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Japanischer Krimiklassiker : Des Rätsels Lösung ist ein Rätsel

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Eine Black Box in Lapislazuliblau führt ins Zentrum von Riku Ondas japanischem Verwirrspiel. Bild: Mauritius

Riku Ondas preisgekrönter Roman „Die Aosawa-Morde“ kommt mit Verspätung in deutscher Übersetzung. Er verhandelt eine schreckliche Denksportaufgabe: Nach einer Feier sind 17 Menschen tot, der Morde verdächtig ist ein blindes Mädchen.

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          Wenn zehn Leute in einem Haus sind und neun sterben, wer ist dann der Schuldige? Die Antwort ist einfach: Es ist der Überlebende, natürlich.“ In „Die Aosawa-Morde“ ist die Überlebende ein zwölfjähriges blindes Mädchen namens Hisako, Tochter einer angesehenen Ärztedynastie aus der nicht näher identifizierten japanischen Stadt K.

          Am Ende einer Geburtstagsfeier für drei Mitglieder ihrer Familie, bei der ein Kurier vergiftete Getränke liefert, sind siebzehn Menschen tot, darunter sechs Kinder. Als kurz darauf der Sake-Lieferant Selbstmord begeht und damit seine Schuld einzugestehen scheint, wird der Fall zu den Akten gelegt. Doch die zwei Personen, auf die es ankommt, sind sich sicher, dass Hisako für die Morde verantwortlich ist: der ermittelnde Kriminalbeamte und die Hausfrau Makiko Saiga, die als Kind Zeugin der Tragödie wurde, als sie mit ihren Brüdern zu spät zur Feier stieß. Jahrzehnte danach verfasst sie darüber einen Bestseller, den Tatsachenroman „Das vergessene Fest“.

          Spiel für die Leserschaft

          Es gibt in der Kriminalliteratur Japans zwei zentrale Strömungen: Hart gekochte Detektivgeschichten, am Sozialrealismus geschult und gern mehrere Bände umfassend, sind das eine Erfolgsrezept. Das andere heißt Honkaku, wörtlich übersetzt orthodox. Es ist vom goldenen Zeitalter der Detektivgeschichten à la Agatha Christie inspiriert und begreift sich weniger als hohe Literatur denn als Spiel für die Leserschaft. Seine hochartifiziellen Whodunits sind nach einem strikten Fair-Play-Prinzip konstruiert: Alle Hinweise verstecken sich im Text, sodass es theoretisch möglich ist, den Fall während der Lektüre zu lösen.

          Riku Ondas „Die Aosawa-Morde“, 2006 mit dem Mystery Writers of Japan Award ausgezeichnet, ist eher dem Shin-Honkaku zuzurechnen, dem Neu-Orthodoxen. Seit den Achtzigerjahren lösen sich die Autoren von den starren Regeln des Genres, spielen mit der Form, fügen ihr Metaebenen hinzu. In der englischsprachigen Welt sorgt derzeit der britische Verlag Pushkin Press mit seinen im Retro-Look gestalteten Ausgaben für ein kleines Honkaku-Revival. In Deutschland sind „Die Aosawa-Morde“ der erste übersetzerische Vorstoß ins Subgenre – und in dieser Hinsicht das optimale Aushängeschild. Der Text ist ein Spiel mit der Wahrheit, ein faszinierend komplexes 3-D-Puzzle; einerseits hinsichtlich der Erzählweise, die permanent die Zeitebenen und häufig auch zunächst unbemerkt die Perspektiven wechselt.

          Jahre nachdem Makiko Saiga ihr Buch veröffentlicht, stellt wieder jemand Fragen über den Aosawa-Fall. Die Identität dieser Figur bleibt fürs Erste ungeklärt, aber die Antworten, die sie erhält, bilden in Form von Interviewtranskripten das pochende Herz des Textes. Diese Abschnitte wechseln sich mit Passagen aus „Das vergessene Fest“ ab, mit Zeitungsausschnitten, Forschungsnotizen, Dialogen, die einer entrückten Traumlogik zu folgen scheinen. Im klassischen Honkaku helfen abgebildete Diagramme, Karten, Grundrisse dabei, die Rätsel zu entschlüsseln, nicht selten sind die Plots um die Eigenheiten sonderbarer Bauwerke herum konstruiert.

          In Soji Shimadas „Murder in the Crooked House“ lässt sich etwa ein Geschäftsmann ein Anwesen bauen, in dem sich sämtliche Böden in einem Fünfgradwinkel neigen. Riku Onda greift dieses zen­trale Motiv in Gestalt der Aosawa-Residenz auf, eines Gebäudes, das mit seiner schiffsähnlichen Bauweise und den runden Bullaugenfenstern alle Blicke auf sich zieht. Darin: ein geheimnisvolles Zimmer, das in vielen Phantasien der Beteiligten auftaucht. Gestrichen in kaltem Lapislazuliblau, bildet es die umgefärbte Blackbox der Geschichte.

          Riku Onda: „Die Aosawa -Morde“. Kriminalroman.Aus dem Japanischen von Nora Bartels.Atrium Verlag, Zürich 2022. 368 S., geb., 22,– €.
          Riku Onda: „Die Aosawa -Morde“. Kriminalroman.Aus dem Japanischen von Nora Bartels.Atrium Verlag, Zürich 2022. 368 S., geb., 22,– €. : Bild: Atrium

          Onda ist eine Meisterin darin, solche Gedankengebäude aus Bruchteilen zu errichten, mehr frei tragendes Gerüst als solides Mauerwerk. Sie befreit das Genre vom Druck, zu jedem Rätsel die passende Lösung präsentieren zu müssen, bietet meist nur weitere mögliche Verbindungslinien an. Ein Glossar für japanische Fremdwörter hilft dabei, den Überblick nicht zu verlieren. „Ich glaube, es gibt Zeiten, in denen eine Reihe von Auslösern und Zufällen ineinandergreifen, um etwas so Schreckliches zu erschaffen, dass es alles übertrifft, was Menschen sich ausdenken können“, überlegt Makiko Saiga einmal, befragt nach den Aosawa-Morden. „Solche Ereignisse präsentieren sich uns dann in Form eines großen Unglücks, als ob sie unseren mickrigen menschlichen Verstand verhöhnen wollten. Mein Gefühl sagt mir, dass dieses Verbrechen so etwas war.“

          Ziemlich tongue-in-cheek dieser Satz, für ein Genre, dessen Ursprung ausgerechnet im Erdenken möglichst raffinierter Katastrophen liegt. Zugleich manifestiert sich darin aber auch die Öffnung des Honkaku vom ganz auf die eigenen Mechanismen fixierten Knobelspiel hin zu einem fortgeschrittenen Selbstverständnis, einem weiteren Horizont. Als Teil der japanischen Literaturszene, die sich zunehmend selbstkritisch mit der Shōwa-Ära, mit Imperialismus und Zweitem Weltkrieg, Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder, beschäftigt, erweist sich Shin-Honkaku sogar als ideale Form, um beiläufig gesellschaftliche Hierarchien und Machtstrukturen zu analysieren – gerade in einer Kultur, in der vieles nicht deutlich ausgesprochen, dafür in einem geschützten künstlerischen Rahmen umso drastischer gezeigt werden darf.

          Ondas Roman erinnert darin gelegentlich an das Episodenkonzept des in Japan immens populären Columbo, dessen bestechende Logik auf den ersten Blick ebenfalls einen größeren Reiz ausübt als die verhandelten Klassenkonflikte. Vom zerknautschten Inspektor könnte ebenfalls die Begründung stammen, mit der Makiko Saiga ihre Faszination für die Aosawa-Morde begründet: „Von etwas Abstoßendem den Blick nicht abzuwenden, sondern es kühl zu betrachten und als eine Art von Schönheit zu bewundern.“

          Riku Onda: „Die Aosawa -Morde“. Kriminalroman.Aus dem Japanischen von Nora Bartels.Atrium Verlag, Zürich 2022. 368 S., geb., 22,– €.

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