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Krimi von Jérôme Leroy : Sein Geisterleben

Niemand in der Pariser Metro würde sich an Berthet erinnern, er ist ein Mann, der sich auf Unsichtbarkeit versteht. Bild: Picture-Alliance

Ein Killer, der eine schwarze Politikerin beschützt? Das klingt bemüht. Jérôme Leroy macht aus dieser Konstellation einen großartigen Roman.

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          „Berthet soll getötet werden. Das ist eine ziemlich schlechte Idee.“ Diesem Befund wird zustimmen, wer nach diesem Auftakt den vornamenlosen Berthet näher kennenlernt. Als Agent nahe dem Pensionsalter ist er aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und seines jung gebliebenen Killerinstinkts ein alter Hirsch, der den heimlichen Auftritt meisterlich beherrscht. Als Mitglied der Unité, eines Geheimdiensts im Geheimdienst, ist er immer dann im Einsatz, wenn Auftragsmorde anstehen, mit oder ohne Einsatz von Waffen, je nach Lage. Da er das Metzgerhandwerk erlernt hat, kann er zur Not auch Leichen portionieren, wenn es dem unauffälligeren Abtransport dient. Manchmal trifft es auch ganz harmlose Zeitgenossen, die ihm zum Opfer fallen, weil die Unité nur mal wieder die Loyalität ihrer Mitarbeiter prüfen will. Befehl ist Befehl.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Häufig haben die Aufträge aber eine sehr handfeste politische Dimension, etwa wenn ein französischer Botschafter nach dem Besuch eines palästinensischen Flüchtlingslagers einem Attentat zum Opfer fällt. Dann wird „höheren Orts“ entschieden, den Inlandsnachrichtendienst auf die Idee zu bringen, es sei Zeit, den in Frankreich lebenden Angehörigen dieser „Regionalmacht“, die den Ambassador in einem Kugelhagel eliminiert hat, einen Denkzettel zu verpassen. Am Ende sind im ganzen Land sehr viele Menschen auf recht unterschiedliche Weise ums Leben gekommen, „erhebliche Verluste“ wurden zugefügt. Und Berthet, der zeitlebens in keine Rentenkasse eingezahlt hat, widmet sich mit einer Tasche voll Geld wieder den schönen Dingen des Lebens – der Lektüre von Gedichten, alten Filmen, gutem Essen und entsprechendem Wein. Ein Geisterleben. Bis ihn seine Leidenschaft für eine schwarze Frau bei der Unité zur Unperson macht.

          Jérôme Leroy: „Der Schutzengel“.

          Seltsamerweise ist dieser Killer der „Schutzengel“, der dem Roman von Jérôme Leroy den Titel gibt. Warum das so ist, erfahren wir erst sehr spät, im dritten Teil des Buches. Die annähernd gleich langen Portionen wechseln nach Berthet zu Martin Joubert, dem „es nicht gutgeht“. Dem medikamenten- und alkoholabhängige Publizisten will nichts Gescheites mehr gelingen, er hat es schon mit Science-Fiction, Softpornos und – als echter Salon-Linker – mit rechtslastigen Kommentaren versucht. Sein Leben entgleitet ihm und mit diesem seine formidable Gefährtin Hélène Rieux, eine sinnliche und kluge Sportschönheit, es ist ein Jammer.

          Wir sind genauso verblödet wie Börsenmakler

          Immerhin hat Joubert noch so viel Selbstachtung, dass er es ablehnt, einem Rechtsaußen als Ghostwriter zu dienen. Nach diesem Affront geht es ihm physisch an den Kragen, denn nun taucht ein alter Bekannter aus Leroys erstem ins Deutsche übersetzten, bereits 2011 im Original erschienenen Roman „Der Block“ (F.A.Z. vom 3. April 2017) auf: Stanko. „Der ehemalige Skinhead und frühere Fallschirmspringer war ein zu Tobsuchtsanfällen neigender Zwerg und halber Homo, gefährlich wie ein unbekanntes Virus.“ Er führt die härteste Schlägertruppe des Patriotischen Blocks an, einer Partei, die in Führungsstruktur und Auftritt stark an den früheren Front National erinnert.

          Mit dem dritten Erzählstrang tritt eine Frau ins Zentrum, ohne selbst wirklich die Stimme zu erheben: Kardiatou Diop, eine aus Schwarzafrika stammende Staatssekretärin, deren Geschichte ihr persönlicher Referent und Liebhaber, ein weißer Franzose, aufschreibt. Seine Funktionseliten-Welt beschreibt er so: „Wir sind kompetent und im Gegensatz zum landläufigen Vorurteil in der Regel ehrlich, haben jedoch keine Ahnung, was dem Menschen hinter den Grafiken und Statistiken, unseren Berichten und Resümees gefallen könnte. Wir essen teuer und schlecht in Restaurants, in die alle gehen. Wenn wir lesen, dann politische Essays. Wir sind genauso verblödet wie Börsenmakler. Wir haben mittelmäßigen Sex mit anderen Paragrafenreitern. Wir machen Kinder, weil das alle machen. Wir ordnen unserer Karriere alles unter.“

          Schriftstellerische Intelligenz

          Kardiatou Diop vom Stamm der Serer wächst in Roubaix auf, fern der Prägeanstalten künftiger Karrieren. Aber sie, die im Bedarfsfall auch „die Negerin“ spielen kann, wie man ihr vorwirft, hat es gegen alle Vorhersagen bis in höchste politische Ämter geschafft. Wie unauflöslich dieser Lebensweg mit Joubert und Berthet verwoben ist, tritt erst zutage, als Diop bei einer Kommunalwahl gegen Agnès Dorgelles, die Chefin des Patriotischen Blocks, antritt. Die politische Position der Unité versteht sich dabei von selbst.

          Mit Jérôme Leroys drittem ins Deutsche übersetzten Buch – dem „Block“ folgte die von unserem Kritiker als „elegante Untergangsetüde für zwei Personen“ charakterisierte Dystopie „Die Verdunkelten“ (F.A.Z. vom 1. Oktober 2018) – ist endgültig klar, mit wem wir es hier zu tun haben: mit einem Schriftsteller von europäischem Rang. Der 1964 in Rouen geborene Autor verfügt über große schriftstellerische Intelligenz, und er fühlt sich mit der Etikette „Kriminalroman“ erkennbar wohl, weil er gar nicht darauf festgelegt ist. Er hat Jugendbücher, Gedichte, Essays und Kurzgeschichten vorgelegt.

          Action, politische Zeitdiagnostik und zwischenmenschliche Poesie

          Ein Glück, dass die Edition Nautilus zusammen mit der Übersetzerin Cornelia Wend die Autorenpflege ernst nimmt. Der vor sechs Jahren bei Gallimard erschienene Roman „Der Schutzengel“ beweist, welche Qualitäten der als Genreliteratur abgestempelte Krimi sich erobert hat. Im vorliegenden Fall nämlich auch eine immens politische, indem er die Existenz eines „Tiefen Staates“ nicht als vordergründige Behauptung ins Schaufenster stellt, sondern hintergründig dessen Mechanismen freilegt. Leroy schaut sehr genau hin, wie sich schwelender Rassismus in einen gesellschaftlich akzeptierten Alltag der Verleumdungen und Lügen verwandelt.

          Um es deutlich zu sagen: Ein Krimi ist das Buch natürlich auch, und zwar ein ziemlich brutaler mit vielen Toten, Gewaltexzessen, expliziten Sexszenen. Leroy löst am Ende alle Unwahrscheinlichkeiten des Plots kunstvoll auf – in einer Mischung aus Action, politischer Zeitdiagnostik und zwischenmenschlicher Poesie.

          Man ist sogar geneigt, Berthet seine Lebensweisheiten abzunehmen, bis hin zum Melodramatischen. Häufig führt der Agent der Unité eine Ausgabe des Gedichtromans von Georges Perros bei sich, der 1967 unter dem Titel „Une vie ordinaire“ erschienen ist. Anne Weber hat das autobiographische Langgedicht mit „Luftschnappen war sein Beruf“ überschrieben und es vor acht Jahren in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht. Wer Perros liest, sieht Berthet noch deutlicher und versteht, warum der Killer am Ende lieber Dichter werden würde. Stattdessen sucht er sich mit Martin Joubert einen Transmitter, dem er die Augen öffnet für eine neue „Schnittfassung“ der jüngsten Vergangenheit Frankreichs. Der Schutzengel hat noch jede Menge Trümpfe in der Hand.

          Jérôme Leroy: „Der Schutzengel“. Kriminalroman. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2020. 352 S., br., 20,– €.

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