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Krimi von Scott Thornley : Mord als Theaterstück

  • -Aktualisiert am

Vorlage: Kurz nachdem französische Regierungstruppen in einem Pariser Mietshaus ein Blutbad angerichtet hatten, fertigte Honoré Daumier die Lithographie „Rue Transnonain, le 15 avril 1834“. Bild: picture alliance / Liszt Collection

Ist das jetzt Blut oder Tomatensoße? Scott Thornleys Ermittlerteam macht sich Gedanken über Kunst und Metakunst. Nennenswerte Erkenntnisse kommen dabei zwar nicht heraus. Dafür ist die Gewalt umso schockierender.

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          Auf Seite hunderteinundzwanzig fällt das entscheidende Wort: „Metakunst“. Davon handelt Scott Thornleys Roman „Der gute Killer“. Und das ist eine durchaus beunruhigende Nachricht, denn selten führt als Krimi drapierte Theoriehuberei zu einem ansehnlichen Ergebnis. Meistens geht es darum, einem kleinen Kreis von Eingeweihten, der bei der Lektüre aus dem Nicken nicht mehr herauskommt, dieses wärmende Bescheidwissergefühl zu geben. Im vorliegenden Fall heißt das: Der Mörder stellt mit seinen Opfern Kunstwerke nach, er fotografiert sie, findet das avantgardistisch und bietet die Aufnahmen einer Galerie in Paris an. So arrangiert er etwa zwei Leichen in einem Herrenhaus nach dem Vorbild von Honoré Daumiers Lithographie „Rue Transnonain, le 15 avril 1834“. Abgerundet wird das Tableau von Puppen, aus deren Wunden rote Watte quillt.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Ermittler, Superintendent Mac­Neice, spürt gleich, dass dem Täter nur beizukommen ist, wenn sich das Vorbild dieser Szene zweiter Ordnung identifizieren lässt. Jedoch drängt die sich anschließende Recherche alles, was dem Buch auf die Sprünge helfen könnte, ins Abseits: psychologische Tiefe, riskante Entscheidungssituationen und paradoxerweise auch die raffinierte Erörterung ästhetischer Fragen. Das zeigt sich beispielsweise, sobald eine Ermittlerin feststellt, der Mörder bewege sich „auf einem schmalen Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit“. Verdutzte Kollegen, leere Gesichter. Der Betrachter, erklärt sie, gehe „automatisch davon aus, dass das Blut nicht echt ist, sondern Tomatensoße oder so was. Die meisten Leute würden vermutlich glauben, dass das hier keine echten Leichen sind, sondern Schauspieler, die so tun, als wären sie tot.“

          Scott Thornley: „Der gute Killer“. Kriminalroman.
          Scott Thornley: „Der gute Killer“. Kriminalroman. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Schein und Sein, Authentizität und Inszenierung, Leben und Tod, Wahrheit und Lüge, alles nicht uninteressant, aber in MacNeices viertem Fall geradezu danbrownhaft schlicht an den Leser getragen. Immerhin verzichtet Hobbyfotograf Thornley darauf, medientheoretisch auszuholen, denn dann wäre ein Seminar über die Grundlagen der Semiotik und Kategorien wie „Aura“, „Symbol“ und „Index“ eröffnet. Stattdessen gibt Dr. Ridout, Klischee-Kurator für zeitgenössische Kunst, zu bedenken: „Abgesehen von den mörderischen Aspekten seiner Arbeit zeichnet sich dieses Werk nämlich durch ein gut durchdachtes Konzept aus. Es handelt sich im Grund um Theater.“ Letzteres gilt auch für „Der gute Killer“, Ersteres nicht.

          Thornley, der in Kanada aufwuchs und eine Beratungsfirma im Bildungs- und Gesundheitsbereich leitete, schickt seinen ornithologisch versierten Helden, der nicht nur mit Vögeln, sondern auch mit seiner toten Frau spricht, häufiger zur Therapeutin. Allerdings haben die Sitzungen keine handlungsmotivierende Funktion. Tschechows Forderung, nichts dürfe in der Literatur egal, keine Episode folgenlos bleiben, ergibt gerade in Krimis Sinn, wird von Thornley aber laufend unterwandert. MacNeice steht weder kurz vor dem Kollaps, noch wird er durchdrehen oder grobe Dummheiten begehen. Ja, er trinkt zu viel Grappa, ja, er hat seltsame Träume, aber sein etwas prekärer Seelenzustand verdankt sich einem Autor, der zu wissen glaubt, dass Krimihelden unter einem etwas prekären Seelenzustand leiden sollten.

          Das Finale (Schwert, Gedärme, Blutbad) steigert die vorangegangene Bestialität und reichert sie mit Action-Sequenzen an, die den Ton des Buchs grundsätzlich ändern. Gut, könnte man sagen, da will jemand die Kunst als autonom verstehen und zeigen, dass sie keine Grenzen kennt. Mit den sichtbaren Seiten des Bösen muss ein Krimi, zumal einer über ästhetische Fragen, jederzeit genauso rechnen wie mit Registerwechseln. Das beißt sich allerdings mit den brav zitierten Motiven aus der Kunstgeschichte und der immer wieder angerührten Bildungstunke. Am Schluss zitiert eine Polizistin auf dem Schlachtfeld aus Shakespeares „Heinrich V.“. Die Kollegen sind ergriffen. „Das war wunderbar“, sagt einer, „das mein ich ernst – echt wunderbar. Von wem ist das?“ Die Frage ist natürlich nicht angemessen, aber das kann passieren im Eifer des Gefechts. Eigentlich müsste sie lauten: „Was soll das?“

          Scott Thornley: „Der gute Killer“. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. 399 S., br., 16,95 €.

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