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Krimi von Jérôme Leroy : Sein Geisterleben

Niemand in der Pariser Metro würde sich an Berthet erinnern, er ist ein Mann, der sich auf Unsichtbarkeit versteht. Bild: Picture-Alliance

Ein Killer, der eine schwarze Politikerin beschützt? Das klingt bemüht. Jérôme Leroy macht aus dieser Konstellation einen großartigen Roman.

          4 Min.

          „Berthet soll getötet werden. Das ist eine ziemlich schlechte Idee.“ Diesem Befund wird zustimmen, wer nach diesem Auftakt den vornamenlosen Berthet näher kennenlernt. Als Agent nahe dem Pensionsalter ist er aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und seines jung gebliebenen Killerinstinkts ein alter Hirsch, der den heimlichen Auftritt meisterlich beherrscht. Als Mitglied der Unité, eines Geheimdiensts im Geheimdienst, ist er immer dann im Einsatz, wenn Auftragsmorde anstehen, mit oder ohne Einsatz von Waffen, je nach Lage. Da er das Metzgerhandwerk erlernt hat, kann er zur Not auch Leichen portionieren, wenn es dem unauffälligeren Abtransport dient. Manchmal trifft es auch ganz harmlose Zeitgenossen, die ihm zum Opfer fallen, weil die Unité nur mal wieder die Loyalität ihrer Mitarbeiter prüfen will. Befehl ist Befehl.

          Hannes Hintermeier
          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Häufig haben die Aufträge aber eine sehr handfeste politische Dimension, etwa wenn ein französischer Botschafter nach dem Besuch eines palästinensischen Flüchtlingslagers einem Attentat zum Opfer fällt. Dann wird „höheren Orts“ entschieden, den Inlandsnachrichtendienst auf die Idee zu bringen, es sei Zeit, den in Frankreich lebenden Angehörigen dieser „Regionalmacht“, die den Ambassador in einem Kugelhagel eliminiert hat, einen Denkzettel zu verpassen. Am Ende sind im ganzen Land sehr viele Menschen auf recht unterschiedliche Weise ums Leben gekommen, „erhebliche Verluste“ wurden zugefügt. Und Berthet, der zeitlebens in keine Rentenkasse eingezahlt hat, widmet sich mit einer Tasche voll Geld wieder den schönen Dingen des Lebens – der Lektüre von Gedichten, alten Filmen, gutem Essen und entsprechendem Wein. Ein Geisterleben. Bis ihn seine Leidenschaft für eine schwarze Frau bei der Unité zur Unperson macht.

          Jérôme Leroy: „Der Schutzengel“.
          Jérôme Leroy: „Der Schutzengel“. : Bild: Edition Nautilus

          Seltsamerweise ist dieser Killer der „Schutzengel“, der dem Roman von Jérôme Leroy den Titel gibt. Warum das so ist, erfahren wir erst sehr spät, im dritten Teil des Buches. Die annähernd gleich langen Portionen wechseln nach Berthet zu Martin Joubert, dem „es nicht gutgeht“. Dem medikamenten- und alkoholabhängige Publizisten will nichts Gescheites mehr gelingen, er hat es schon mit Science-Fiction, Softpornos und – als echter Salon-Linker – mit rechtslastigen Kommentaren versucht. Sein Leben entgleitet ihm und mit diesem seine formidable Gefährtin Hélène Rieux, eine sinnliche und kluge Sportschönheit, es ist ein Jammer.

          Wir sind genauso verblödet wie Börsenmakler

          Immerhin hat Joubert noch so viel Selbstachtung, dass er es ablehnt, einem Rechtsaußen als Ghostwriter zu dienen. Nach diesem Affront geht es ihm physisch an den Kragen, denn nun taucht ein alter Bekannter aus Leroys erstem ins Deutsche übersetzten, bereits 2011 im Original erschienenen Roman „Der Block“ (F.A.Z. vom 3. April 2017) auf: Stanko. „Der ehemalige Skinhead und frühere Fallschirmspringer war ein zu Tobsuchtsanfällen neigender Zwerg und halber Homo, gefährlich wie ein unbekanntes Virus.“ Er führt die härteste Schlägertruppe des Patriotischen Blocks an, einer Partei, die in Führungsstruktur und Auftritt stark an den früheren Front National erinnert.

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