt – exzellent ins Deutsche übertragen von Gabriele Haefs – folgt Camilla Grebe auf sechshundert Seiten Malin, Jake und Hannes’ Tagebuch, parallel dazu der Polizei, die, zunehmend getrieben von den neuen Entwicklungen, den Schlüssel für die Verbrechen fieberhaft sucht. Dass die Rechenschaftsberichte der drei – im Wortsinn – teilnehmenden Beobachter im Präsens abgelegt werden, im Vollzug des Geschehens, schafft für die Leser eine ungewöhnliche Nähe, irritierend und fesselnd in ihrer Intimität, sowie in kontinuierlich steigender Spannung.

          Camilla Grebe verbindet auf ungewöhnliche Weise das Genre des Psychothrillers mit dem Psychogramm einer zerbrechlichen Gemeinschaft. Eindeutige Identitäten, sichere Zuschreibungen kommen in Fluss, nicht bloß die Täter-Opfer-Dichotomie, und es gibt eine unerwartete, keineswegs aber unplausible Auflösung. Erlösung findet in Ormberg nicht statt.

          Camilla Grebe: "Tagebuch meines Verschwindens". Psychothriller.

          Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs.

          btb Verlag, München 2019, 608 S., br., 15,-.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kündigt Sanktionen gegen die Türkei an: der amerikanische Präsident Donald Trump.

          Stahlzölle steigen : Trump kündigt Sanktionen gegen Türkei an

          Washington hatte Ankara mehrfach gewarnt, nun macht die Regierung ernst: Die Strafzölle auf Stahl aus der Türkei sollen wegen der umstrittenen Militäroffensive der Türkei in Syrien auf 50 Prozent steigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.