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Kriminalroman von Roversi : Spaß am Blick in den Abgrund

  • -Aktualisiert am

Nächtliche Langzeitbelichtung aus Mailand. Die Lichter der Straßenbahn zeichnen Linien auf den Film. Bild: Picture-Alliance

Eine Generation, zerrieben zwischen Tradition und Moderne: Bei Paolo Roversi fließt Blut in Mailand. Doch der Autor pflegt ein kulinarisches Verhältnis zum Zwielicht.

          3 Min.

          Bedeutende Männer aus der Mailänder Oberschicht fallen Morden zum Opfer, einer von ihnen hinterlässt ein geheimnisvolles Symbol, geschrieben mit dem eigenen Blut, und alle Indizien deuten auf eine mysteriöse Bruderschaft, die unter ihren Kapuzen nicht weniger als die Weltherrschaft anstrebt. Das klingt nach den verschwörungstheoretischen Dimensionen eines Romans von Dan Brown, nur dass diesmal kein akademischer Universalgelehrter im Mittelpunkt steht.

          „Das Blut in den Straßen von Mailand“ ist der dritte ins Deutsche übersetzte Radeschi-Krimi des Mailänders Paolo Roversi, und er geht zurück zu den Anfängen des Protagonisten. Enrico Radeschi hat gerade erst das Studium hinter sich gebracht und will Reporter werden. Deshalb kommt er aus der Emilia-Romagna in die Großstadt, kollaboriert mit der Polizei, um immer als Erster den nächsten großen Coup zu landen, und steht dabei stets mit einem Fuß im Gefängnis.

          „Das Blut in den Straßen von Mailand“
          „Das Blut in den Straßen von Mailand“ : Bild: Ullstein Verlag

          Er findet sich wieder in einer Welt, in der einem niemand etwas schenkt, bevölkert von harten Typen mit schroffen Umgangsformen: Polizeivizedirektor Loris Sebastiani, der nach seiner Scheidung eine zweite Pubertät durchläuft, dazu alteingesessene, den Nachwuchs schamlos ausbeutende Journalistenrauhbeine. Frauen kommen nur am Rande vor, sie sind überfürsorgliche Mütter, idealisierte erste Lieben, eigenschaftsloses Datingmaterial oder skrupellose Killerinnen. Immerhin, das muss man Roversi lassen, geht die Emanzipation in beide Richtungen: Mann oder Frau, bei ihm sind alle Figuren grob gezeichnete Karikaturen, die samt und sonders im gleichen Tonfall sprechen, obgleich ständig die Erzählperspektiven und Zeitformen wechseln.

          Anspielungen auf die Zeit- und Genregeschichte

          Nur Radeschis Mitbewohner Fabio sorgt für einen Hauch von Bildungsroman. Ein Nerd in einer Zeit, bevor man Nerds kannte, komplett mit Pickeln, Tiefkühlpizza und Informatikstudium. Er unterrichtet Radeschi im Tausch gegen zwei warme Mahlzeiten pro Tag und legt so den Grundstein für dessen Hackerkarriere. Als kurz vor Silvester 2001 ein berühmter Anwalt ermordet unter dem Relief der halbwollenen Sau auf der Piazza dei Mercanti liegt, hat Radeschi seinen ersten Fall.

          Nebenbei schreibt Paolo Roversi über die Umstellung von der Lira auf den Euro und von der Videokassette zur DVD, über die neusten Entwicklungen im World Wide Web – „Das Internet wird wieder verschwinden wie alle Modeerscheinungen“ – und lässt sogar ein Flugzeug in ein Hochhaus krachen. „Das Blut in den Straßen von Mailand“ ist randvoll mit solchen Anspielungen auf die Zeit-, und Genregeschichte: Seine kanariengelbe Vespa nennt Radeschi „giallo“, seinen Hund nach Bukowski und seinen neuen Blog „Milanonera“ – wie den 1961 nach einem Drehbuch von Pier Paolo Pasolini entstandenen Film. Eine Art italienisches „Uhrwerk Orange“ über eine Gruppe Kleinkrimineller, die an Silvester Chaos stiften.

          Während der Film tatsächlich hinabsteigt zum Bodensatz einer vom Nachkriegsaufschwung übergangenen, zwischen Tradition und Moderne zerriebenen Generation, in jenen Morast also, aus dem sich jahrzehntelang das überbordende italienische Genrekino jenseits der großen Namen mit seinen „gialli“ und „poliziotteschi“ speiste, pflegt Roversi dazu lediglich ein kulinarisches Verhältnis. Spaß am Blick in den Abgrund aus sicherer Entfernung. Schmückt sich hier und da mit einem fallengelassenen Namen, dort mit einer Referenz, und lässt Radeschi und Fabio unkommentiert arrogant auf die Erotikfilme herabblicken, von denen sie selbst profitieren: Sie nehmen sie im Kabelfernsehen auf, um die Kassetten gewinnbringend an Studenten zu verscherbeln. Aber wer seinen Joe D’Amato nicht ehrt, ist auch Pasolini nicht wert.

          Dabei blitzt gelegentlich durchaus so etwas auf wie ein Masterplan Roversis, das Potential seiner Geschichte. Schließlich erzählt auch er von einer Generation, die sich auf dem Treppenabsatz zur vorerst gesetzlosen Ära der Digitalisierung und Globalisierung neu zurechtfinden muss. „Ich wette, es wird der Sommerhit des Jahres“, sinniert Radeschi einmal über das Lied „Aserejé“ von Las Ketchup.

          „Und gleichzeitig denke ich, dass ich ein Vollidiot bin, der sich um ganz andere Dinge kümmern müsste als um ein albernes Lied. Wir haben gerade entdeckt, dass die Welt vielleicht direkt auf eine Katastrophe zusteuert.“ Gar nicht mal so abwegig. Nach 9/11 und eine Handvoll globaler Krisen später sind die als „Ende der Geschichte“ gedachten neunziger Jahre endgültig vorbei.

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