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Bücher von Philip Kerr : Bernie Gunther lebt bald nicht mehr

Philip Kerr, britischer Schriftsteller, ist im März im Alter von 62 Jahren verstorben. Bild: dpa

Philip Kerr, unlängst verstorbener englischer Autor, war angefixt von Berlin und deutscher Geschichte. Was die Krimiwelt mit ihm verloren hat, kann man aktuell in zwei Romanen nachprüfen.

          3 Min.

          „Gestern habe ich versucht, mich umzubringen.“ Bernie Gunther ist wirklich nicht mehr gut drauf. Er lebt in Cap Ferrat unter falschem Namen und arbeitet als Concierge in einem Grand-Hotel. Seine dritte Frau hat ihn sitzenlassen, er geht auf die sechzig zu, er trinkt zu viel. Und wie stets auf allen seinen Wegen holt ihn auch an der französischen Riviera im Jahr 1956 seine Vergangenheit ein: als er Kriminaler in Berlin war, dessen Herz eigentlich für die Sozialdemokratie schlägt, der aber durch eine schicksalhafte Verkettung im Sicherheitsdienst, dem Geheimdienst von NSDAP und SS, landet.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Er hat es mit ganz gewöhnlichen Verbrechern zu tun und mit Ausnahmeerscheinungen wie Heydrich und Goebbels. Ideologisch nicht festgelegt, da Zyniker bis ins Mark, arbeitet er nach dem Krieg auch für die Staatssicherheit der DDR oder fallweise als Privatdetektiv. Ein Mann für alle Fälle, der immer wieder auf Typen trifft, die ihn von seinem früheren Leben her kennen. Sie alle haben „im Krieg“ etwas gemacht, wovon sie lieber schweigen; sie alle sind Bewohner einer Halbwelt, die mit der Oberfläche der neuen demokratischen Zeit nur so viel zu tun haben will, als sie an deren Geldbeutel will.

          Bald kreuzt eine enigmatische Schönheit Bernie Gunthers Pfade. Dass sie, die angeblich an einer Maugham-Biographie sitzt, das absichtlich tut, ist dem Leser klar, aber der Protagonist und Ich-Erzähler lässt sich willentlich als Bridge-Lehrer einspannen, um der Dame dann Zugang zur Villa Mauresque zu verschaffen, in welcher der englische Erfolgsschriftsteller W. Somerset Maugham ein ausschweifendes gleichgeschlechtliches Leben führt, in diesen Jahren keine Kleinigkeit.

          „Kalter Frieden“ erschien erst am 24. April 2018.

          Kerr macht eine Verbeugung: Seine Porträtskizze des monokelbewehrten Kollegen ist voller Feingefühl und Respekt. Maugham war ein weltweit gelesener, produktiver Autor, er schrieb Theaterstücke und Romane, sein bekanntester erschien bereits 1915 – „Of Human Bondage“ (deutsch erst 1939 unter dem Titel „Der Menschen Hörigkeit“). Nebenbei spionierte er für den englischen Geheimdienst in Italien, der Schweiz, den Vereinigten Staaten und in Russland, zeitweise auch für die Amerikaner.

          Die Dialoge, die Kerr zwischen Maugham und Gunther sich entspinnen lässt, sind ebenso akkurat gearbeitet wie der Plot, den er routiniert entlang eines Erpressungsversuchs vorantreibt, bis die Geheimdienste sich einschalten. Am Ende steckt Bernie Gunther in einer Gemengelage, in der er sich beinahe wünscht, sein Selbstmordversuch wäre erfolgreich verlaufen. In der Mühle, die englischer und ostdeutscher Geheimdienst nun aufziehen, wird er beinahe zerrieben – ausgerechnet mit narrativen Techniken befreit er sich. Er tischt eine Geschichte auf, die stimmen könnte.

          Zeithistorisches Fundament und penible Milieukenntnis

          Wenige Wochen nach seinem Tod erschien bei Kerrs Hausverlag Quercus „Greeks Bearing Gifts“, der Titel eine Anspielung auf Vergils berühmten Satz aus der „Aeneis“: „Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke tragen.“ Diesmal hat es Bernie Gunther in den Winter des Jahres 1957 in München verschlagen. Er arbeitet als Leichenwäscher im Schwabinger Krankenhaus. Als er die sterblichen Reste eines Opfers einer Fliegerbombe, die bei Bauarbeiten detonierte, versorgt, erkennt ihn ein korrupter Kriminaler aus der Ettstraße wieder und erpresst ihn, um ihn bei einem Raubmord einzuspannen.

          Danach wechselt Gunther in die Versicherungsbranche zur Münchner Rück – warum diese bei Kerr Lebensversicherungen verkauft und die Konzentrationslager versichert haben soll, bleibt sein Geheimnis. Gunther landet in Athen, bei einem sehr undankbaren Auftrag, in dem alte Nazis und noch ältere Antiken eine brisante Mischung ergeben.

          Kerrs Romane stehen also meist auf soliden zeithistorischen Fundamenten, auf Orts- und Milieukenntnis sowie auf penibler Recherche. So taucht etwa der im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gar nicht präsente Nazi Arthur Nebe bei Kerr immer wieder auf; schon in den Romanen „The Pale Criminal“ (1990) und „A German Requiem“ (1991) spielte er eine Rolle, die zusammen mit dem 1989 erschienenen Debüt „March Violets“, das in den dreißiger Jahren angesiedelt ist, als Trilogie unter dem Namen „Berlin Noir“ Kerrs Ruhm begründeten. Lange bevor Volker Kutscher die Bühne betrat.

          Nebe hat eine hakenkreuzschlagende Laufbahn hinter sich gebracht, die ihn vom völkischen Kripobeamten bis an die Spitze des Polizeiapparats brachte. Am Ende war er SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, befördert auch für sein Engagement im Judenmord – er hatte tatkräftig dazu beigetragen, das Vergasen als effizienteste Mordmethode zu etablieren. Da er gleichzeitig Kontakt zu den Verschwörern des 20. Juli hatte, wurde er Anfang März 1945 verhaftet und hingerichtet.

          Kerrs Romane sind auch insofern politisch, weil er die aus der heutigen Distanz erkennbaren Folgen des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre einbaut. Dazu gehören immer wieder auch kritische Bemerkungen zur Haltung seiner Landsleute – es sei denn, der gebürtige Edinburgher hätte sich in seiner Wahlheimat London heimlich noch als Schotte gefühlt? Die Briten jedenfalls seien nach dem Krieg der Überzeugung gewesen, die ganze Welt müsse ihnen (auch finanziell) dankbar sein, dass sie den Krieg gewonnen hätten. Diese subkutanen Kommentare sind – auch im Vergleich zu auf gleichem Terrain agierenden Autoren wie Joseph Kanon – eine Spezialität Kerrs. Dass er die ihm zugeschriebene Chandler-Nachfolge längst in eine eigene Schreibweise verwandelt hatte, kommt hinzu: Er spielt mit den Stilvorbildern seines Vorgängers, ohne diesen nachzuahmen.

          „Bernie Gunther kommt wieder 2019.“ So steht es ganz am Ende von „Kalter Frieden“, im Deutschen also noch zweimal, wenn Kerrs letzter, kurz vor seinem Tod fertiggestellter Roman „Metropolis“, der in England 2019 erscheinen soll, übersetzt sein wird. Dann wird Bernie Gunther Geschichte sein. Aber eine, die man nachlesen kann.

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