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Was hat Glasgow Hamburg voraus? Chastity Riley findet es mit viel Bier heraus. Straßenszene aus Partick Bild: Suse Multhaupt/laif

Krimi von Simone Buchholz : Schottische Schrottidylle

Ein Haus am Loch als Köder: Simone Buchholz gönnt ihrer Staatsanwältin Chastity Riley einen Ausflug in die Familiengeschichte. Wird das der Abschied für immer?

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          Im vergangenen Oktober forderte Simone Buchholz in der „Zeit“, der „postpandemische Kriminalroman“ müsse endlich auch mit der deutschen Idylle aufräumen: „Nichts spielt mehr in irgendwelchen Regionen oder auf langweiligen Inseln, nichts mehr auf öden Wachen, es gibt keine Streifenwagen mehr, keine Uniformmützen, keine ermittelnden Omas oder Reporterinnen oder Psychologen. Keine Mettbrötchen. Keine sinnlose Folter, keine bumsblöden Morde, die nur da sind, um aufgeklärt zu werden, es gibt keine BRD Noir mehr, keine Labore, keine Konferenztische, keine Sokos und auch keine Spurensicherungsexzesse. Denn all das spielt, wenn es darum gehen soll, warum das Böse entsteht, wo die Gewalt herkommt, doch überhaupt keine Rolle.“

          Hannes Hintermeier
          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Heute weiß man, dass der Text eine Werbeschrift in eigener Sache war, und zwar für Buchholz’ neuen Roman „River Clyde“, den mittlerweile zehnten, in dessen Zentrum die Hamburger Staatsanwältin mit schottisch-irischen Wurzeln Chastity Riley steht. Und man weiß nach der Lektüre, dass die 1972 geborene Autorin es ernst gemeint hat mit ihrer Ankündigung, den Krimi zu erneuern – indem sie ihn weitgehend von dem befreit, was den Krimi nach landläufiger Vorstellung ausmacht. Einen Fall, häufig Mord, einen Täter, Ermittler, eine Lösung oder auch keine, solche Sachen eben.

          Philosophische Trinker, trinkende Philosophen

          Spätestens im Vorgängerroman „Hotel Cartagena“ machte Buchholz mit einem vielstimmigen Epilog in Form eines Langgedichts deutlich, dass sie sich für überkommene Kategorien nur mehr bedingt interessiert. Mit diesem Band ging das Leben der Chastity Riley endgültig in ein entropisches Stadium über; der Ermittler Faller, ein Mentor und Freund, stirbt bei der Geiselnahme in einem Hamburger Hotel, diverse Kollegen überleben schwer verletzt an Körper und Seele – und sie haben sich noch nicht erholt, als die Handlung von „River Clyde“ einsetzt. Sie taumeln als Selbsthilfegruppe in seltsamen Drogen- und Kuschelorgien der Genesung entgegen.

          Nur der Polizist Ivo Stepanovic ist noch einigermaßen stabil, er schafft es, Riley das Gefühl zu geben, „als wäre zum ersten Mal seit Ewigkeiten überhaupt irgendwas schön“. Doch im augenblicklichen Zustand kann er als Liebhaber nicht genug Bindekraft entfalten. Schon gar nicht, als die Staatsanwältin einen Brief aus Schottland bekommt, der ihr eine Erbschaft in Aussicht stellt. Nach Glasgow also, eine Städtereise, mit Rundgang durch die Metropole am Clyde, diversen Besäufnissen in Pubs, in denen die Kerle den Gast aus Deutschland „Lassie“, Mädchen, nennen. Sie sind aber trotzdem alle schrecklich nett, philosophische Trinker, trinkende Philosophen.

          Die Polizei observiert, sonst tut sich wenig

          Dann taucht auch noch ein älterer Herr auf, Tom Gomoszynski, der in Riley das Abziehbild seiner verstorbenen Partnerin Eliza Broome wiedererkennt. Sie hat Riley ihr Haus vermacht. Es beginnt ein Pas de deux am Rande des Abgrunds, von schaurig-schöner Schwerelosigkeit, der Zeit entrückt, inklusive einer Fahrt nach Garelochhead, um die „Schrottidylle“ zu besichtigen. Auf Rileys Frage, was das am gegenüberliegenden Ufer sei – „eine Art Bunker, grauer Beton, riesig hart“ –, antwortet Tom: „Das sind die britischen Atomwaffen, U-Boote und so.“ Nach vielen Pints und Whiskeys kommt es zu einem Gespräch mit der Tante, die als Gespenst das Haus bewacht.

          Und der Fall? Spielt im fernen Hamburg. Fünf Immobilienmakler dezimieren sich weitgehend selbst, nachdem sie gleich zwei ganze Viertel mit Brandbeschleuniger in Schutt und Asche gelegt haben. Die Polizei observiert, sonst tut sich wenig. Fast pflichtschuldig schwenkt die Erzählung immer wieder an die Elbe, doch das Herz der Autorin schlägt eindeutig für den Clyde, der in Minikapiteln eine eigene Rolle bekommt, von fern an den denkenden Ozean in Stanislaw Lems Roman „Solaris“ erinnernd. Denn Clyde hat Riley seinerseits ins Herz geschlossen: „Jetzt sind dem Fluss doch Arme gewachsen, genau zwei, aber mehr braucht er auch nicht. Er kriecht (...) hoch an der Wand des Hotels, in dem sie schläft, mischt sich ins Glas der Fenster, breitet sich im Zimmer aus, über dem Teppich, bis zu ihr hin, legt sich dazu, hält sich fest, bewahrt ihre Grenzen, ihre Ränder, ihr Wesen, damit sie sich nicht auflöst.“

          Welche Botschaft transportiert das Cover? 

          Das Krimigenre hat mittlerweile, wir haben es auf dieser Seite schon häufiger festgestellt, einen sehr großen Magen. Gut möglich, dass Bücher wie jene von Simone Buchholz am Ende dazu beitragen, die Gattungsgrenzen noch weiter zu verschieben, bis den Philologen die Lust vergeht, sie einzuhegen. Im Falle Buchholz bleibt es – siehe die programmatische Ansage der Autorin – bei der Rubrizierung „Kriminalroman“, aber viele Verlage lassen mittlerweile das „Kriminal-“ weg und nennen die Bücher nur noch „Roman“, auch der Verkaufschancen wegen. Rätselhaft ist in diesem Zusammenhang aber die Frage, welche Botschaft das Cover transportiert. Eine mittelalte blonde Frau sitzt mit übergeschlagenen Beinen an einer deutschen Bushaltestelle. Bezug zum Roman?

          Ob es einen elften Band mit Chastity Riley geben wird? Oder ob die Reise nach Schottland der Abschied war, weil es so als Staatsanwältin nicht weitergehen kann? Ihre Fans werden ihr die Treue halten, solange sie weiterhin so kunstvoll auf dem Lebensgrat balanciert, der jederzeit „wegrutschen“ kann.

          Simone Buchholz: „River Clyde“. Kriminalroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 230 S., br., 15,95 €.

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